Restaurierungsarbeiten am verbrannten Reichsbahnwaggon gehen voran

Ein Stück Geschichte wiederbeleben

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Petra Schütte, Fachdienstleiterin Arbeit des Landkreises Verden, Johannes Schlüter, Leiter des Login-Projekts, Tomi Burchert, der aktuell am Stahl arbeitet und Alex Walter, Fachlicher Leiter im Holzbereich, vor dem Reichsbahnwaggon.

Verden - Er ist ein zeitgeschichtliches Mahnmal der Zwangsarbeit im Dritten Reich und ein fester Teil der Geschichte Verdens: Denn es war der „Verdener Waggon“, der, nachdem er im Jahr 2007 in Brand gesteckt worden war, zum Auslöser der kreisweiten Erinnerungskultur wurde. Jetzt, zwölf Jahre später, ist das Mahnmal fast vollständig restauriert und soll nächstes Jahr erneut Stellung auf dem Gelände der Berufsschule (BBS) Verden beziehen.

„Mittlerweile sind wir beim dritten Anstrich angekommen“, erklärt Johannes Schlüter, Leiter des Modellprojekts Login, während er auf den eindrucksvollen Eisenbahnwagen zugeht. Login steht für Lernen, Orientieren, Gestalten und Integrieren und ist ein multikulturelles Projekt zur Berufsorientierung, Eignungsfeststellung und Qualifizierung mit niederschwelligem Zugang, das sich in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Erinnerungskultur um die Instandsetzung des Mahnmals kümmert. „Zuvor haben wir den Rost am oberen Teil des Wagens entfernt und ihn mit Rostschutzmittel behandelt. Den Unterbau und die Räder lassen wir so, wie er jetzt ist“, so Schlüter weiter.

„Der nächste große Schritt wird dann die Anbringung der Planken an den Seiten sein“, fügt Alex Walter, fachlicher Leiter der Holzarbeiten, hinzu. Diese mussten extra für den Reichsbahnwaggon angefertigt werden, würden aber bereits fertig im Lager stehen. In diese neuen Hölzer integriert werden sollen auch ein Paar alte, verbrannte Latten, als Erinnerung an den Brandanschlag und Zeichen der Geschichte des Waggons.

Noch erhalten: eine verbrannte Holzlatte.

Der ganze Wagen soll dann in den alten Reichsbahnfarben angestrichen werden. „Die gibt es so natürlich nicht mehr zu kaufen, aber wir lassen eine sehr ähnliche Farbe anmischen“, berichtet Walter. Für die gesamten Restaurierungsarbeiten diene ein noch vollständig erhaltener Reichsbahnwaggon aus Bergen-Belsen als Modell und Vorbild. „Seit gut drei Wochen sind wir mit den Arbeiten beschäftigt und kommen echt gut voran“, so Walter mit Blick auf sein sechsköpfiges Team, das trotz Mittagshitze emsig arbeitet.

„Wir hoffen, dass wir bis Ende des Jahres mit allen Arbeiten fertig sind“, ergänzt Petra Schütte, Leiterin des Fachdienstes Arbeit im Verdener Kreishaus.

Der Waggon wird, angelehnt an ein noch erhaltenes Modell in Bergen-Belsen, originalgetreu in einem damals gebräuchlichen Farbton angemalt. 

Sobald der Waggon vollständig wiederhergestellt ist, soll er per Tieflader und Kran zurück auf das Gelände der BBS gebracht werden. Dort soll ihm eine passende Umgebung zuteilwerden: „Aktuell wird überlegt, ob der Reichsbahnwaggon vor Ort einen eigenen Bahnsteig und eine Rampe bekommen soll“, so Schütte. Diese Entscheidung liege aber beim Netzwerk Erinnerungskultur. Das Mahnmal würde dann interaktiv in den Unterricht der Schule mit eingebunden. Wie genau, sei noch offen.

Für alle Arbeiten hat der Verein „Verdener Waggon im Netzwerk Erinnerungskultur“ vom Landkreis 35 000 Euro zur Verfügung gestellt bekommen. „Farbe und Holz haben bis jetzt 8 000 Euro gekostet“, berichtet Alex Walter.

Die Geschichte des Verdener Reichbahnwaggons

Vor circa 16 Jahren, als Projekt der Berufsschule (BBS) Verden, wurde der Reichsbahnwaggon nach Verden gebracht. Dort verweilte er einige Jahre auf dem hinteren Teil des Schulhofs, als Symbol der Verschleppung von Zwangsarbeitern, der Deportation von Menschen in Lager und der Flucht. Im Jahr 2007 wurde das Mahnmal bei einem Brandanschlag zerstört. Obwohl nie aufgeklärt worden ist, wer hinter dem Anschlag steckte, wurde er von einigen im Zusammenhang mit Neonazi-Aktivitäten gesehen. Jahrelang blieb der Reichsbahnwaggon daraufhin eine Ruine auf dem Gelände der BBS. Diese neue Rolle machte den Waggon schließlich zum Auslöser der kreisweiten Erinnerungskultur. Auf der Grundlage einer umfangreichen Vorbereitung der Arbeitsgruppe „Reichsbahnwaggon“ konnte der Kulturausschuss des Kreistags im Jahr 2018 die Weichen schließlich für eine umfassende Sanierung des Mahnmals stellen und somit zum festen Ort des Gedenk-Netzwerks werden lassen. Ein Verein rund um dieses Projekt, der die Erinnerungsarbeit erhalten soll, bildete sich in diesem Zuge auch und ist heute unter seinem Namen „Verdener Waggon im Netzwerk Erinnerungskultur“, bekannt.

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