Betreuer Winter: „Neue Horste nur mit Abstand bauen“

Landkreis Verden: Storchenboom kann Stress machen

Gut zufrieden und ein Akrobat: Der Storch in Etelsen, Nachbar von Storchenbetreuer Hans-Joachim Winter.
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Gut zufrieden und ein Akrobat: Der Storch in Etelsen, Nachbar von Storchenbetreuer Hans-Joachim Winter.

Landkreis – Im Landkreis Verden lässt es sich gut leben. Das hat sich auch bis in die Kreise der Störche herumgesprochen. Adebar fühlt sich, um es in der Sprache der Tiere auszudrücken, pudelwohl, hat im vergangenen Jahr 183 Nachwuchskräfte großgezogen. Einerseits freut sich Storchenbetreuer Hans-Joachim Winter über den Ansturm, warnt aber auch vor ungebremster Werbung um Zuzug. „Nicht überall, wo gewünscht, passt ein Storchenhorst hin“, so Winter. Und: „Optimal ist immer, wenn die Tiere mit möglichst wenig fremder Hilfe auskommen.“

Bauboom und Babyboom, ähnlich wie der Mensch, reagiert auch Familie Storch. Über 100 Horste stehen mittlerweile im Landkreis Verden, auch deswegen gedeiht der Nachwuchs erfolgreich. „Im Laufe von zehn Jahren hat sich der Weißstorchbestand bei uns etwa verdoppelt, eine erfreuliche Entwicklung“, sagt Winter. Er hat dabei insbesondere die Jahre mit großen Verlusten und einer starken Dezimierung des Bestandes im Kopf, wo kreisende Störche nur selten zu bewundern waren.

Weißstorchbestand hat sich im Landkreis Verden fast verdoppelt

Mittlerweile Geschichte, aus der die Störche gezwungenermaßen mit den Jahren gelernt haben. Trockengelegte Feuchtwiesen, fehlende Auenlandschaften und nur wenig naturnahe Gräben, Frösche und Amphibien waren kaum noch zu finden. Auch das Angebot an Insekten lässt im Zuge der intensiven Landwirtschaft zu wünschen übrig. Da landete der Storch statt auf Wiesen auf den Äckern und ist mehr und mehr erfolgreich. „Hauptnahrung scheinen in den vergangenen Jahren Feldmäuse zu sein, darauf beruhen wohl auch die Bruterfolge“, beobachtet Winter. Mittlerweile tummeln sich, so die grobe Schätzung der Experten, bis zu 400 Störche im Landkreis.

Neue Horste nur in Nähe von geeigneten Nahrungsflächen

Der Bestand relativ hoch und stabil, sei Hilfe daher nicht um jeden Preis notwendig, so Winter. Seine Bitte: „Zusätzliche Fütterung nur dort, wo wirklich Hunger herrscht.“ Und: „Auch das Angebot von Nistplätzen sollte nur mit Augenmaß aufgestockt werden.“ Der Appell des Storchenbetreuers: „Neue Horste sollten nur in der Nähe geeigneter Nahrungsflächen und bevorzugt in den Flussmarschen errichtet werden, mit mindestens 1000 Metern Abstand zum Nachbarrevier. Gebiete in der Geest mit Sandboden bieten dauerhaft zu wenig Nahrung und sind deswegen nur dünn besiedelt.“ Wer einen Horst aufstellen möchte, dem steht der Betreuer zur Seite. „Ich berate gerne und sehe mir die Umgebung an“, sagt Winter. „Nah gelegene stark befahrene Straßen, Stromleitungen und Windräder sind allerdings immer ein Ausschlusskriterium. Zuviele Störche werden hier getötet oder verletzen sich“, so seine Erfahrung.

Störchen droht Gefahr durch Stromleitungen und Windräder

Winters Bedenken gegen unbegrenzten Zuzug kommen nicht von ungefähr und beruhen eben auf den Erfahrungen der Vergangenheit, als mit dem Einbruch des Futterangebots die Vögel in Not gerieten. Der Betreuer: „Eine Mäusepopulation kann zusammenbrechen. Nahrungskonkurrenz in mäuseschwachen Jahren limitiert dann den Bestand und Bruterfolg.“

Weißstörche sind nicht ungesellig und zeigen einen Hang zu Koloniebildung. Das funktioniere aber nur bei entsprechendem sehr guten Nahrungsangebot. Sonst kann es Stress geben. „In unserer Gegend besetzen die Elterntiere meist Reviere, die sie gegenüber Artgenossen individuell unterschiedlich vehement verteidigen. Zu dicht nebeneinanderstehende Horste sind oft der Grund für Revierkämpfe, die tödlich enden können und zur Aufgabe der Brut führen“, so eine weitere Beobachtung. Die Frage allerdings, ob es genug Horste gibt, sei zuverlässig kaum zu beantworten.

Renaturierungsprojekt „AllerVielfalt“ ein guter Weg

Winter macht aber keinen Hehl daraus, dass der Storch durchaus allein zu überleben weiß, wenn die Natur im Gleichgewicht ist. „Daher müssen wir Biotope erhalten, und auch neue Nahrungsflächen schaffen, um die gefährliche Abhängigkeit von nur einer Nahrungsquelle zu verringern“, betont der Naturfreund. Das angestrebte Renaturierungsprojekt „AllerVielfalt“ sei ein guter Weg, die Nahrungsgebiete wieder aufzuwerten. „Von Flutrinnen, dauerhaften und temporären Kleingewässern und Grünlandextensivierung sowie der Wiederanbindung der heute nicht mehr überfluteten Gebiete profitiert der Storch.“ Anzeichen dafür sind erkennbar und wo das Umfeld stimmt, macht es sich Adebar im Horst der Marke Eigenbau mit seiner Familie gemütlich: „Es gibt schon wieder Bruten auf Bäumen und Silos“, berichtet Winter von besonderen Erfolgen.

Von Markus Wienken

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