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Die Stimmen aus der Verdener Geistervilla

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Von: Heinrich Kracke

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Die Geistervilla von der Straße aus.
Versteckt hinter Draht und Gebüsch: Die Verdener Geistervilla, die deutschlandweit Geschichte schrieb. © Kracke

Sie hat den Sprung unter die gruseligsten Orte Deutschlands geschafft. Die Geistervilla von Verden. Was an den Spukgeschichten wirklich dran ist.

Verden – Stimmen wollen sie gehört haben, sagen einige. Nichts Lautes, nichts Schreiendes, es waren einfach nur Stimmen in Zimmerlautstärke, die an ihr Ohr drangen. Ein lautloser Abend, der Wind hatte sich gelegt, nicht ein einziges Blatt mehr, das ein Rauschen auslöste, nur halt diese Stimme, die durch die Fenster drang, die glaslosen Fenster, und durch den Garten klang, nur ganz leise noch, und den Hörnerv von Passanten erreichte, Passanten, die des Gehweges daherkamen, und stehen blieben.

Das Haus von der Allerseite aus.
Oberhalb des Alleruferwegs gelegen: Die Geistervilla. © Kracke

Und sich wunderten. Und tatsächlich nicht nur einem Spaziergänger, dem diese Stimmen ins Ohr wanderten, sondern mehreren. Übereinstimmende Berichte. Können so viele Menschen irren? Wahrscheinlich nicht. Es gibt sie also, diese Stimmen aus diesem Haus, in dem keiner mehr wohnt, das aber jeder kennt, inzwischen nicht nur an der Allermündung, sondern in der ganzen Republik.

Geheimnisvolle Orte: Geistervilla in Verden

Dieses Haus mit dem wuchtigen Turm und dessen kupfernen Dach hat seinen Ruf weg. Als Geistervilla von Verden löst es Schlagzeilen aus; unter den gruseligsten Orten in Deutschland schaffte es den Sprung unter die Top zwölf. Weitere gruselige Orte in Niedersachsen haben unsere Leserinnen und Leser gefunden.

Geistervilla: Freier Blick vom Souterrain zum Himmel

Stimmen ja, so viel steht jedenfalls fest, aber niemand vermag wirklich zu sagen, was in diesem Mauerwerk tatsächlich gesprochen wird. Nur Allerweltsdinge? Schönes Wetter heute? Wer innerhalb des betagten Mauerwerks steht, darf mit Fug und Recht über das Wetter urteilen. Jederzeit und von jeder Etage aus. Das Dach ist eingebrochen, zumindest das Dach auf der Aller-Seite, Dachpfannen stürzten herab, die Balken gaben wahrscheinlich schon vor Jahren nach, jedenfalls zerschellten die Dachziegel innerhalb des Gebäudes, zerschellten in der oberen Etage, einige haben es schon bis ins Erdgeschoss geschafft, bis ins Souterrain sogar, auch diese Etagenböden haben nachgegeben. Wer in der Geistervilla steht, hat von vielen Stellen den freien Blick ins Freie. Auch aufs Wetter.

Eingeschlagenes Fenster
Nicht mehr viel zu retten: Das Oberstübchen der Geistervilla am Burgberg. © Kracke

Oder sind es doch paranormale Themen, die hinter den betagten Mauern die Runde machen? Spiritistische Sitzungen vielleicht, oder parapsychologische? Wohin den Blick richten? Nach Osten, nach oben, gen Mond? Wundern würde es nicht. Der Berliner Reiseveranstalter Travelcircus hat sich auf die Suche nach den 17 unheimlichsten Orten in Deutschland gemacht. Einige umgeben düstere Sagen, andere waren Schauplätze furchtbarer Unglücke und Verbrechen. Eines haben alle 17 Orte gemeinsam: Sie sind zum Fürchten. Und mittendrin zwischen dem Südwestfriedhof Stahnsdorf und der Pestkapelle Weilheim auf Platz zwölf die Geistervilla von Verden.

Geisterjäger stellen düstere Energie fest

Gruselliebhaber und Geisterjäger besuchten die Villa und waren sich nach Informationen von Travelcircus einig, dass es im Haus eine düstere Energie gebe. Auch viele Anwohner berichteten davon, dass es in und um die Villa herum spukt. Aber Achtung – die Villa befindet sich in Privatbesitz und darf nur von außen betrachtet werden, was aber schon unheimlich genug ist. Ein Verbot, an das sich indes nicht alle halten. Bis nach Berlin hat es sich herumgesprochen: „Für Verdener Jugendliche ist es eine weit verbreitete Mutprobe bei Dunkelheit in die Geistervilla zu gehen. Was sie dabei manchmal entdeckten ist wahrlich gruselig: Tierkadaver, Pentagramme und andere Hinweise auf schwarze Messen, die dort immer wieder im Verborgenen abgehalten würden.“

Geschichten, die natürlich wie Magneten wirken. Immer mal wieder Leute, die dem Gruseln auf den Grund gehen. „Mit Graffiti ist auf eine Wand „Wir waren hier“ gesprüht. Und ein Penis. Wie schön“, schreibt etwa Journalistin Mara Schumacher, „die Gruselatmosphäre schwindet langsam. Ich gehe wieder zur Hinterseite der Villa. Auch da finde ich Graffiti-Mist an den Wänden: Da steht irgendwas von Satanic, alles auf Latein. Check ich nicht. Das bestätigt allerdings die Mutmaßungen im Web, dass in der Villa satanische Messen abgehalten wurden. Eine Wand weiter wurde großzügig „Der Tod ist neher als ihr denkt“ aufgesprüht. Bei den Rechtschreibkenntnissen werden die Sprayer auf jeden Fall bald vom sprachlichen Tod eingeholt.“

Zuletzt zwei ältere Scheiderinnen im Haus

Wer in den Etagen gegenwärtig herumgeistert, ist nicht völlig geklärt. Wer auf den Etagen zuletzt lebte, schon. Damals, als das Geisterhaus noch kein Geisterhaus war, oder vielleicht doch, es aber noch bewohnt war. Zwei ältere Damen sollen hier residiert haben, berichten ältere Verdener, Schneiderinnen waren sie, ein Atelier nannten sie ihr eigen. Eine Änderungsschneiderei, die zunächst noch ganz gut, später mehr schlecht als recht ihren Broterwerb sicherte. Und als niemand mehr Hosen kürzen oder Jacken flicken ließ, weil man sich neue Kleidung zu leisten vermochte, stellten die älteren Frauen ihre Arbeit ein. Wo sie verblieben sind, damals, in den 60er-Jahren, alles unklar. Und schon schossen erste Spekulationen ins Kraut, erste Geister-Fantasien. Sind es die alten Damen, die über den Tod hinaus nicht verwinden können, an den Rand geschoben zu sein?

Einige sagen, es ist Verdens schönste Lage. Auf jeden Fall ist es Verdens teuerste. Die Hanglage am Burgberg, 400 Euro der Quadratmeter Grund und Boden, vielleicht auch schon mehr, faszinierender Blick über Aller und Wiesen. Die Gärten gepflegt, die Zäune makellos wie eine Zahnreihe. Eben nur dieser eine Garten, der aus der Reihe tanzt. Wild wuchert das Gerank aus Rhododendren und Efeu und Sprösslingen, die längst die Haushöhe erreicht haben. Alles öfter offenbar schon zurückgeschnitten, Zweige und Äste blieben liegen, ein Dschungel, undurchdringlich – Aber halt! Doch noch so etwas wie niedergetretenes Gestrüpp. Wer genau hinschaut, erkennt Trampelpfade. Auch heute noch. Können Geister Trampelpfade hinterlassen?

Um 1850 vor den Toren der Stadt gebaut

Die Eigentümer der Villa kommen für diese Spuren nicht in Frage. Gewiss, sie haben lange in Verden gelebt, ganz in der Nähe sogar, aber das ist Schnee von gestern. Jetzt wohnen sie in der Nähe Hamburgs. Und von der Elbe an die Aller ist es weit. Es könne alles so bleiben, wie es ist, lassen sie jeden wissen, der sie fragt, auch nach einem möglichen Verkauf des Grundstücks fragt. Der Verdener Immobilienmakler Ernst Müller hält zuweilen noch Kontakt. „Da ist aktuell keine Bewegung festzustellen“, sagt er. Mit der ganzen Geschichte des Hauses hat er sich befasst. So um das Jahr 1850 dürfte es errichtet sein, ein bisschen schon in Richtung Historismus mit Zügen der Romanik, mit Zügen der Spätromanik. Alles damals noch weit draußen vor der Stadt. „Ein ganz normales bürgerliches Haus“, sagt Müller. Das erste seinerzeit auf dieser Ecke. „Bis in die 50er-Jahre von Kopfsteinpflaster und Gehsteigen noch keine Spur. Ein Feldweg führte zu den Grundstücken. Auf der einen Wegesseite die Villa, auf der anderen ein Acker, auf dem das Getreide wuchs.“ Alter Prallhang nannte sich dieser Teil des Burgbergs.

Küche, Klo und Kammer in Richtung Aller

Die Lage hoch über dem Wasser, der atemberaubende Blick über Fluss und Auen, der jetzt alles teuer macht, er spielte vor 170 Jahren noch keine Rolle. „Die Villa ist mit der Raumaufteilung zur Straße ausgerichtet“, sagt Müller. Esszimmer, Herrenzimmer, alles mit Blick auf die Fahrbahn. Küche, Klo und Besenkammer indes zum Allerhang hin gelegen. Über die ursprünglichen Bauherren ist nicht viel bekannt. Spätere Eigentümer hatten aber auf jeden Fall Rang und Namen in der Stadt. Der Oberstaatsanwalt Bollmann zum Beispiel, oder der Professor Scheele, eine Kapazität in Sachen Städtebau und Architektur. Beide längst verstorben. Alles ebenfalls Schnee von gestern.

Der Schnee von heute, würde denn welcher fallen, fiele auf eine Ruine. Gewiss, es sind noch Fenster vorhanden. Wunderschöne Fenster, mit Rundbögen zum Beispiel, oder mit aufwändigem Oberlicht, aber die nasskalte Witterung draußen trennen sie schon lange nicht mehr von möglicher Wärme drinnen. Überall ist das Glas herausgesplittert. Manche sind vernagelt, um Mutproben junger Männer zu verhindern, andere nur notdürftig geschlossen, eines mit einem alten Kabel zusammengehalten.

Fensterrahmen, mit Elektrokabel umwickelt.
Hält doch: provisorischer Verschluss eines der Fenster. © Kracke

Wie ein Fels in der Brandung trotzt er allen Wettern. Erhobenen Hauptes sozusagen, mit einem edlen Dach, einem Kupferdach und dessen Grünspan, einer erhabenen Spitze und frei von allen Durchbrüchen von oben nach unten. Der Turm. Der Blickfang des Hauses. Vergleichsweise unversehrt hat er die Zeiten überdauert. Ein Nachkömmling ist er allerdings. „Er dürfte kurz nach der Jahrhundertwende errichtet sein“, sagt Müller, „wahrscheinlich in den Jahren 1906 oder 1907.“ Ein Blickfang von nicht ganz unwichtiger Bedeutung. Vorher war es ein ganz normales städtisches Wohnhaus, jetzt durfte das Gebäude als Villa renommieren.

Rettungsversuch mit 1,2 Millionen Mark

Ein Gesprächsthema an der Aller war sie allerdings nicht erst nach dem Verlassen der letzten Bewohner. Langjährige Verdener erinnern sich der Aufschrift „Casino“, die sie trug, auf einem alten Foto beispielsweise belegt. Damit war nicht ein Club mit Glücksspiel gemeint, wohl eher ein Treffpunkt, als das das Haus zwischenzeitlich diente, damals, als es unversehrt die Blicke auf sich zog in einem sauber gepflegten Garten.

Obere Turmetage mit Kupferdach.
Immerhin noch weitgehend unversehrt: Der Turm mit dem Kupferdach. © Kracke

Der Rettungsversuche in den vergangenen 40 Jahren sind einige überliefert. Manchmal nur Glücksritter, die ihr Herz für das ehemalige Casino öffneten, nicht aber ihr Portmonee. Einige wenige hunderttausend Mark boten sie für eines der schönsten Grundstücke in Verden. Die Eigentümer mussten nicht lange überlegen, selbstverständlich lehnten sie ab. Ein einziges Mal indes wäre es beinahe zu einer Rettung gekommen. Ende der 80er-Jahre brachte ein Investor ganz andere Dimensionen ins Spiel. Satte 1,2 Millionen Mark plante er kühn in den Allerhang zu schaufeln. Vier, vielleicht fünf Appartements sollten Küche, Besenkammer und Co ersetzen. Am Ende scheiterte alles an den Mietpreisen. Der Investor, heißt es, hatte nicht ganz die richtigen Vorstellungen von Verdener Quadratmeterpreisen in exclusiver Lage. Er müsse 15 Mark verlangen, kalkulierte er, heißt es, realisierbar waren damals aber maximal zehn Mark. Das Bauprojekt platzte wie eine Seifenblase.

Und nach Abzug der Architekten hatten Geister wieder freie Bahn zum Spuken? Nicht ganz. „Alles Quatsch“, sagt Immobilienmakler Müller, „es spukt nicht.“ Gelegentlich eroberten Obdachlose in dem Haus ein Dach über dem Kopf. Eingerichtet haben sie sich dort. Und gut möglich, dass sie sich unterhielten, vielleicht auch Selbstgespräche führten. Das erkläre jedenfalls die Stimmen, die Passanten gehört haben wollen.

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