Statt in die Tonne zum Repair-Café

Klaus Windeler und Hartmut Moje tüfteln mit Raptis Stefanus (vorne, v. l.). Fotos: Klee

„Eine Reparatur lohnt sich nicht.“ Mit dieser Auskunft im Geschäft geben sich immer weniger Kunden zufrieden. Im Repair-Café schlagen sie der Wegwerfgesellschaft ein Schnippchen und sparen Geld, Rohstoffe und Energie.

VON RONALD KLEE

Verden – Schwer beladen kam Raptis Stefanus in die Stadtbibliothek. Sein alter Filmprojektor hatte sich standhaft geweigert, die Super-8-Filme von damals abzuspielen, als er mal wieder in alten Urlaubserinnerungen schwelgen wollte. So machte sich der Verdener auf den Weg zum Holzmarkt ins Repair-Café.

Die freudige Begrüßung, die Stefanus im Veranstaltungsraum der Stadtbibliothek zuteil wurde, hatte er allerdings nicht erwartet. Der Senior mit seinem betagten Filmprojektor war der 500. Kunde, und das wollten Eberhard Walter und Birte Detjen nicht sang- und klanglos vorrübergehen lassen. Am Empfang haben sie die Organisation übernommen, und helfen, Besucher und Reparateure zusammenzubringen, mittlerweile eben schon 500 Mal.

„Seit Mitte 2017 läuft das Repair-Café jetzt“, berichtete Katrin Koball, immer am ersten Mittwoch im Monat von 16 bis 19 Uhr. Die stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek betreut das Angebot. Nicht alle Reparaturen gelingen. „Aber auch das ist okay für viele Besucher“, sagte Eberhard Walter. Die Leute könnten dann mit gutem Gewissen, die alten Geräte entsorgen.

„So 20 Minuten planen wir etwa pro Besucher“, erklärte Walter. Für ihn und Birte Detjen ist die Nachhaltigkeit, Erhalten statt Wegwerfen, der Grund für ihr Engagement. Die junge Frau freut sich, dass das Angebot so intensiv genutzt wird. Die meisten Gäste seien um die 60 Jahre alt oder älter. „Die wissen noch, dass man Dinge reparieren kann.“ Sie wünschte sich aber, dass sich auch junge Leute von dem Gedanken überzeugen lassen würden.

Als Raptis Stefanus sich nach einer halben Stunde wieder auf den Heimweg machte, war auch sein Projektor aus den Neunzigern nicht wie neu. Aber die beiden Elektronikspezialisten Klaus Windeler und Hartmut Moje hatten das gute Stück mit ihrem Besitzer gemeinsam immerhin schon mal in Bewegung setzen können. Stefanus will jetzt die schwächelnde Birne und ein weiteres Ersatzteil besorgen und damit wiederkommen.

Wie die Radio- und Fernsehtechniker Windeler und Moje tüfteln mittlerweile zwölf Spezialisten an den kaputten Geräten der Café-Gäste herum. Darunter ist ein Uhrmacher, der auch mit den guten alten mechanischen Uhren zurechtkommt, ebenso wie Leute, die sich mit Computern auskennen oder beim Smartphone den Lötkolben ansetzen können.

An der Nähmaschine saß Brigitte Meyer. Sie versuchte mit viel Geduld, einen völlig verschlissenen Schultergurt mit Taschen für Utensilien wieder auf Vordermann zu bringen. „Man hat sich so daran gewöhnt“, erklärte Klaus-Peter Löwe, warum er das gute Stück nicht einfach wegwirft und durch einen neuen ersetzt. Er sei bereits zum dritten Mal mit einem vertrauten, aber lädierten Ding gekommen, erzählte er. Natürlich sei die Reparatur auch billiger als ein Neukauf, aber eigentlich ist ihm wichtig, dass er die vertrauten Dinge nicht einfach aufgeben muss. „Deswegen ist es toll, dass hier eine breite Spanne von Fachleuten ist, die helfen können.“

Brigitte Meyer konnte ihm helfen. Am Ende war der alte Gurt so gut wie neu, zumindest für Klaus-Peter Löwe. Die Arbeit an der Nähmaschine macht ihr Spaß, sagte Meyer, und die entspannte Café-Atmosphäre sei angenehm. Für sie ist es wichtig, eben auch Kleidungsstücke in einem brauchbaren Zustand zu erhalten, anstatt sie zu Müll zu erklären. Nur, mit einem Stapel neuer Hosen, die gekürzt werden müssten, brauche niemand zu ihr kommen. „Wir wollen den Profis keine Konkurrenz machen“, erklärte sie.

Hintergrund

Repair-Cafés sprießen überall aus dem Boden. Das Verdener Tüftelzentrum in der Stadtbibliothek ist eines von 1 085, die sich in der Bundesrepublik der Bewegung angeschlossen haben. Etwa 2 000 gibt es weltweit, informiert die Internet-Seite https://repaircafe.org/de/. Die Initiative ging 2009 von Martine Cosima in Amsterdam aus, wo sie erste Café eröffnete. Der Gedanke der Nachhaltigkeit und das Schonen von Ressourcen war für sie von Anfang an der Antrieb. „Gegenstände sind auf diese Weise länger brauchbar und werden nicht weggeworfen. Die Grundstoff- und Energiemenge, die für die Herstellung neuer Produkte erforderlich ist, wird somit gespart. Das gilt auch für die CO2-Emissionen.“ Mittlerweile hilft sie beziehungsweise die Stiftung „Stichting Repair Café“ als Non-Profit-Organisation lokalen Gruppen, die selbst ein solches Angebot schaffen wollen.

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