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Verdener Ehepaar zum Orkan vor 50 Jahren: Uns verschlug es die Sprache

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Von: Heinrich Kracke

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Kirchendach mit Löchern.
Löcher klaffen auch im Dach der Achimer St.-Laurentius-Kirche. © Archiv

Wer ihn erlebt hat, vergisst ihn nie. Der Jahrhundertorkan vor genau 50 Jahren berührt die Menschen immer noch. Schon am Vormittag rufte Verdens Krisenstab das Militär zur Hilfe.

Verden/Achim – Die Wahrzeichen der beiden Städte liefern ein Bild wie nach einem Bombenangriff. Der Verdener Dom etwa. Ganze Passagen des ehrwürdigen Kupferdaches fliegen durch die Gegend, wertvolle Fenster sind aus der Verankerung gerissen und scheppern zu Boden. Im Dach der Achimer Laurentius-Kirche klaffen zudem mächtige Löcher. Nur wenige Stunden braucht der Sturm Quimburga für eine Schneise der Verwüstung quer durch den Landkreis Verden. Und nach diesen Momenten mit Windstärken von 140 und mehr Stundenkilometern an jenem 13. November ist nichts mehr wie es war. Er geht als Jahrhundertorkan in die Geschichte ein. Kommenden Sonntag jähren sich die Ereignisse zum 50. Male.

Bessern heißt die Forstfläche am südlichen Verdener Stadtrand. Wer von Eitze in Richtung Luttum und Hohenaverbergen unterwegs ist, fährt eine ganze Weile an diesem Waldgebiet entlang. Die Eheleute Kristin und Wolfgang Krippendorff lebten seinerzeit am Rande des mächtigen Baumbestandes. „Plötzlich ist es heller geworden“, sagt Kristin Krippendorf über die Ereignisse an jenem Montagmorgen, der alles veränderte. „Der Sturm tobte, die Böen fielen durchaus heftig aus, aber unser Haus hielt allen Wetterphänomen stand.“ Vor den Fenstern ein anderes Bild. Wenige Minuten reichten, die Landschaft komplett zu verwandeln. „Es ist heller geworden. Wir waren sprachlos.“ Eine Schneise durch die Waldlandschaft, nur 200 Meter vom Haus entfernt, eine richtige Schneise hatte der Orkan gezogen. „Alle Bäume weggefegt, kein einziger, der stehengeblieben war.“

Kirche mit Löchern im Dach.
Fenster herausgerissen, Dachteile fliegen durch die Luft: Der Dom wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. © Archiv

Am späten Nachmittag, der Wind hatte sich gelegt, verschafften sich die Eheleute Krippendorff einen ersten Eindruck vom Ausmaß der Ereignisse. „Es muss eine Orkanböe mit ziemlich scharfen Konturen gewesen sein. Haarscharf ist sie an Eitze vorbeigezogen. Im Ort selbst waren kaum außergewöhnliche Schäden aufgetreten, weiter südlich dann die Schneise der Verwüstung.“ Eine Schneise nicht nur von einigen hundert Metern Länge, sondern eine Schneise, die bis weit in die Landschaft reichte. „Bis mindestens nach Stellichte.“ Am Ufer der Lehrde hatte sie sich unter anderem ihren Weg durch ausladende Waldgebiete gebahnt.

Alles keine Einzelfälle. Wer den Jahrhundertsturm miterlebte, hat die Abläufe auch 50 Jahre später nicht vergessen. In den Morgenstunden des 13. November 1972 frischte der Sturm auf, kurz vor Mittag dann die mächtigsten Orkanböen, und anschließend die ersten Reaktionen. „Nach der vierten Schulstunde war Schluss“, erinnert sich beispielsweise ein damaliger Neuntklässler aus der Realschule in Achim. Die Rückkehr nach Hause im Schulbus glich einer Odyssee, wegen umgestürzter Bäume mussten immer wieder Umwege gefahren werden.

Schon am Vormittag nahm ein Krisenstab im Verdener Rathaus die Arbeit auf. Stadtdirektor Füllgraf, Baudirektor Ruge, Stadtbrandmeister Freitag und Bauhofleiter Intemann gehörten ihm an. Die Kommandozentrale wurde in das Feuerwehrgebäude verlegt. Nur kurz, dann löste der Krisenstab Großalarm für das Stadtgebiet Verdens aus. Gleichzeitig wurden die Bundeswehr, das Technische Hilfswerk sowie das britische Militär zur Hilfe gerufen. Wenig später trafen die Unterstützungsmannschaften ein.

Die Aufräumungsarbeiten begannen bereits unmittelbar beim Eintreten der ersten Sturmschäden, berichten Beobachter. In den Parks und Waldanlagen der Stadt bot sich ein Bild der Verwüstung. Ganze Waldflächen waren abgeholzt als wären Bomben eingeschlagen. Während der Aufräumarbeiten kam es zu immer neuen Alarmen. Pausenlos war die Feuerwehr im Einsatz, um in Not geratenen Bürgern zu helfen. Den ganzen Tag über heulten Martinshörner der Polizei-, Feuerwehr- und anderer Rettungsfahrzeuge. Überall sah man Hausbesitzer, die notdürftig die Schadenstellen an den Gebäuden abdeckten. Und schon griff eine nächste Befürchtung um sich. Wegen der vielen offenen Dächer galt jetzt die größte Sorge vor allem starken Regengüssen, die erheblichen zusätzlichen Schaden anrichten könnten, wie es damals hieß.

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Die Stadt Verden hatte sich zu einem Krisenstab entschlossen, weitergehende Notzustände blieben indes aus. Ein ausdrücklicher Katastrophenalarm wurde nicht ausgelöst, wie der damalige Oberkreisdirektor Berner erklärte. „Es gab zwar eine Vielfalt von katastrophalen Einzelfällen, aber keinen ausgesprochenen Katastrophenfall, der einen solchen Alarm für einen gemeinsamen Einsatz aller Kräfte gerechtfertigt hätte“, wird er zitiert. Dennoch wurde von der Kreisverwaltung alles getan, um Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten und sie nach Möglichkeit zu koordinieren. Zu tun gab es eine ganze Menge. Das Telefon stand nicht still. Aus allen Teilen des Kreisgebietes gingen Anrufe mit Hilfeersuchen ein.

ZEITZEUGEN GESUCHT

Selten beeinträchtigte ein Naturereignis das öffentliche Leben so stark wie der Sturm vor exakt 50 Jahren. Für die Serie „Der Jahrhundertorkan“ sucht die Redaktion weitere Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse in den Stunden der heftigsten Böen oder den Tagen danach schildern. Schön wäre es, würden weitere Bilder beigesteuert. Gerne anrufen unter Telefon 04231/801143 oder eine Mail senden an redaktion.verden@kreiszeitung.de

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