Domgymnasiasten überzeugen beim Wettbewerb des Bundespräsidenten

Sport schreibt in Verden Geschichte(n)

Sieben Menschen, zwei junge Männer und fünf junge Frauen, schauen lächelnd in die Kamera.
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Sie haben nicht nur das Abi in der Tasche, sondern können sich auch noch über Auszeichnungen im Rahmen des Geschichtswettbewerbes des Bundespräsidenten freuen: (v.l.) Linus Heise, Gunda Saschek und Karin Brandt wurden mit einem Förderpreis ausgezeichnet, Luisa Kober, Katharina Knopp und Fentke Lühning trugen einen Landessieg davon. Tutor Joachim Everts ist darüber mehr als zufrieden.

„Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ ist der aktuelle Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten überschrieben. Im November entscheidet sich, wer hier den Bundessieg davonträgt. Im Rennen sind auch drei Abiturientinnen des Domgymnasiums, die sich mit der nationalsozialistischen Instrumentalisierung des Sports im Landkreis Verden auseinandergesetzt haben.

Verden – 15 Punkte und dazu noch Bares vom Bundespräsidenten: „Alles richtig gemacht!“, möchte man Fentke Lühning, Katharina Knopp und Luisa Kober sowie Gunda Saschek, Karin Brandt und Linus Heise zurufen. Und gleichzeitig Menschen, die sich auch nur ein bisschen für Frauen im Karate oder die Instrumentalisierung des Sportes interessieren, dringend empfehlen: Gucken Sie auf die Internetseite des Domgymnasiums. Dort sind die Arbeiten der sechs über entsprechende Links zu sehen und zu hören.

Die Abiturienten des Domgymnasiums lieferten ihrem Tutor Joachim Everts im Seminarfach nicht nur 1a-Präsentationen zu „Sport und Gesellschaft“ ab. Der Lehrer hatte seinen Kurs außerdem dazu aufgefordert, die Beiträge beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einzureichen, dessen aktuelles Thema „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ lautet. Und die sechs Jugendlichen überzeugten die Jury mit ihren Arbeiten so sehr, dass die einen Förderpreis über 200 Euro und die anderen gar einen Landessieg (500 Euro) zugesprochen bekamen. Nicht schlecht bei der Konkurrenz von allein 143 Beiträgen, die Schüler aus Niedersachsen einreichten. Im November entscheidet sich zudem, ob für Katharina, Luisa und Fentke auch noch der Sieg auf Bundesebene drin ist.

Was genau den Juroren an den Verdener Beiträgen gefiel – die Jugendlichen lächeln bei der Frage und zucken mit den Schultern. Bis auf eine kurze Benachrichtigung hat sie nichts erreicht. Dafür findet Joachim Everts genügend gute Gründe für die Auszeichnungen. „Professionell“, „strukturiert“, „ein sehr gelungener Aufbau“, „eine sehr gute geschichtliche Einführung“ lobt er die Arbeiten.

Gunda, Karin und Linus hatten sich „Frauen im Karate“ zum Thema gemacht und verdeutlicht, welchen Wandel der Sport auch durch Frauen wie die Verdener Karateka Ulrike Maaß vollzogen hat. Das ausführliche Interview mit der erfolgreichen Sportlerin sorgte am Ende auch bei den Schülern für einen Perspektivwechsel.

Ein Podcast über Ulrike Maaß

„Wenn ich Karate höre, denke ich persönlich an spektakuläre Kampfszenen im Film und Männer, die Bretter zerschlagen“, ist zu Beginn des Podcasts Linus’ sonore Stimme zu hören, ehe Karin in die Geschichte der Kampfsportart einführt und schließlich Ulrike Maaß im Gespräch mit Gunda offen über ihren Werdegang berichtet.

Mutter, Vater und die drei Brüder kickten. „Ich mache alles, nur keinen Fußball“, berichtet die 55-Jährige, wie sie mit 18 zum Karate kam und nicht zuletzt durch ihren Ehrgeiz schnell Erfolg hatte. Sie errang zahlreiche Titel, war Mitglied der Nationalmannschaft, ist eine renommierte Trainerin. Inzwischen, so sagt Ulrike Maaß im Interview, nehme sie keine Unterschiede mehr wahr, wenn es um die sportliche Förderung von Frauen und Männern gebe.

Als Frauenwartin im Karate-Landesverband hat die Verdenerin das aber noch anders erlebt. Ihr Anspruch, Frauen für diesen Kampfsport zu gewinnen, sei belächelt worden, berichtet sie. Und es ist ihr anzuhören, wie sehr es sie getroffen haben muss, als ihr Bericht bei einer Präsidiumssitzung schnöde unterbrochen wurde, um sich anderen Themen zuzuwenden. „Das war schon eine Watschen ins Gesicht“, verrät sie den Schülern. Ein Freund der Gruppe sorgte mit entsprechendem Equipment für eine gute Tonqualität. Linus schnitt das umfangreiche Material schließlich zusammen und unterlegte es mit Musik. Gut 20 Minuten dauert der Podcast. Wem das zu lang erscheint, dem sei gesagt: Der Beitrag ist ebenso kurzweilig wie informativ.

Die Nazis und der Turnunterricht

Gleiches gilt für die Arbeit von Fentke, Katharina und Luisa. Die drei Jugendlichen setzten sich mit der „Nationalsozialistischen Instrumentalisierung des Sports im Landkreis Verden“ auseinander und verpackten ihre Ergebnisse in eine anschauliche Präsentation. Hatten sie zunächst die Vereine im Visier, ergaben ihre Recherchen dann, dass auch an der eigenen Schule Unterricht missbraucht wurde, um „wehrfähige junge Deutsche“ hervorzubringen.

Ein Glücksfall für die Gruppe war, dass Lehrer Reinhard Nitsche, Betreuer der historischen Bibliothek des Domgymnasiums, die Jahresberichte der Schule aus der NS-Zeit bereits digitalisiert hatte. So war trotz Corona der uneingeschränkte inhaltliche Zugriff möglich auf Papiere, die zurzeit im Kreisarchiv lagern.

Die Auflösung von sozialdemokratisch geprägten Sportvereinen, die Gleichschaltung von Turnvereinen konservativer Prägung, das Einsetzen von Vereinsführern, der Einfluss, den die „neuen Herren“ auch immer mehr auf den Unterricht nahmen – die drei Schülerinnen berichten mit einem leichten Schauer von ihren Ergebnissen.

„Das hätten auch wir sein können“, ist Katharina mit Blick auf die Schüler von damals bewusst. „Wir hatten jahrelang ganz normalen Sportunterricht“, sagt Fentke. „Wenn ich mir jetzt vorstelle, er würde gestrichen und durch Wehrsport ersetzt, das wäre sehr traurig.“

Auch jetzt, ein halbes Jahr nach Fertigstellung ihres Beitrages, sind die Inhalte noch sehr präsent. „Der Spaß an dem Projekt kam, je länger es ging“, findet Katharina eine einfache Erklärung dafür. „Wir haben ja so viel Neues erfahren.“

Sehr im Gedächtnis ist dem Trio auch das Fazit, das sie am Ende ihres Beitrages ziehen. „Sport ist eine extrem effektive Methode, um Menschen zu manipulieren“, stellen sie fest und mahnen, wachsam zu sein und die Demokratie zu schützen. „Sie ist ein ganz hohes Gut“, sagt Fentke. „Es ist ein Privileg, das wir in einer Demokratie leben dürfen.“

Die Internetseite des Domgymnasiums ist zu finden unter www.domgymnasium-verden.de/sport-und-gesellschaft. Dort sind nicht nur die beiden ausgezeichneten Beiträge verlinkt, sondern auch die weiteren Arbeiten aus dem Seminarfach „Sport und Gesellschaft“: „Der Fußballsport im Kreis Verden“ von Lara Löw, Lea Thies, Felix Brüggemann, Henrik Rolfes und Lennart de Wall sowie „Die Geschichte des Reitsports in Verden“, ein Film von Celina Paeper, Rieke Allermann und Silja Kettenburg.

Von Katrin Preuß

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