Eine besondere Nachbarschaft

Anwohner des Wiesengrunds: Sperrmüllpartys und spontane Treffen

Borstel - Wäre es nach den Vorstellungen von Helga Ampf gegangen, dann stünde hier, dass die Nachbarschaft im Wiesengrund auch in diesem Jahr wieder einen Baum aufgestellt und mit 100 Kerzen geschmückt hat. Da hatte die Borstelerin die Rechnung aber ohne die Verdener Aller-Zeitung gemacht. Die befand: Ein paar Zeilen reichen nicht für eine Gruppe, wie man sie nur selten findet.

„Wir haben nichts dazu getan“, sagt Günter Ampf. Und er klingt dabei, als staune er selber darüber, wie aus der zufällig entstandenen Gemeinschaft so leicht Freunde werden konnten.

Es waren zwölf Familien, die Ende der 70er-Jahre am Wiesengrund ihren Traum vom Eigenheim in Borstel verwirklichten. „Da waren unsere Kinder noch klein“, berichtet die Gruppe, die Helga Ampf fix für die Presse zusammengetrommelt hat.

Ein Dutzend Haushalte sind es auch heute noch. Nur habe inzwischen der Generationswechsel begonnen, sagt Otto Marquardt. Und so ist Ilse Delius mit ihren 86 Jahren die älteste Anwohnerin und die kleine Mathilda mit ihren zwölf Monaten die jüngste an der kleinen Straße.

Vor gut drei Jahren zog Mathildas Familie an den Wendehammer in Borstel. Damals war Bruder Benno noch ein Baby. „Wir sind hier sehr herzlich willkommen geheißen worden“, freut sich Mama Britta Lammers über die gute Nachbarschaft, in die Töchterchen Mathilda quasi hineingeboren wurde. „Man kennt sich, man kann überall klingeln“, beschreibt Helga Ampf das von Hilfsbereitschaft und Freundschaft geprägte Miteinander.

Gemeinsam gestalteter Treffpunkt

Selbst bei der Gestaltung der Garagen herrschte Einigkeit. Jedes der fünf Tore am Ende der Straße zieren stilisierte Bäume. Deren Umrisse habe ein Fachmann aufgebracht, das Ausmalen hätten dann die Männer vom Wiesengrund unter Zuhilfenahme von ein wenig Gerstensaft übernommen.

Ein weiteres äußeres Zeichen ist der von den Nachbarn gemeinsam gestaltete Treffpunkt inmitten des Wendeplatzes, genannt „unter der Linde“.

Den namensgebenden Baum habe die Stadt gepflanzt, berichtet Günter Ampf. Für die Pflasterung und die Sitzbänke – inzwischen die zweite Garnitur – hätten aber die Anwohner gesorgt, betont der Borsteler.

Das Plätzchen werde spontan, je nach Wetterlage, genutzt, so Otto Marquardt. „Einer sagt Bescheid und bringt ‘ne Kiste Bier mit.“ Auf diese Weise begann schon so manches ganz spontante Treffen, das erst spät am Abend endete.

Selbstorganisiertes Public Viewing

Die Frauen laden sich gegenseitig zu ihren Geburtstagen ein. Gemeinsam jubelten die Nachbarn über die gewonnene Fußball-WM in Brasilien – beim selbstorganisierten Public Viewing auf der Straße. Ja, selbst aus einer ganz normalen Sperrmüll-Aktion wissen die „Wiesengründler“ noch ein Fest zu machen.

Dagmar Schellhammer jedenfalls, auch Anwohnerin der zweiten Generation, hat da schon von der einen oder anderen Party gehört, wie sie augenzwinkernd verrät. Und die, die seinerzeit dabei gewesen sind, erinnern sich, dass ein bereits ausrangiertes Sofa bei einer der Feiern ein letztes Mal zu Ehren gekommen ist.

Zur Weihnachtszeit ziert nun seit ein paar Jahren ein großer Tannenbaum mit dicken roten Kugeln die Straße. Selbst beschafft und gemeinsam geschmückt. Ursprünglich war ein großer Nadelbaum im Vorgarten von Christa Diekert im Advent der Blickfang des Wiesengrunds gewesen. Dann musste der Baum weg und die Borstelerin wusste nicht wohin mit der langen Lichterkette. Daraus entstand die Idee zur Gemeinschafts-Tanne.

Die finden nicht nur die Nachbarn wie Ruth Franz sehr schön. Ihre Senioren-Gymnastikgruppe habe just einen Spaziergang zu dem Baum gemacht, dort ein Liedchen gesungen, einen Glühwein getrunken und die anschließende Weihnachtsfeier damit auf so stimmungsvolle Weise begonnen, dass der Weg in den Wiesengrund im kommenden Jahr Wiederholung finden soll.  

kp

Rubriklistenbild: © dpa

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