„Sie sind keine Bestien.“

Tierheim Verden: Zahl der Problemhunde nimmt zu

Endstation Tierheim: Pflegerin Stefanie Simon kommt besonders gut mit Problemhund Rico klar. Vermittelbar ist der zehnjährige Schäferhund dennoch nicht, sodass er seinen Lebensabend vermutlich im Tierheim verbringen wird. Fotos: Niemann

Sie sind verängstigt, schwer zu kontrollieren und beißen oftmals sogar zu: im Tierheim in Verden-Walle nimmt die Zahl an Problemhunden zu. Immer öfter würden Hunde unüberlegt angeschafft, berichtet Tierheimleiterin Heidi Seekamp. „Die Leute holen sich einen Hund ins Haus, für den sie eigentlich keine Zeit haben oder sie wählen eine Rasse, der sie weder gerecht werden noch gewachsen sind.“

Verden – Typische Tierheiminsassen seien daher zunehmend große Hunde, darunter auffallend viele Herdenschutzhunde wie der Kangal, die oft von Tierschutzorganisationen nach Deutschland gebracht oder privat über Ebay-Kleinanzeigen vermittelt wurden. Nach Aussage von Seekamp geraten Hundebesitzer daher immer häufiger an ihre (zumeist selbst verschuldeten) Grenzen, wenn ihr Vierbeiner außer Kontrolle gerät. „Dann wird schnell kurzer Prozess gemacht und der Hund landet hier im Tierheim.“

Anfragen, diese schwierigen Haustiere abzugeben, bekommt Seekamp nahezu täglich. „Viele Tierheime in den angrenzenden Landkreisen haben das gleiche Problem. Nicht wenige platzen hinsichtlich ihrer Aufnahmekapazität aus allen Nähten. Sogar das Tierheim Hannover hat bereits wegen der Übernahme von Problemfällen nachgefragt.“ Doch Seekamp musste die befreundeten Tierschützer enttäuschen. „Wir können keine gefährlichen Hunde mehr aufnehmen. Wir haben die Grenzen unserer Belastbarkeit erreicht.“

Von derzeit 16 Hunden, so Seekamp, sei im Grunde nur die kleine Jack-Russel-Hündin Tinkerbell bedenkenlos in eine Familie mit Kindern vermittelbar. Und sogar diese kleine Maus habe kleine Macken. Bei der übrigen Hunderiege sei dagegen mehr oder weniger Vorsicht geboten. Seekamp: „Wir können schließlich nicht riskieren, dass nach Abgabe etwas passiert.“

Dass durchaus etwas passieren könnte, scheint für die Tierheimleiterin beispielsweise sowohl im Fall des zweijährigen Rottweilers Thor als auch bei dem zehnjährigen Schäferhund Rico denkbar. Die von Amts wegen sichergestellten Hunde zeigen gegenüber Menschen auffallend aggressives Verhalten. „Sie sind aber dennoch keine Bestien“, betont Seekamp. Im Umgang mit ihnen zeige sich deutlich, wie liebebedürftig und anhänglich beide wären. „Ihre Besitzer haben sie zu dem gemacht, was sie sind.“ Seekamp betont, dass die Tierschützer leider meist zu wenig über den Hintergrund der vorausgegangenen Tierhaltung wüssten. „Diese Hunde sind überwiegend kaum an menschliche Gesellschaft gewöhnt. Sie waren zu viel sich selbst überlassen und haben dadurch weder unterschiedliche Reize noch Grenzen erfahren.“

In der Regel wären die Halter schuld. „Wie ein Kind braucht ein Hund Erziehung, Aufmerksamkeit, Zuneigung, Grenzen und natürlich ausreichend Zeit.“ Ihr dringender Appell: „Mit einem Hund muss man sich beschäftigen und am Besten gleich zu Beginn eine Hundeschule besuchen. Und treten Probleme auf, muss man schnell handeln, sich professionelle Hilfe holen und intensiv mit dem Tier arbeiten.“ Doch kostet Zeit. Zeit, die die engagierten Tierheimmitarbeiter im Alltagsbetrieb zu wenig haben. „Wir müssen immer schauen, wie wir etwa Maulkorb- oder Aggressionstraining in den Arbeitsalltag integrieren und personell stemmen können. Denn wir haben schon den Anspruch, den betroffenen Tieren durch spezielles Training zu helfen, damit sich ihre Vermittlungschancen erhöhen. Sie einzuschläfern, ist für uns – abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen – keine Option. Man darf die Tiere nicht für das bestrafen, was die Menschen aus ihnen gemacht haben.“ Tierpflegerin Stefanie Simon fügt hinzu: „Wir lieben die Tiere und tun deshalb alles, um sie wieder zu sozialisieren.“

Damit es erst gar nicht zu Problemen in der Hundehaltung kommt, appelliert Seekamp an die Vernunft. „Wer sich einen Hund anschaffen möchte, sollte bereits vorab klären, ob das Tier in den Familienalltag passt.“ Bei Rassehunden sollte man sich genau über etwaige Besonderheiten informieren und nicht zuletzt gehöre der finanzielle Aspekt geklärt. Auch ein Anruf im Tierheim vorab könne hilfreich sein. „Wir helfen gerne mit Rat und Tat.“  nie

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