Corona-Pandemie verändert auch die Bestattungsbranche

Seelsorger in Schutzkleidung

Wie viele Personen an einer Trauerfeier teilnehmen können, richtet sich nach der Größe des Raumes. Die zahlenmäßige Begrenzung empfinden Angehörige manchmal auch als eine Erleichterung.
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Wie viele Personen an einer Trauerfeier teilnehmen können, richtet sich nach der Größe des Raumes. Die zahlenmäßige Begrenzung empfinden Angehörige manchmal auch als eine Erleichterung.

Landkreis – „Die Trauerfeier findet aufgrund der aktuellen Situation im engsten Familienkreis statt“, zurzeit eine Standardformulierung in Todesanzeigen. Die Pandemie verändert alles, auch über das Sterben hinaus. Und die Bestattungsbranche muss darauf reagieren. Wie das gelingt, darüber berichten Silke Ahrens von Abschied Bestattungen aus Holtum (Geest), Hilke von Mach-Eickhorst, Geschäftsführerin des Beerdigungs-Institutes Wellborg in Achim sowie Bea-Katrin und Bernd Hehl vom gleichnamigen Verdener Beerdigungsinstitut.

„Bei uns ist kein Tag wie der andere“, sagt Hilke von Mach-Eickhorst entschuldigend, weil sie nicht sofort die Eingangstür öffnen konnte. Eine Familie hatte telefonisch einen Trauerfall angezeigt. Da gibt es viel zu regeln. Immer. Gerade jetzt. Und auf Abstand.

Was nun, wenn das Coronavirus die Ursache für den Todesfall ist? „Es ist eine Gratwanderung“, beschreibt von Mach-Eickhorst die Pflicht, sich und die Mitarbeiter vor Ansteckung zu schützen und gleichzeitig durch den Auftritt in Schutzkleidung die Situation nicht noch dramatischer zu machen.

In diesem Zusammenhang weist die 54-Jährige auf ein Problem hin. „Bestatter sind in Niedersachsen bislang nicht systemrelevant“, berichtet sie. Als gerade zu Beginn der Pandemie Masken, Einweghandschuhe und -anzüge knapp wurden, musste ihre Branche nicht nur neue Quellen für den Nachschub auftun, sondern auch die sprunghaft angestiegenen Preise zahlen.

Parallel dazu rechnet Silke Ahrens mit sinkenden Einnahmen aufgrund der weniger umfangreichen Bestattungen. „Vom Volumen her wird’s kein gutes Geschäftsjahr“, prophezeit die Holtumerin.

Um es klarzustellen: Der Beruf des Bestatters dient nicht allein dem Broterwerb. Wer ihn ergreift, ist nicht nur Dienstleister, sondern auch ein Seelsorger. „Sicherheit zu geben und die Wünsche zu erfüllen, die die Angehörigen haben“, so definiert die 63-jährige Ahrens ihre Aufgabe als Bestatterin. Berufskollegin Hilke von Mach-Eickhorst drückt es ähnlich aus: „Wir sind die Helfenden.“

Und die sind aktuell besonders gefordert, vor allem, wenn es darum geht, die Trauernden aufzufangen. „Da ist viel Leid passiert“, kommentiert Silke Ahrens, dass Angehörige zeitweise den Sterbenden im Krankenhaus nicht besuchen durften. Sie ist froh, dass Kliniken hier inzwischen Lösungen gefunden haben, die „den menschlichen Faktor und die Hygieneregeln im Blick behalten“.

Die Suche nach Alternativen zu dem, was aktuell nicht möglich ist, steht immer mehr im Fokus. Wer nicht zur Trauerfeier kommen kann, kann vorher bei der Aufbahrung Abschied nehmen. Die sei übrigens auch zu Hause möglich, betont Silke Ahrens.

Sie bietet auch die Möglichkeit, die Feier filmisch festzuhalten. Beim Beerdigungs-Institut Wellborg sind auf Wunsch ein Fotobuch oder eine musikalisch untermalte, digitale Bilderschau erhältlich.

Auch ein Holzkreuz am Grab, bis ein Stein gesetzt ist, werde jetzt häufiger nachgefragt, berichtet die Holtumerin. Das kennzeichnet die Stelle für diejenigen, die sich an der letzten Ruhestätte vom Verstorbenen verabschieden möchten.

Die Ausübung des Berufes, so findet Bernd Hehl, werde seiner Branche zurzeit aber schwer gemacht. Nicht nur, dass er den aktuellen Regelungen, die noch dazu von Kommune zu Kommune variieren können, oft hinterhertelefonieren müsse. Auch bei der Vermittlung dessen, was erlaubt und was verboten ist, sieht er sich im Stich gelassen: „Wir fühlen uns als Sündenböcke.“

Aktuell gilt für private Zusammenkünfte: maximal zehn Personen aus zwei Haushalten. Bei Trauerfeiern steht für die Landesregierung aber weniger die Anzahl der Personen als vielmehr der Mindestabstand von 1,50 Meter im Fokus. Wie viele Trauergäste jeweils zulässig sind, richtet sich also in erster Linie nach der Größe des Raumes.

In der Kapelle auf dem Domfriedhof in Verden sind laut Silke Ahrens derzeit 20 Teilnehmer zugelassen. In der St.-Laurentius-Kirche in Achim seien 25 Menschen erlaubt, berichtet Hilke von Mach-Eickhorst. Für die Kapellen auf den städtischen Achimer Friedhöfen wiederum gelte die Höchstzahl von zehn Personen.

„Das erklären Sie mal“, sagt Hilke von Mach-Eickhorst mit Blick auf die Angehörigen, denen zusätzlich zu ihrer Trauer auch noch die Pflicht auferlegt wird, eine Auswahl zu treffen. Wobei, das räumen alle ein, die meisten Angehörigen verständnisvoll seien. Und manch einer sehe die zahlenmäßige Begrenzung auch als Erleichterung. „Die Leute, die eine kleine Beerdigung wollen, müssen keine Rechenschaft mehr ablegen“, fasst es Bea-Katrin Hehl zusammen.

Wer soll auf dem Friedhof stehen, kontrollieren, zählen und gegebenenfalls unangemeldete Teilnehmer wieder fortschicken? Wer passt auf, dass Abstände eingehalten werden? „Klärt das bitte“, würde Silke Ahrens den Trauernden gerne vorab sagen. „Aber diese Rolle ist schiete“, fügt sie hinzu und zieht die Nase kraus.

Doch auch sie und Hilke von Mach-Eickhorst finden in der Krise wenigstens etwas Gutes. Das Institut, noch dazu der moderne Neubau, werde immer als ein offenes Haus geführt. Jetzt gebe es keinen Publikumsverkehr, dafür habe sich der Arbeitsfluss verändert: „Wir schaffen deutlich mehr.“

Silke Ahrens richtet den Blick nach außen und stellt fest: „Der Zusammenhalt ist stärker.“ Die Covid-19-Situation, sagt sie, sei sehr bedrohlich, „wir müssen alle gut aufeinander aufpassen“.

Von Katrin Preuss

Bea-Katrin und Bernd Hehl.
Hilke von Mach-Eickhorst, Institut Wellborg.
Silke Ahrens von Abschied Bestattungen.

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