Nicht optimal für sehbehinderte Menschen: Beraterin Renate Tants sucht den Blindenleitstreifen vor dem Rathaus

Schwierige Suche nach Orientierung

Wie gehts jetzt weiter? Renate Tants findet mit ihrem Stock nur den „Noppenstein“. Der Behindertenbeauftragte Dieter Eggert hat ihre Kritikpunkte aufgenommen. - Foto: Klee

Verden - „Das geht ja gar nicht.“ Renate Tants ist nicht zufrieden. Die 63-Jährige ist gut zu Fuß und wetzt vor dem Rathaus hin und her. Mit ihrem Blindenstock versucht sie, sich über die gepflasterte Pläne zu navigieren. Nur mit etwas Glück findet sie die eingefrästen Rillen und erkennt darin den Blindenleitstreifen. Dann muss sie jäh abbremsen: „Hier gehts nicht weiter.“

„Wie viele Blinde habe ich noch einen Rest Sehkraft“, erklärt Renate Tants. Sie hätte den Leitstreifen deshalb auch gezielt entdecken können, wenn er nicht im Farbton der kostspieligen portugiesischen Pflasterung verschwinden würde. „Das muss weiß sein“, erklärt die Bremerhavenerin Dieter Eggert.

Der neue Behindertenbeauftragte und Vorsitzende des Behindertenbeirats hatte Renate Tants eingeladen, um mit ihm über die Streifen und die Bedeutung ihres Stockes zu sprechen. Die resolute Frau aus Bremerhaven hat Erfahrung damit. Im Landkreis Verden gibt sie regelmäßig als Vertreterin des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen ihr Wissen in Sprechstunden weiter. „Ich bin regelmäßig im Kreishaus und im Achimer Rathaus.“

Ganz wichtig ist für die 63-Jährige ihr Stock. Mit der ballähnlichen Verdickung ertastet sie die Rillen im Pflaster und weiß dann, wie sie am Rathausplatz entlang kommt. Das geht geradezu sportlich bei ihr. „Ich habe 30 Jahre Erfahrung.“

Ihr Handicap hat sie schon immer gehabt. Sie ist damit aufgewachsen und hat studiert. Ein langer und harter Weg bis zu ihrem Abschluss als Diplom-Pädagogin, erinnert sie sich. Damals sei so ein Werdegang nicht vorgesehen gewesen. Und die Hilfsmittel, von denen sie Betroffenen in ihrer Sprechstunde berichtet, gab es noch nicht.

Barrierefreiheit im öffentlichen Raum ist deshalb auch einer der Schwerpunkte für Renate Tants. Dasselbe gilt für den Behindertenbeirat. Deshalb trafen sich Dieter Eggert und die Kassenwartin des Vereins, Lydia Stöfer, mit ihr. „Die Leitstreifen am Rathausplatz waren zunächst gar nicht vorgesehen worden“, erklärt der Vorsitzende. Die seien nachträglich eingefräst worden, nur das sonst übliche Weiß fehle.

Renate Tants fehlt der farbliche Kontrast. Mit ihrem Stock kommt sie gut zurecht, wenn sie die Streifen gefunden hat, aber ohne den deutlichen Farbunterschied wird die Suche zum Glücksspiel. Das betreffe viele „Blinde“, berichtet die Beraterin. Aber auch viele Ältere kämen bei Problemen wie einer Netzhautdegeneration in eine ähnliche Lage.

Mit der Pflasterung vor dem Rathaus hat Renate Tants aber noch mehr Probleme. Der Wechsel zu der Ladenzeile auf der andere Seite des Platzes ist für sie ein Aufbruch ins Ungewisse. Orientiert sich die Bremerhavenerin an den Leitstreifen, läuft sie an den Geschäften vorbei, nur am Platz entlang. Irgendwann stößt sie auf eine Platte mit großen „Noppen“. „Die deutet einen Richtungswechsel an“, hat sie sofort das Signal verstanden. Der 90-Grad-Schwenk, mit dem sie am Rathaus entlang kommen würde, führt aber ins Leere. Hier müsste sich der Leitstreifen anschließen. Am anderen Ende des Platzes, an der Herrlichkeit, fehlt er ganz.

Schön wäre es auch, wenn man ins Rathaus geführt würde, sagt Renate Tants. Dort liegt ein einsamer „Noppenstein“ ohne Leitstreifen drumherum.

kle

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