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Schuldnerberater: Deutlicher Anstieg im Landkreis Verden

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Von: Heinrich Kracke

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Zwei Frauen mit Aktenordner.
Erwarten deutliche Anstiege in den überschuldeten Personenkreisen: Sonja Tusnik (l.) und Elisabeth Peter von der Schuldnerberatung der Caritas in Verden. © Kracke

In den kommenden Monaten werden deutlich mehr Menschen in die Schuldenfalle rutschen. Davon gehen die Schuldnerberater im Landkreis Verden aus. Die Anzahl steige explosionsartig, heißt es. Es treffe Personenkreise, die jetzt noch gar nicht daran dächten.

Verden – Die ersten untrüglichen Signale sind da, die 200 Euro für Hartz-IV-Empfänger. Im Juli sollen sie an jeden erwachsenen Sozialhilfe-Bezieher ausgezahlt werden. Eine Art Zuschuss für die gestiegenen Energiepreise, ein bisschen auch als Ausgleich der Inflationsrate. „Dies Geld habe ich bei einigen meiner Klienten jetzt schon verplant“, sagt Sonja Tusnik. Schuldnerberaterin bei der Caritas in Verden ist sie. Bei Klienten, denen die Stromabrechnung in den nächsten Wochen in den Briefkasten flattert. „Da wird einiges an Nachzahlungen fällig.“ Für den eigentlichen Zweck, für ein dauerhaftes Abfedern der deutlich gestiegenen Nebenkosten, dafür stünde anschließend nichts mehr zur Verfügung. Und dann wäre es da, das, was sich jetzt abzeichnet. „Wir rechnen mit einem deutlichen Anstieg überschuldeter Privatpersonen“, so Tusnik. Und das ist keine Einzelmeinung. Von den Insolvenzgerichten seien ähnliche Einschätzungen zu hören. „Einige Richter gehen von explosionsartigen Zuwächsen aus.“

Und das auch in einer eigentlich finanziell und arbeitsmarktmäßig auf Rosen gebetteten Region wie dem Landkreis Verden. Die Pandemie war sogar noch relativ gut überbrückt worden. „Vor zwei Jahren hatten wir schon mit Anstiegen gerechnet, aber die Finanzhilfen des Bundes konnten viel ausgleichen.“ Zwar ist die Zahl der Privatinsolvenzen innerhalb eines Jahres kreisweit von 173 auf 248 gestiegen, dies aber vor allem wegen der verkürzten „Wohlverhaltensphase“ von sechs auf drei Jahre, die überschuldete Haushalte zu durchlaufen haben. Einige hätten den Insolvenzantrag hinausgezögert, um nur noch 36 Monate unter die Kuratel von Finanzauflagen zu fallen. Dieser Effekt halte auch im laufenden Jahr an. 86 Anträge auf Privatinsolvenz wurden bis Ende April gestellt, was ein Aufkommen bis Ende Dezember in etwa auf Vorjahreshöhe erwarten lasse.

Zusätzlichen Druck, so Tusnik und ihre Kollegin Elisabeth Peter, beide offiziell vom Landkreis bestellte Schuldnerberater, zusätzlichen Druck lösen die Begleiterscheinungen des Ukraine-Krieges aus. Und da seien Personenkreise betroffen, die jetzt noch überhaupt nicht daran dächten. Die Bauherren der vergangenen Jahre etwa. Seit 2007 sei sie Schuldnerberaterin in Verden, sagt Tusnik, bisher kannten die Hypotheken-Zinsen nur eine Richtung, sie sanken, aber jetzt drehe sich das Blatt. Erstmals Zinsanhebungen. „Viele Baufinanzierungen sind so ausgereizt, da kann ein leichtes Erhöhen die ganze Finanzkonstruktion zum Einbrechen bringen.“ Hinzu kämen neben der allgemeinen Teuerung vor allem die Energiekosten, die statt auf 80 Euro vielleicht auf 120 oder 150 Euro emporschnellen, was zusätzliche Finanzlöcher reiße. „Nein“, sagt Tusnik, „da ziehen dunkle Wolken auf, ganz dunkle.“

Allerdings versuche der überwiegende Teil der überschuldeten Privatpersonen zunächst noch, die Insolvenz zu umschiffen, Menschen, die in der Regel nicht durch eigenes Zutun in die Bredouille der Schuldenfalle getrieben wurden. Tusnik berichtet von jener Frau mittleren Alters, die als einer der typischen Fälle gelte. Sie habe immer gearbeitet, habe ihr Auskommen im Pflegeberuf, ein Kind in der Ausbildung, zuweilen kleinere Konsumkredite, für die Wohnung, fürs Auto, aber in einer „schwierigen Beziehung“ lebend. Es kam zur Trennung. Sie plötzlich alleinerziehend. Ein Partner, der seinen Unterhalt nicht zahle, auch seinen Beitrag zur Miete blieb er schuldig. Eine Tochter, die die Ausbildung abbrach, ohne davon zu Hause zu erzählen, eine Tochter, für die Kindergeld floss. Die Frau schließlich längerfristig krank. Nur noch 70 Prozent des Lohnes standen zur Verfügung. Am Ende schlug eine Schuldenlast von über 10 000 Euro zu Buche, ein Strafverfahren wegen Kindergelds-Erschleichung, ein Schufa-Eintrag, und damit keine Möglichkeit mehr, beispielsweise einen Telefonanschluss zu beantragen, was wichtig gewesen wäre, für ihren kleinen Nachzügler zumindest, der in der Pandemie nur per Internet mit der Schule verbunden war. „Auch diese Frau hat versucht, mit kleinen Raten, mit 50 Euro im Monat, die Schulden abzuzahlen“, sagt Tusnik.

Aussichtslos sei das nicht. „Das hängt oft von der Anzahl der Gläubiger ab. Sind es nur drei, kann es funktionieren, sind es eher 20, ist es meist aussichtslos.“ Und oft sei es die Frage, ob und an welches Inkassobüro man gerate. „Da können aus einer Forderung von 15 Euro schnell mal 300 werden.“ Eine nächste Kostenfalle stecke in des Menschen größter Freund, stecke in Tieren, die man sich zulege. „Der Hartz-IV-Regelsatz sieht 43,82 Euro im Monat für Freizeit, Unterhaltung und Kultur vor, wer daraus auch noch einen Hund finanzieren will, manchmal sogar mehrere Hunde, befindet sich schon in der Schuldenfalle.“ Sehr, sehr oft stünden Tierärzte in der Gläubigerliste. Als Hauptursachen für ein Aufklappen der Schuldenfalle gelten Trennung, Arbeitslosigkeit, Krankheit und der Tod des Partners. Gefährdet sei jedenfalls jener Personenkreis mit weniger als 1000 Euro verfügbarem Einkommen pro Monat.

Und manche leben über ihre Verhältnisse? Kennt man ja von Peter Zwegert, dem Fernseh-Schuldenberater? „Das sind Einzelfälle“, sagt Tusnik, „viel seltener als erwartet“. Der junge Mann, der vor einigen Jahren die Schuldnerberatung aufsuchte, eine teure Wohnung, ein E-Scooter, ein Pferd, aber nur ein unterdurchschnittliches Einkommen, das sei die Ausnahme.

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