„Historische Bibliothek des Domgymnasiums braucht neues Zuhause“

Schimmel und Feuchtigkeit bedrohen jahrhundertealten Buchbestand

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Oberstudienrat Reinhard Nitsche fürchtet als Leiter der Historischen Bibliothek um den Bestand der Bücher.

Verden - Die Historische Bibliothek des Verdener Domgymnasiums birgt einmalige und wertvolle Schätze. Doch viele Bücher sind vom Verfall bedroht und brauchen dringend Luftveränderung. Oberstudienrat Reinhard Nitsche ist nicht nur Fachobmann für Mathematik am Dog, sondern zugleich ein Liebhaber kunstvoller Bücher und Betreuer der Bibliothek. Nitsche stand unserer Zeitung Rede und Antwort, beschreibt im Interview den vielfältigen Umgang mit den Büchern im Schulalltag und was sich unbedingt ändern muss. Die Fragen stellte Redakteur Markus Wienken.

Herr Nitsche, was lesen Sie gerade für ein Buch?

Reinhard Nitsche: Ich habe immer einen kleinen Stapel mit aktuellen Lesezeichen. So komme ich in einer Woche recht weit herum. Er enthält fast nur philosophische, mathematische und historische Fachliteratur. Aber es klemmt auch Simon Singhs „Die Simpsons und die Mathematik“ dazwischen. Bestechend komisch! Und es zeigt, dass Mathematik und Humor sich nicht gegenseitig ausschließen.

Iphone, Smartphone, Tablet oder E-Book, die Welt ist digital. Ist das Buch überhaupt noch gefragt?

Nitsche: Klares „Ja“, berechtigtes „Nein“. Hierauf gibt es keine „richtige“ Antwort. Denn Lesen hat schon immer ganz verschiedene Zwecke. Und jede Leserin, jeder Leser nimmt verschiedene Rollen ein – je nach dem, wann und was man liest, wie und wozu. Als Lehrer wünsche ich dem digitalen Schulbuch einen gehörigen Entwicklungsschub: Viele Kilogramm, die heute noch in dicken Trolley-Ranzen durch die Gegend bugsiert werden, ließen sich in schwerelose Bits umwandeln, die auf einem einzigen, leichten Gerät Platz fänden. Das hätte sympathische Konsequenzen: Man könnte nicht mehr (nur) das Deutschbuch vergessen. Man hätte alle Bücher dabei oder eben keines. Es ist natürlich auch verdammt praktisch, seine Urlaubsliteratur auf einem Tablet oder E-Book-Reader zu haben. Ich als Nostalgiker muss hingegen vor einem Flug meinen Koffer wiegen und entscheiden, welches Buch noch mit darf und welches nicht. Das Buch als Datei wiegt im Grunde nichts. Das analoge Exemplar lässt sich jedoch eben schnell durchblättern, wiegt als Ganzes in der Hand und ist für alle Sinne gegenwärtig. Wer hier welche Variante besser findet, ist ganz klar Ansichtssache. Man muss jedoch hinzufügen, dass die Wahlsituation: „Digitales oder analoges Buch?“, alles andere als chancengleich ist. Unzählige Bücher existieren und erscheinen nach wie vor nur analog. Wer sich allein auf „digital“ festlegt, schränkt sich ein und verpasst Entscheidendes. Die Frage, ob das analoge oder das digitale Buch das Buchformat der Zukunft ist, ist wichtig, aber im Grunde ganz pragmatisch. Man darf aber eines nicht vergessen: Bücher sind Kulturgut. Insbesondere bei historischen Büchern zählt zu diesem jedes einzelne Exemplar: „Digitalisierung kann den Originalerhalt nicht ersetzen.“ Das lässt sich leicht einsehen. Historische Bestände enthalten Spuren: Widmungen, Besitzeinträge, Randnotizen, Unterstreichungen und Lesezeichen machen die Stücke zu Unikaten. Sie sind selbst Geschichte.

Also gut, Bücher werden gebraucht, ich stimme Ihnen gerne zu. Erzählen Sie uns etwas über den Bestand der Historischen Bibliothek des Domgymnasiums. Was findet der Leser, was er woanders vergeblich sucht?

Nitsche: Wir haben Bücher, die weltweit einmalig sind. Nur ein Beispiel: Das Enchiridion Verdensis von 1516 existiert weltweit nur noch in Form eines Exemplars – in unserem Bestand. Andere unserer Bücher sind so selten, dass große Bibliotheken uns darum beneiden. Oft könnten Bürger Verdens und der Region sich weite Wege zu fernen Quellen ersparen, wenn sie nur um unsere Bestände wüssten. Da die meisten Bücher von Verdener Bürgern gespendet wurden, belegt der Bestand als ganzer obendrein das frühere Geistesleben der Stadt und ihres Domgymnasiums in einzigartiger Weise. Der Leser findet also ein lebendiges Verdener Kulturdenkmal, das so nirgends anders steht und stehen kann.

Juliane Böcker-Storch und Hartmut Bösche ordnen den Bestand.

Die Bibliothek spielt auch im Schulalltag eine gewichtige Rolle. Schildern Sie, welche?

Nitsche: Unsere Historische Bibliothek hat in den letzten Jahren in der Tat den Weg zurück ins schulische Leben gefunden. Und das ist auch gut so, denn so ist sie wirklich wieder, was sie ist: Eine Bibliothek von Schülern und Lehrern für Schüler und Lehrer. Bei den Kleineren wirkt wohl eher der „Harry-Potter-Effekt“ als Magnet, bei den Größeren ist es meist das Interesse an unseren aufsehenerregenden Meilensteinen, was Schüler dazu führt, selbst den Weg in die Bibliothek zu suchen. Hierfür gibt es kurze, wöchentliche Öffnungszeiten. Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Der Reichtum des Bestandes bietet eine riesige Palette an Möglichkeiten der schulischen Nutzung. Darauf antwortet unser pädagogisches Konzept: Dessen Säulen erlauben es, die Historische Bibliothek mit unterschiedlicher Intensität und Tiefe in den Unterricht und das schulische Leben einzubinden.Wo immer dieses Konzept zum Tragen kommt, sind Schüler und Lehrer spontan begeistert und nachhaltig beeindruckt, welche Kostbarkeiten im Keller der Schule stehen. Das „Face-to-face“ von Schülern und historischen Büchern erzeugt eine Win-Win-Situation: Die Aura eines besonderen Exemplars bringt zusätzliches Licht und Motivation in die Themen eines Faches. Die Gänsehaut, die Schüler und Lehrer bei einer solchen Begegnung fast zwangsläufig überkommt, schafft wiederum Bewusstsein für Bedeutung und Schutzbedarf des schriftlichen Kulturguts als fragilstem aller Kulturgüter. Und ohne dieses Bewusstsein, das ist klar, wären nicht nur unsere, sondern alle historischen Bestände langfristig zum Untergang verurteilt. Deshalb wäre auch eine Öffnung der Bibliothek für die außerschulische Öffentlichkeit wichtig: Nur so ließen sich weitere, dringend benötigte Unterstützer finden. Und nur so, face-to-face, kann ein Bewusstsein für dieses einzigartige Verdener Kulturgut auch außerhalb der Schule geschaffen werden.

Der Bestand ist einmalig, aber den Werken, Bänden und Heftsammlungen geht es zunehmend schlechter. Woran liegt es?

Nitsche: Die gegenwärtige Unterbringung des historischen Bestands ist aus baulichen Gründen zuhöchst problematisch: Die Bücher stehen so eng, dass bereits das Herausnehmen eines Buches aus dem Regal zu physischen Schäden führen kann. Noch schlimmer: Die Räumlichkeiten bewirken eine viel zu hohe Luftfeuchte, die zu Schimmelbildung im gesamten Bestand führt. Zu große Temperaturschwankungen im Laufe eines Tages und eines Jahres erzeugen zusätzliche physische Belastungen: Kostbare Einbände verbiegen sich, reißen und zerfallen schließlich in mehrere Einzelteile. Es sind bereits jetzt gehörige Schäden zu verzeichnen, die sich allerdings noch beheben ließen. Der abzusehende Schadensfortschritt in den nächsten Jahren wäre jedoch gravierend. Kurz gesagt: Bliebe alles, wo und wie es ist, verschimmelte uns der Bestand unter den Händen! Hinzu kommt, dass die Enge und die Luftbelastung der aktuellen Räumlichkeiten die umfangreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, aber auch die schulische Nutzung, deutlich erschweren.

Was machen Sie, was machen die ehrenamtlichen Helfer, um den Verfall aufzuhalten?

Nitsche: Die Größe des Bestandes und seine inhaltliche Tiefe stellen eine Herkules-Aufgabe dar, der wir uns wöchentlich stellen. Bestandsarbeit ist zunächst inhaltliche Arbeit. Trotz der schlechten Bedingungen vor Ort, arbeitet unser ehrenamtliches Helferteam wöchentlich an der fachgerechten Erschließung und Katalogisierung des Bestandes, an der Rekonstruktion historisch bedeutender Teile der Sammlung sowie an seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung. Der Kampf gegen den Verfall ist im Moment eine Sysiphus-Aufgabe: Wir sichten und sichern den Bestand durch kurzfristige Maßnahmen, die jedoch nur bedingt wirksam sind. So laufen gegenwärtig täglich mehrere Luftentfeuchter und -filter an besonders betroffenen Stellen. Doch dies ist weniger als ein „Tropfen auf den heißen Stein“: Die Geräte vermögen es nicht, die Luftfeuchte des gesamten Raums zu senken. Trotz allem schulischen und ehrenamtlichen Engagement, das seinesgleichen sucht, sind wir machtlos gegen den weiteren Verfall. Er ist ohne grundsätzlich neue und den Anforderungen eines solchen Kulturguts angemessenen Lagerungsbedingungen nicht aufzuhalten. Intensive Öffentlichkeitsarbeit und das präzise Erarbeiten nötiger Bedingungen zum Erhalt sind daher im Moment das Einzige, was wir für unseren Bücherschatz tun können – mit der Hoffnung auf möglichst bald greifende Maßnahmen mit umso nachhaltigerer Wirkung.

Blick in das Enchiridion Verdensis von 1516. Weltweit gibt es davon nur noch ein Exemplar.

Trotz ihrer Bemühungen, da sind Sie ehrlich, es wird nicht reichen, um den Verfall zu stoppen. Sie wünschen sich einen Neubau. Wer soll ihn bezahlen, wo soll er stehen, wie teuer wird er und was soll dort wie untergebracht werden?

Nitsche: Ein Neubau sollte so schulnah und zweckmäßig wie möglich sein. Er bräuchte geeignete Räume für den Bestand, aber auch für Mitarbeiter, Nutzer und Besucher. Weitere Buchspenden von Verdener Bürgern müssen Platz finden. Auch die Einbeziehung des historischen Schularchivs wäre wünschenswert. So könnte ein neues Aushängeschild Verdener Kulturarbeit und Geistesgeschichte entstehen. Die Historische Bibliothek ist Teil der Schule. Welche baulichen Maßnahmen erfolgen und in welchem Umfang, kann deshalb nur der Schulträger entscheiden.

Landkreis Verden und Klosterkammer Hannover haben eine Förderung zugesagt. Reicht Ihnen das?

Nitsche: Wir sind froh, dass beide Stellen zu ihrer Verantwortung stehen. Der in Gang gekommene Entscheidungsprozess ist bereits ein Fortschritt. Dass solch ein Prozess Zeit benötigt, ist verständlich. Klar ist jedoch auch, dass unsere Bücher erst von abgeschlossenen Baumaßnahmen profitieren können. Im Moment sind wir deshalb auf Angaben zur zeitlichen Perspektive angewiesen und das so bald wie möglich. Denn nur so können wir Überbrückungsmaßnahmen ergreifen, um den Verfall zumindest kurzfristig irgendwie einzudämmen. Zur materiellen und finanziellen Unterstützung, die wir auch langfristig und über Baumaßnahmen hinaus benötigen werden, gibt es sicher einen noch größeren Bereich von Personen und Institutionen, die helfen wollen und können. Das muss man weiter ausloten.

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