Die Sachsen treffen Karl den Großen in Verden

Verdener Historie: Häuptling Hadewin auf dem Weg zum Kaiser

Verden – Im Sommer des Jahres 810 n. Chr. weilte der Frankenkaiser Karl der Große mit einem Kriegsheer von acht- bis zehntausend Mann nebst Gefolge nachweislich für einige Wochen in Verden. So steht es in den Fränkischen Reichsannalen verzeichnet; so beschreibt es Karls Biograf Einhardt. Der Kaiser blieb länger, weil grade Frieden geschlossen worden war. Die Sachsen schickten einen Häuptling. Der machte sich aus Scharnhorst auf den Weg. Eine nicht belegte, aber mögliche Geschichte (Teil zwei).

Der Helm eines Sachsen, wie ihn auch Häuptling Hadewin getragen haben könnte. Der Spangenhelm aus dem 9. Jahrhundert wurde im Verdener Moor gefunden und ist einer von nur zwölf entdeckten Exemplaren dieser Art europaweit.

Häuptling Hadewins Pferd wurde unruhig. und sie brachen auf. Jetzt im Sommer war der gewohnte Feldweg zum Allerfluss bequem zu nehmen und so hingen beide ihren Gedanken nach...und der Ochsenknecht träumt von einer Frankenmagd, die vielleicht noch frei und willig war...

Die Sachsen auf dem Weg zu Karl dem großen: Der Ochsenknecht träumt von einer Frankenmagd

Als vor einem halben Jahr Berwig der Händler, der zweimal jedes Jahr in die Nähe kam, an ihren Gehöften vorbeischaute und übernachtete, hatte er schon bedenkliches aus der großen Welt berichtet. Kriegsgerüchte, denn angeblich sollte der Dänenkönig mit dem unaussprechlichen Namen den großen Frankenkaiser Karl herausgefordert haben. Auch sollten weit im Norden liegende Landen von wilden Wikingerhorden geplündert worden seien.

Wie auch immer, vor einigen Wochen waren einige Franken-Krieger auf ihre Höfe geritten und hatten um Verpflegung für das Heer Karls gebeten; dieses läge an der Furt am Fluss und würde sie alle vor den Dänen beschützen. Noch hatten sie gebeten und noch waren sie höflich gewesen. Doch ihre scharfen Waffen trugen deutliche Spuren vielfachen Gebrauches! So hatte Dietrade ihnen knurrend einen Ochsen, fünf Brotleibe und eine Fässchen Honigwein überlassen. Und ihr Nachbar war vor wenigen Tagen einem Jägertrupp der Franken begegnet. Seitdem hatten alle eine Erklärung dafür, weshalb sich das Wild in ihrer Gegend so ungeheuer rar gemacht hatte in letzter Zeit. Wie sollte das erst im Winter werden?

Dr. Björn Emigholz.

Zunächst hatte nichts die gewohnte Ruhe des Weges durch den Wald gestört. Alles war wie immer gewesen.

Anzeichen für die Anwesenheit eines gewaltigen Heeres

Aber je näher sie dem Geestrücken an der Furt kamen, desto deutlicher wurden die Anzeichen für die Anwesenheit eines gewaltigen Heeres. Pferdekoppeln, in denen Lasttiere für den Tross als auch Streitrösser friedlich grasten, umsorgt von zahlreichen Pferdeknechten. Lagerfeuer, stets dicht umgeben von fremdaussehenden Kriegern, die doch tatsächlich oft mehr als einen beiläufigen Blick zu Dietrade hinüberwarfen! Sowohl Hadewin als auch seine Frau taten dann so, als ob ihnen diese Frechheiten nicht auffielen, aber tief in ihrem Herzen spürte Dietrade die Verunsicherung ihres Mannes. Wie sollte er darauf angemessen reagieren? Es waren Krieger, harte Kerle, die schon so manche Schlacht überlebt hatten!

Doch ständig lenkten neue Eindrücke die drei Sachsen ab. Allein die Gerüche nach Verbranntem und Gebratenem; nach Schweiß und Vieh; nach nasser Wolle und zu selten gebadeten Körpern! Denn immer dichter wurde das Gewusel der Fremden. Hier zischten die Feuer der Schmiede, in denen Hufeisen aber auch Kriegsgerät ausgebessert und kampfbereit gemacht wurden; von Kämpfern umlagert, die auch gleich die wiederhergestellten Waffen und Ausrüstungen ausprobierten. Dort beteten Christenpriester an Feld-altären und nicht wenige Krieger und Knechte gingen dabei in die Knie und baten Gott um Vergebung und Beistand. Dazwischen Hühner, Schweine und Ziegen in unübersehbarer Zahl. Alles Schlachtvieh für die vielen hungrigen Mägen!

Hadewin schien es, als ob sämtliche Handwerke, die er überhaupt kannte, sich hier versammelt hatten. In den offenen Zelten wurden Stoffe zurecht geschnitten, walkten Gerber ihre stinkenden Leder, fertigten Spezialisten Zaumzeuge, Sättel, Taschen, Schwertscheiden, und vieles, was weder Hadewin noch seine Frau je gesehen hatten! Es war, als ob die ganze Welt hier an der Furt Jahrmarkt feierte!

Zwei Gewappnete versperrten dem Gespann und Reiter den weiteren Weg

„Halt! Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?“ Zwei Gewappnete versperrten dem Gespann und Reiter den weiteren Weg. Offenen Mundes staunend hatten die drei Sachsen gar nicht darauf geachtet, wohin der Weg sie führte. Die Worte der Franken hatten sie natürlich auch nicht verstanden, doch sprachen die Mienen der Männer und ihre vorgestreckten Lanzen eine deutliche Sprache.

„Ich heiße Hadewin und komme von weit hergezogen,“ warf sich der „Abgesandte“ der kleinen Gehöfte-Siedlung in die Brust, „und das sind mein Weib und mein Knecht!“

„Mann, was fällt dir ein!“ zischte Dietrade aus dem Mundwinkel, „lass uns schnell umkehren!“

„Herzog Hadewin?“ radebrechte in schrecklichem Sächsisch da schon einer der beiden Wächter. „Ihr seid gekommen, um unserem Kaiser Karl zu huldigen? Und das ist Euer edles Weib? Wo bleibt Euer Gefolge?“

„Herzog Hadewin?“ radebrechte in schrecklichem Sächsisch da schon einer der beiden Wächter.

Hadewin war sprachlos. Wieso war er plötzlich ein Herzog und wer sollte wohl sein Gefolge sein? Während ihr Mann um Fassung und eine Erwiderung rang, wusste Dietrade sofort, was zu tun war! Edles Weib, so hatte der Wächter sie genannt; das lief doch runter wie Öl; endlich hatte jemand erkannt, was in ihr steckte! Nun galt es, ihrem Namen (Diet=diot, d.h. Volk und Rade= Berater, Ratgeber) Ehre zu machen!

„Ganz recht, mein starker Kämpfer, „Herzog“ Hadewin und sein Eheweib Dietrade wünschen dem Kaiser ihre Aufwartung zu machen! Unsere Diener und Mägde folgen uns auf den Ochsenkarren. So lasst uns doch bitte wissen, wo wir uns auf die Audienz mit dem Kaiser vorbereiten können und wann wir dazu kommen sollen!“

Ungeschickt eine Verbeugung andeutend – aber besseres war man sowieso nicht gewohnt, wie Dietrade innerlich seufzte – ging ihnen der Bewaffnete voraus und führte sie zu einer Zeltgruppe, vor der ein weiträumiges Abspannfeld trassiert war. Mägde und Diener standen bereit, den Gästen die Pferde abzunehmen, ihnen Räumlichkeiten zu zuweisen und ihnen den weiteren Ablauf zu erklären.

Die Sachsen staunten: Was für eine Pracht! Schon die aus gegerbtem Leder gefertigten Zelte selbst, groß wie die Hallenhäuser daheim

„Haltung Mann und Mund zu!“, zischte Dietrade ihrem Gatten an, „wir sind jetzt Herzogs und unser Volk erwartet eine entsprechende Repräsentation!“...worauf dieser nur „Hmmpfff!“ antwortete; Schlagfertigkeit war eben nicht sein Ding!

Nur Momente später sollten allerdings auch Dietrade die Worte fehlen! Als sie nämlich durch die zurückgeklappten Zeltbahnen eine solche Reiseunterkunft betrat. Was für eine Pracht! Schon die aus gegerbtem Leder gefertigten Zelte selbst, groß wie die Hallenhäuser daheim. Eingerichtet mit allem, was fränkische und maurische Handwerker herzustellen wussten. Teppiche bedeckten die Fußböden und teilweise auch die Wände! Hocker und sogar – ganz selten! – Stühle, manche aus einem Stück geschnitzt, andere mit kostbaren Intarsien aus Elfenbein und Ebenholz verziert, warteten darauf, dass die Gäste Platz nahmen. In einer Ecke sah Dietrade Waschgeschirr. Waschgeschirr! Für Menschen! Überall standen und lagen Gerätschaften herum, deren Verwendung auf Anhieb gar nicht zu erkennen war...

Geschichten zur Verdener Geschichte

In „Kleine Geschichten zur Geschichte“ schreibt Dr. Björn Emigholz für unsere Zeitung. Er verknüpft Fantasie mit Wirklichkeit, schildert Ereignisse, wie sie sich im Laufe der Jahrtausende abgespielt haben könnten. So wurden Dokumente aus dem Stadtarchiv, Exponate aus dem Domherrenhaus oder heute befremdlich scheinende Umstände zur Inspiration für Geschichten

Und über allem schwebte ein unbeschreiblich süßer Wohlgeruch nach versprengtem Duftwasser! Man hatte ungläubig schon davon gehört, aber selber so etwas zu riechen!

„Verzeiht meine Aufdringlichkeit, jedoch seid ihr spät dran; schon bald wird der Kaiser Euch zum Consilium bitten!“ mit diesen Worten hatte sich einer der herumstehenden Höflinge Hadewin und Dietrade genähert.

„Ich fürchte, für mehr als ein wenig Wasser ins Gesicht und auf die Hände, einen Becher Wein und Gebäck zur Erfrischung, bleibt keine Zeit!“ fuhr er fort. Damit reichte er Hadewin auf einem metallenen Tablett zwei Pokale und kleine süße Brote.

Fortsetzung folgt.

Von Dr. Björn Emigholz

Rubriklistenbild: © Markus Wienken

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