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„Durchseuchung wirkt nur kurz“

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Von: Heinrich Kracke

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Frau wird geimpft.
Nur noch wenig Zulauf verzeichnet das Impfzentrum des Landkreises am Nordertor in Verden. „Da ist eine gewisse Immunisierungs-Müdigkeit eingetreten“, bestätigt Ärztin Ursula Döbbeling. Hier verabreicht Katharina Ruth den schützenden Piks. © Kracke

Domweih und die Folgen: Die Inzidenz steigt im Kreis Verden weiter an. Allerdings trügt die Hoffnung, die „Durchseuchung“ könnte auf Dauer zu mehr Schutz führen.

Verden/Achim – Als gestern fest stand, die Inzidenz steigt weiter, sie erreicht jene Werte, die im Frühjahr zu Buche schlugen, jene Rekorde, sie liegt bei über 1600, und der Landkreis Verden belegt in der bundesweiten Tabelle weiterhin Platz eins, als die Schreckensnachrichten also kein Ende nehmen wollten, da zerstob sogar die letzte Hoffnung auf wenigstens eine gute Seite der Corona-Lage. Die Durchseuchung war das Thema. Wenn schon so viele Menschen zwischen Ottersberg und Dörverden infiziert sind, dann müsste doch wenigstens der Schutz für breite Bevölkerungsschichten gestiegen sein. Wer genesen ist, der dürfte doch immerhin gefeit sein vor einer Neuansteckung. Aber die Amtsärztin hat dafür nur ein müdes Lächeln. „Schön wär‘s“, sagt Jutta Dreyer.

Okay, es treffe zu, für sechs oder sieben Wochen, in diesem Fall also bis Mitte der Sommerferien, ja, da sei der Betroffene gut geschützt. Länger jedoch in der Regel nicht. „Sehen wir immer wieder“, sagt Dreyer, „wer beispielsweise mit der Omikron-Variante ba.2 infiziert war, den können zwei Monate später schon die Varianten ba.4 oder ba.5 treffen.“ Und wer wenigstens auf den Sommer-Tiefstand hofft, auf jene niedrigeren Inzidenzen der vergangenen Jahre, dem nahm sie ebenfalls alle Illusionen. „Nein“, so die Amtsärztin, „wir steuern im Zuge der aktuellen Welle mit ihren hohen Ansteckungsgefahren auf den Herbst zu, in dem ohnehin wieder deutliche Zunahmen erwartet werden. Allenfalls kleine Wellentäler treten zwischenzeitlich möglicherweise ein, sehr kleine. Darauf deuteten viele Signale hin.“

Und die Ursache? Allein die Domweih mit ihren Massenaufläufen? Erste Mahner hatten sich schon an den ersten Tagen des Spektakels gemeldet. Man müsse sie absagen, die fünfte Jahreszeit, sie dürfe wegen der Ansteckungsgefahr keinesfalls weiterlaufen, forderten erste Zeitgenossen. Im Verdener Gesundheitsamt sieht man die Lage differenzierter. „Gewiss, in den Zelten da tanzten die Leute, sie schwitzten, sie kamen sich nahe – das sind ideale Bedingungen für jedes Virus, sich zu übertragen“, sagt Jutta Dreyer. Aber das sei eben das Ergebnis, wenn die Vorsichtsmaßnahmen fallen. „Es wurde ja alles aufgerissen“, sagt die Amtsärztin. Da bilde die Domweih schon fast keine Ausnahme mehr. Stadtfeste gehen über die Bühne, Schützenfeste in allen Orten, das Hurricane und andere Festivals. Und sie seien ja auch nicht verboten.

Und das sei erst der Anfang. „Wir stehen vor den Ferien. Die Reisewelle kommt ins Rollen. Wo in den Vorjahren die Menschen vielleicht an der Nord- oder Ostsee ihren Urlaub genossen haben, mit allen Vorsichtsmaßnahmen, da geht es jetzt verstärkt wieder in den Süden“, sagt sie. Und sie ahnt bereits das Ergebnis: „Tauchen die nächsten Corona-Varianten auf, dann wird die internationale Durchmischung mit wachsendem Tempo verlaufen.“

Als sei das alles an Schreckenszenario noch nicht genug, hat sie noch eines: Das Ende des kostenlosen Bürgertestes ab kommenden Freitag. „Das Verhalten der Bevölkerung wird sich verändern. Laut Absonderungs-Verordnung des Landes folgt auf einen positiven Schnelltest der PCR-Test, es folgt Klarheit über den aktuellen Infektionsstand. Aber für die PCR-Tests, die auch in einer Reihe Testzentren durchgeführt werden, gibt es nicht genügend Kapazitäten.“ Erste Anzeichen seien schon jetzt erkennbar. „Jene Frau zum Beispiel, die im Gesundheitsamt anrief und darauf hinwies, sie würde bei ihrem Hausarzt keinen Termin für einen solchen Test erhalten. Er sei völlig überlastet. Das sind erste Alarmsignale.“

Glücklicherweise verlaufe die Erkrankung überwiegend ohne allzu große Symptome. Selbst die Patientenzahl in den Aller-Weser-Kliniken, oft mit einer Handvoll beziffert, sie deute nicht unbedingt auf schwere Verläufe hin. „Immer wieder betrifft es Menschen, die eigentlich einen ganz normalen Operations-Termin wahrnehmen. Sie werden bei der Aufnahme getestet. Kristallisiert sich der zweite Strich heraus, werden die Betreffenden nicht etwa nach Hause geschickt, sie bleiben im Krankenhaus.“

Klingt nicht sonderlich dramatisch. Deshalb so allmählich alle Schutzvorkehrungen aufgeben? Sogar das Impfen? Dreyer winkt ab. „Auf keinen Fall. Der Piks verhindert Schlimmeres.“ Allerdings ist eine gewisse Immunisierungs-Müdigkeit festzustellen. Das bestätigte gestern Ärztin Ursula Döbbeling im Verdener Impfzentrum am Nordertor. „Zurzeit sind es vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen, die sich impfen lassen, oder Menschen mit gefährdeten Kontaktpersonen. Außerdem Kinder ab zwölf Jahren.“ Dabei sei der Weg zum Schutz unkompliziert. Sogar Wartezeiten müssten Impfwillige kaum noch in Kauf nehmen.

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