Reizdarm raus aus der Tabuzone

Wollen gezielt Menschen mit RDS helfen: Jonas Kück (l.), Regionalgeschäftsführer der Barmer in Verden, und Michael Erdmann, Pressesprecher der Landesvertretung Bremen-Niedersachsen. Foto: wienken

Es trifft nicht nur ältere, sondern auch immer mehr jüngere Menschen leiden unter dem Reizdarmsyndrom (RDS). Ein Thema, das nicht in die Tabuzone gehört. „Wir wollen es da rausholen“, sagt Jonas Kück, Regionalgeschäftsführer der Barmer in Verden.

VON MARKUS WIENKEN

Verden – Viele haben es, doch niemand spricht darüber. Probleme mit der Verdauung bis hinzu zur Diagnose Reizdarm. „Wir gehen sogar soweit und sprechen von einer Volkskrankheit“, betont Jonas Kück, Regionalgeschäftsführer der Barmer in Verden, in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Für Michael Erdmann, Pressesprecher der Landesvertretung Bremen-Niedersachsen, steht zudem fest: „Wir müssen, um den Betroffenen frühzeitig und vor allem wirksam zu helfen, die Krankheit zum Thema machen.“

Einen Schritt in diese Richtung geht die Barmer mit der Auswertung von Ergebnissen, die im Arztreport 2019 aufgearbeitet wurden. Und die Daten sind durchaus alarmierend. „Danach müssen in Niedersachsen über 104 000 Menschen mit einer Reizdarmdiagnose leben“, erklärt Kück. Das wären immerhin 1,4 Prozent der bei der Barmer Versicherten. Auch Zahlen für die Region hat Kück parat. „Danach leiden laut Studie im Landkreis Verden 1250 Menschen an RDS.“ Kück weiß aber auch: „Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher. Erhebungen gehen von rund 16 Prozent der Bevölkerung aus, also mehr als 1,2 Millionen Menschen allein in Niedersachsen, die mit entsprechenden Symptomen zu kämpfen haben.“

Die Zahlen sprechen für sich und lassen nur den Rückschluss zu, das zahlreiche Betroffene aus Scham den Gang zum Arzt scheuen, teilweise sogar über einen langen Zeitraum. Dabei warnt Kück vor einem möglichen Trugschluss: „Es sind nicht ältere, sondern vielfach jüngere Menschen, die erkranken.“ So habe die Anzahl der Betroffenen im Alter von 23 bis 27 Jahren zwischen den Jahren 2005 und 2017 bundesweit um 70 Prozent zugenommen. Über alle Altersgruppen hinweg waren es hingegen mit 30 Prozent Zuwachs vergleichsweise wenig.

Neben einer Diagnose geben die Experten Tipps, wie der Betroffene reagieren sollte. „Bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms ist es besonders wichtig, den ganzheitlichen Blick auf Körper und Geist zu richten“, so Pressesprecher Erdmann. Meist sei nicht der Darm allein das Problem. „Nach unseren Erkenntnissen durchlaufen viele Betroffene eine Arzt-Odyssee, bevor sie die richtige Diagnose bekommen.“ Das sei nicht nur schlimm und belastend für den Patienten, auch würden dadurch erhebliche Kosten verursacht. Nach Schätzungen der Ärzte habe ein an RDS Erkrankter oftmals eine achtjährige Leidenszeit mit etlichen Arztbesuchen hinter sich, ehe er die tatsächliche Ursache dafür erfahre und dementsprechend behandelt werde. „Die Betroffenen erhalten bis dahin Medikamente und Therapien, die nicht helfen, aber viel Geld kosten“, betont Kück. Sein Rat: „Wenn die Diagose feststeht, ist unerlässlich, dass Hausärzte oder Internisten mit Schmerztherapeuten und Ernährungsexperten zusammenarbeiten.“ Wo notwendig, müsse ein Psychologe hinzugezogen werden, da das Syndrom auch seelische Ursachen haben könne.

Darüber, warum ein Mensch an RDS erkrankt, gibt es bislang keine zuverlässigen Studien. Offensichtlich spielen eine Vielzahl an Faktoren eine Rolle. Essverhalten, Bewegung und Entspannung sind durchaus Stellschrauben, an denen Betroffene drehen könnten. Bei einem Arztbesuch lassen sich zudem Lebensmittelunverträglichkeiten oder Allergien abklären. „Jeder muss für sich selbst herausfinden, was gut oder möglicherweise nicht vertragen wird“, so Kück. „Dabei könnte auch ein Ernährugstagebuch helfen.“ Letztendlich sei es aber wichtig, dass die Menschen mit ihrer Krankheit nicht alleine bleiben und sich Hilfe holen. „Da leisten wir gerne Unterstützung“, so Kück.

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