„Reise nach Jerusalem“ bewegt im Hof des Domherrenhauses die Zuschauer

Wenn die Vergangenheit noch nicht vergangen ist

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Die Geschwister Nico (Julia Nehus), Marianne (Birgit Scheibe) und Michael (Christoph Plünnecke) sind schockiert, als sie von der Vergangenheit ihres Vaters erfahren.

Verden - Man braucht nicht in ein großes Theater zu fahren, um ausgezeichnete Schauspielkunst in einer anspruchsvollen Inszenierung zu erleben. Es reicht zurzeit der Besuch des Freilichttheaters im Innenhof des Domherrenhauses, um bei „Eine Reise nach Jerusalem“ mit den Schauspielern Julia Nehus, Birgit Scheibe und Christopher Plünnecke ein Stück deutscher Zeitgeschichte auf hohem schauspielerischen Niveau zu erfahren.

Am Freitagabend fand die erste von sechs Aufführungen statt, die von den unterschiedlichen Schicksalen der Kriegsgeneration und vom Einfluss längst vergangener Ereignisse auf heutige Generationen erzählt. Und der Bremer Autor und Regisseur Hans König lässt seine Schauspieler wachsen, mitunter sogar über sich hinaus. Beachtenswert sind auch Technik und Lichtführung sowie das professionell gestaltete Bühnenbild, in dem die Schauspieler mit minimalem Requisiten-Einsatz spielen.

Die Handlung (es soll nicht zu viel verraten werden) ist fokussiert auf die Geschwister Nico (Julia Nehus), Marianne (Birgit Scheibe) und Michael (Christoph Plünnecke). Das Trio pflegt ein distanziertes Verhältnis und kommt anlässlich der Testamentseröffnung ihres verstorbenen Großvaters Hermann Otto in Verden zusammen. Die Enkel haben ihre Lebenswege individuell beschritten, dabei mehr oder weniger schwere Verletzungen erlitten. Manche Wunden sind nur oberflächlich verheilt und brechen durch die großväterliche Nachlassverfügung wieder auf.

Hermann hat nämlich verfügt, dass die drei ihr Erbe nur unter der Voraussetzung antreten dürfen, dass sie sein Vermächtnis erfüllen. Sie müssen in Jerusalem eine Institution aufsuchen, in seinem Namen eine große Summe übergeben und um Vergebung bitten.

Ein Koffer im Nachlass liefert Hinweise darauf, dass der Großvater einst in die Ideologie und Verbrechen der Nazis verstrickt gewesen war. Für die Protagonisten ein Schock. Ratlosigkeit und Wut brechen sich Bahn. Doch das Erbe zwingt sie in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bis hin zur Gegenwart.

Diese tief ergreifende Aufarbeitung einer Zeit, die heute oftmals mit Tabus behaftet ist und über die kaum jemand gerne spricht, ist fesselnd und geht unter die Haut. Die Widersprüchlichkeit von Gefühlen wie Ansichten – damals wie heute – sind nachvollziehbar herausgearbeitet und sicher auch für manchen im Publikum von hohem, vielleicht sogar von erschreckendem Wiedererkennungswert.

In den Einblicken in das Leben und in die Ereignisse von damals und von heute werden die gesellschaftlichen Zwänge und Erwartungen ebenso deutlich wie damals die Feigheit, das Wegschauen und Mitnicken vieler im Angesicht der eigenen Bedrohung. An kleinen Dingen ist diese Inszenierung im positiven Sinne überreich und unterstreicht die wirklich großartige Leistung von Schauspielern und Regisseur.

„Die Reise nach Jerusalem“ ist ein packendes Stück über die traumatischen Auswirkungen des Krieges nicht nur auf die betroffene, sondern auch auf die nachfolgende Generation. Ein Stück über Verdrängen, Lügen und Aufarbeiten – aber auch über das schwierige Verhältnis von Familien und Geschwistern. Für das Publikum ein faszinierender Abend, der die meisten ganz tief bewegt hat. „Alles frei erfunden!“, hatte der Hausherr, Museumsleiter Dr. Björn Emigholz, zu Beginn angekündigt. Wirklich?

Am 8., 9., 10. und 11. Juli finden jeweils um 20 Uhr weitere Aufführungen statt. Ein Erlebnis, dass man sich nicht entgehen lassen sollte. Bei schlechtem Wetter wird im Domherrenhaus gespielt, nicht wie zuvor angekündigt im Ratssaal.

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