Ausstellung im Domgymnasium

Ursula Rudnick spricht im Dom über Luther und die Juden

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Ursula Rudnick (r.) sprach im Dom über Martin Luther und die Juden. Nach dem Vortrag konnten die Zuhörer Fragen stellen.

Verden - 2017, im Jahr des 500. Reformationsjubiläums, war viel über die Verdienste Martin Luthers zu lesen. Dass der große Reformator auch Schattenseiten hatte, fand indes kaum Beachtung. So blieben seine wüsten Ausfälle gegen die Juden und das Judentum meistens unerwähnt.

Im Kunstforum des Domgymnasiums ist jetzt noch bis zum 1. Dezember die Ausstellung „Ertragen können wir sie nicht – Martin Luther und die Juden“ zu sehen. Als Einführung zu dieser Ausstellung hielt Prof. Dr. Ursula Rudnick, Beauftragte für das christlich-jüdische Gespräch der evangelischen Landeskirche Hannovers, am Dienstag im Dom einen Vortrag, über Luthers Judenfeindschaft und die Folgen.

Die Frage, ob Luther ein Judenfeind gewesen ist, beantwortete Rudnick eindeutig mit „Ja“. Als Beispiel führte sie das Relief der sogenannten „Judensau“ an. Das Motiv entstand im Hochmittelalter, eine solche Darstellung befindet sich auch an der Außenwand der Stadtkirche in Wittenberg. In seiner Schrift „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“, aus dem Jahr 1543, beschreibt Luther in derben Worten und ohne Distanz dieses Relief. „Er unterstellt, dass seine rabbinischen Kollegen im Anus des Schweins den Namen Gottes suchen, ja, ihr Gottesverständnis und ihre Lehre dort gefunden hätten“, berichtete die Referentin.

Für Luther sei die jüdische Lehre und Wahrnehmung Gottes „Kot“ und „Dreck“. Rudnick erläuterte, dass es Luther in seiner Schrift nicht um eine theologische Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Judentum geht. So formuliert er als Ziel:„..unsere Christen vor ihnen, als vor den Teufeln selbst, zu warnen, unseren Glauben zu stärken und zu ehren, nicht die Juden zu bekehren, welches ebenso möglich ist, wie den Teufel zu bekehren.“ 

„Zur Stärkung und Verteidigung der eigenen Position werden Juden und Judentum dämonisiert, nicht allein im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn. Luther setzt Juden und ihre Lehre mit dem Teufel gleich. Er unterstellt, sie wollten Gott in den Teufel verwandeln, also Gotteslästerung“, so Rudnick.

Luthers Probleme mit dem Judentum

Für Luther sei es unerträglich gewesen, dass Juden die Schrift anders auslegen und verstehen. Die Beschimpfungen, Verunglimpfungen und Dämonisierung ziehen sich wie ein roter Faden durch viele Schriften Luthers. Das Anliegen des Reformators war, die eigene evangelische Theologie als wahr zu beweisen.

In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543 entwickelt Martin Luther sogar ein politisches Programm, in dem er Landesherren Ratschläge gibt wie mit den Juden zu verfahren sei. Die Häuser anzünden, den Juden ihr Vermögen nehmen und den Rabbinern das Lehren verbieten, sind nur einige Beispiele.

Nach dem Vortrag konnten die Zuhörer Fragen stellen.

In ihrem Vortrag ging die Referentin auch auf die Wirkungsgeschichte Luthers Schriften ein. So orientierten sich lutherische Theologen des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts an Luthers judenfeindlichen Schriften. „Auch Vertreibungen lassen sich auf seine Schriften zurückführen, so 1543 aus Sachsen und 1546 aus Braunschweig, wo der Rat der Stadt mit Luthers Schrift argumentierte“, berichtete Rudnick.

Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein habe Luthers Judenfeindschaft keine große Rolle gespielt. Gegen Ende des Jahrhunderts trug jedoch der „Judensonntag“ der protestantischen Kirchen zur Entstehung und Durchsetzung des Antisemitismus in Deutschland bei. So betrieb Pastor Ludwig Münchmeyer (1885-1947) auf Borkum in Wort und Tat antisemitische Propaganda und bezieht sich dabei auf Luthers Schriften. Die Hannoversche Landeskirche schwieg dazu.

Luther muss ganzheitlich betrachtet werden

„Im Nationalsozialismus nahm die Zahl derer, die christlichen und politischen Antisemitismus miteinander verbanden, beträchtlich zu. Ausfälle, wie die von Münchmeyer blieben nicht auf Einzelne beschränkt, sondern Männer der Kirchenleitung predigten es“, weiß Rudnick. Abschließend betonte sie, dass aus der Perspektive der Gegenwart ein grundlegender theologischer Widerspruch zu Luthers besonderer Wahrnehmung des Judentums erfolgen müsse. So stehe es auch in einer Synode der EKD von 2015 geschrieben.

Bei der anschließenden Diskussion gab es geteilte Meinungen, ob Luther aufgrund seiner Haltung zum Judentum weiter als Vorbild betrachtet werden kann. „Für seinen Hass gibt es keinen Grund“, betonte Rudnick. Man müsse Luther jedoch als ganzheitlichen Menschen sehen. Unbestritten sei, dass er auch ein bedeutender Vordenker war.

ahk

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