Kirchenkreisempfang im Dom

„Die Reformation prägt das Gesicht unseres Landes“

Superintendentin Elke Schölper (r.) und Kirchenkreistagsvorsitzende Sonja Bohl-Dencker mit Gastredner Dr. Friedrich Hauschildt.
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Superintendentin Elke Schölper (r.) und Kirchenkreistagsvorsitzende Sonja Bohl-Dencker mit Gastredner Dr. Friedrich Hauschildt.

Verden - Immer am Donnerstag nach dem ersten Advent lädt der Kirchenkreis Verden zum Beginn des neuen Kirchenjahres zum Empfang in den Dom ein. Viele Gäste aus Verwaltung, Politik, Verbänden, Institutionen, Wirtschaft und dem Kirchenkreis waren gekommen. Als Gastredner begrüßten Superintendentin Elke Schölper und die neu gewählte Vorsitzende des Kirchenkreistags, Sonja Bohl-Dencker, Dr. Friedrich Hauschildt aus Celle, Präsident i.R. des lutherischen Kirchenamtes.

Mit seinem Vortrag „Reformation 1517 – 2017 gedenken – bedenken – weiterdenken“, möchte er zum Beginn des Jubiläumsjahres zur Reformation neue Impulse für die Glaubens- und Lebensgestaltung geben.

„Wenn wir an die Reformation denken, ist das lange her, jedoch in erstaunlicher Weise präsent“, so Hauschildt. Die Reformation habe die Tür zu Neuem aufgestoßen. „Die Reformation prägt teils offen, teils untergründig das Gesicht unseres Landes.“ Die Erinnerungen, „die wir haben“, seien dabei immer durch die „Brille“ der jeweiligen Zeit geprägt. So sei das Jahr 1617, in dem zum ersten Mal das Reformationsjubiläum gefeiert wurde, geprägt von dem scharfen Gegensatz zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche. 1917, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, sei Luther als Nationalheld gefeiert worden.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel es vielen Menschen schwer, sich einzugestehen, dass ihre Sicht falsch war, die Erinnerungen wurden verdrängt“, sagte der Theologe. Allerdings gehöre das Erinnern zur seelischen und geistigen Hygiene. „Eine Gesellschaft, die sich nicht erinnert, ist infektionsanfällig. „Die Kirche und der christliche Glaube ermöglichen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus der Sicht des Evangelisten zu sehen.“ Dieses ermögliche eine Distanz zur eigenen Perspektive. Hauschildt betonte, dass nicht das Verklären, sondern erst das kritische Gedenken es ermögliche, tiefer in die Sache einzudringen.

Die Ereignisse der Reformation hatten so eine enorme Wirkung, da alte Autoritätsstrukturen aufgebrochen wurden. „Luther stand mit einem Bein im Mittelalter und mit dem anderen in der Neuzeit“, so Hauschildt. Größe und Begrenztheit lägen bei ihm dicht beieinander.

Die Bedeutung der Reformation und die Luthers könne unter dem Begriff „Freiheit“ zusammengefasst werden, sagte der Redner. Luther habe Tiefgreifendes angestoßen. Sein Mut, sich über das von Autoritäten geprägte Leben hinwegzusetzen, sei „atemberaubend“, seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, sei ein Fanal. „Luther war ein leidenschaftlicher und origineller Denker, mutig und nachdenklich“, beschrieb Hauschildt. 

Nach dem Vortrag gab es Gelegenheit zur Begegnung bei Wasser, Wein und Brot im Dom.

Freiheit sei für Luther jedoch nichts, was der Mensch einfach hat, sondern gebunden an die Kriterien Güte, Gerechtigkeit und Gewissen. „Luther verstand Freiheit als ein wertvolles Geschenk, als gehaltene, gebundene Freiheit. Freiheit hat immer auch etwas mit Verantwortung zu tun“, erklärte der Theologe. Freiheit könne in Tyrannei umschlagen, wenn sie nicht gehalten wird. Deshalb sei Luther mit der Freiheit auch behutsam umgegangen.

Im Spätmittelalter hätten bei Luther düstere Töne vorgeherrscht, Buße und Ablass versagten für ihn, Luther sah dadurch den Zugang zur Liebe Gottes versperrt. Erst nach langem Ringen erkannte er, dass die Liebe Gottes nicht erarbeitet, sondern nur empfangen werden kann. „Die Vergebung Gottes als unverdiente Gnade ist der Kern- und Angelpunkt zum Verständnis Luthers“, so Hauschildt. Daraus ergäben sich auch alle gesellschaftlichen und politischen Folgen. Zwar habe Luther das Priestertum für Frauen nicht verwirklichen können, aber die evangelische Kirche habe es getan. Auch habe die Reformation nicht direkt zur Demokratie geführt, gehöre aber zur Vorgeschichte der demokratischen Länder.

Eine tiefgreifende Veränderung müsse man sich eingestehen, dass heute der Glaube an Gott nicht mehr so selbstverständlich ist wie 1517. „So stellt uns das Reformationsjubiläum auch vor die Gretchenfrage“, machte der Theologe deutlich. „Luther dient als Brücke, öffnet die Türen zur Moderne und steht für Kontinuität und neue Denkanstöße.“ Freiheit bedeute immer auch Selbstbegrenzung. Hauschildt betonte, dass man unser Verständnis von Freiheit anderen Kulturen nicht einfach überstülpen könne. „Freiheit ist nur Freiheit, wenn sie die Freiheit des anderen bejaht.“

ahk

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