Raus mit dem Staub 

Neuer Besitzer will das alte Café Erasmie wiederbeleben

Es gibt Fans, die möchten Turgay Ünlü zur Erinnerung an das alte Café Erasmie nur einen Stuhl abkaufen. Fotos: wennhold
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Es gibt Fans, die möchten Turgay Ünlü zur Erinnerung an das alte Café Erasmie nur einen Stuhl abkaufen.

Verden - Von Erika Wennhold. „Können wir hineingehen?“ „Natürlich, ich habe ja den Schlüssel.“ Die Glasabtrennung ist verschwunden, der Tresen auch, Tische und Stühle stehen vereinzelt noch herum, Staub liegt in der Luft. Das alte Café Erasmie gibt es nicht mehr, aber die Chance, hinter die Kulissen zu schauen und mit dem neuen Besitzer des ehemaligen Traditionscafés, Turgay Ünlü, über die Zukunft einer Immobilie in Verdener 1A-Lage zu sprechen.

„Aber schauen wir uns doch erst einmal um“, schlägt der neue Besitzer vor. Der lang gestreckte Grundriss ist ohne Mobiliar deutlicher als vorher. Es ist düster, erst im hinteren Teil wird es heller, dort wo große Glasscheiben den Blick über die Untere Straße auf die Dächer der Verdener Altstadt freigeben. 380 Quadratmeter Fläche hatte das Café, später hatte Konditormeisterin Sibylle Jackl hier eine Art Showroom eingerichtet. Gäste konnten ihr zuschauen, wenn sie Pralinen und andere süße Verführungen herstellte.

Es war ein Versuch, das Café attraktiver zu gestalten, hatte aber auch mit der Begrenzung der Sitzplätze zu tun, denn an manchen Tagen in der Woche kamen einfach zu wenig Gäste. Im Zuge eines Insolvenzverfahrens zog die Inhaberin schließlich die Konsequenzen, kündigte den Pachtvertrag und zog um. Ein paar Häuser weiter eröffnete sie vor knapp zwei Jahren ein neues Café Erasmie und stellt heute ihre patentierte Seiferthsche Spezialtorte in Völkersen her.

Dieses Haus hat Geschichte geschrieben, denn hier wurde die legendäre Seiferthsche Spezialtorte zubereitet. Die Café-Gäste sind zusammen mit Sibylle Jackl ein paar Meter Richtung Dom umgezogen. Doch jetzt soll hier mit einem neuen Besitzer wieder Leben einkehren.

Wo Torten, Kuchen und Gebäck in der von Hermann Seiferth 1905 gegründeten Konditorei zuletzt gebacken wurden, steht so gut wie nichts mehr, außer die fest eingebauten Backöfen. Hier einmal hineingehen zu dürfen, ist ein erhebendes Gefühl. Über eine Treppe nach unten gelangen wir in den Lagerraum, der von der Unteren Straße aus über den Parkplatz ebenerdig zu erreichen ist. Wie viele Säcke Mehl hier über die Jahre wohl hinaufgetragen wurden, frage ich mich und folge dem neuen Besitzer durch eine Tür, um plötzlich im Vorraum zu den Toiletten zu stehen. Hing hier nicht mal ein Fernsprecher, wie man einst ein Telefon nannte? Turgay Ünlü weiß es nicht. Als er in Verden zur Schule ging, war es nicht mehr üblich, sich am Sonnabendmorgen bei einer kleinen Flasche Coca Cola stundenlang im hinteren Raum des Cafés mit der Clique aufzuhalten.

Über die Treppe nach oben gelangen wir wieder im ersten Raum mit den bleiverglasten Fenstern. Auf den Fensterbänken stehen noch Reste einer einst liebevoll arrangierten Dekoration. Es ist düster und beim Blick auf die grünen Lampenschirme aus Porzellan, an denen sich Cafébesucher auch schon mal den Kopf gestoßen haben, bin ich irritiert über das aus der Zeit gefallene und an mancher Stelle zusammengewürfelte Mobiliar. Alles ist noch komplett eingerichtet. Aber mit Leben gefüllt machte es damals einen ganz anderen Eindruck.

Anfang des Jahres hat Turgay Ünlü, Unternehmer einer Immobilien- und Dienstleistungsfirma, das Haus von den Erben gekauft. Er ist in Verden geboren und in Eitze aufgewachsen, betreibt die Feinkostabteilung im Rewe-Markt in Borstel und hat in Hannover Rechtswissenschaften studiert.

„Ich will selber nicht noch einen Gastrobetrieb haben“, sagt Ünlü nach der Besichtigungstour. Inzwischen haben wir uns ein paar übrig gebliebene Stühle an einen verwaisten Tisch gezogen und ich möchte wissen, was er dann mit dem Gebäude vorhat. „Ich suche einen Mieter, und zwar einen, der hier hereinpasst. Es gibt Anfragen, aber wegen der Coronakrise liegt alles auf Eis.“

Dennoch ist der neue Besitzer nicht untätig, eher vorbereitet. Drei mögliche Nutzungen in verschiedenen Größenordnungen hat er von einem Verdener Architekten ausarbeiten lassen. Vermietet werden könnte ein Ladengeschäft mit einer Größe von 200 Quadratmetern. Dann würde Ünlü den hinteren Bereich zu Wohnungen umbauen. Variante zwei wäre die Vermietung des gesamten Erdgeschosses in einer Größenordnung von 380 Quadratmetern. Variante drei sieht die komplette Vermietung des Ober- und Untergeschosses mit 610 Quadratmetern vor.

„Es ist eine Perle mitten in der Stadt. Deshalb ist es mir wichtig, einen passenden Mieter zu finden.“ Bis dahin bietet der Verdener Geschäftsmann das übrig gebliebene Erasmie-Mobiliar zum Verkauf im Internet an. „Ich habe schon rührende Anfragen bekommen. Da möchte jemand nur einen Stuhl kaufen – zur Erinnerung an das Café.

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