Gegen das Vergessen

„Rassismus in Verden noch sehr groß“

Vier ältere Frauen der Initiative Omas gegen Rechts an einem Infostand. Die Frau rechts hält ein Transparent hoch. „Omas gegen Rechts“ und „Luftbrücke Kabul, afghanische Frauen und Kinder aufnehmen! Sofort“ ist darauf zu lesen.
+
„Wer afrikanisch oder südländisch aussieht oder ein Kopftuch trägt, wird oft abgelehnt. Immer mit der Begründung, es störe die Nachbarn“, meint Birgit Behrmann (re.), hier mit Mitstreiterinnen von Omas gegen Rechts.

„Die tödliche Dimension von Rechtsterrorismus, Antisemitismus, Rassismus und rechter Gewalt wird noch immer unterschätzt”, schreibt Robert Kusche, Vorstandsmitglied vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, in einer Pressemitteilung. Über die Situation im Landkreis Verden und Umgebung haben Mitglieder dreier Gruppen aus dem Netzwerk Unantastbar gesprochen.

Verden - Birgit Behrmann von der Initiative Omas gegen Rechts berichtet: „Jede Oma hat eigene Erfahrungen mit Antisemitismus und Rassismus gemacht.” Sie selbst begleitete Wohnungsbesichtigungen in Verden im Rahmen ihrer Arbeit für die Flüchtlingshilfe. „Der Rassismus ist hier noch sehr, sehr groß.” Wer afrikanisch oder südländisch aussieht oder ein Kopftuch trägt, werde oft abgelehnt. Immer mit der Begründung, es störe die Nachbarn. „Wir haben mal einen Test gemacht. Bei einer Wohnungsbewerbung von einem ausländischen Bewerber hieß es, sie sei schon vergeben. Obwohl sie dann doch frei war”, so Birgit Behrmann.

Auch die Querdenker-Bewegung macht den Omas gegen Rechts Sorgen, denn: „Sie bedient sich uralter antisemitischer Mythen.” Als Beispiel nennt sie die „Freiheitsboten”-Bewegung aus Rotenburg, zu der auch Corona-Leugner und Reichsbürger gehören sollen.

Dass Verschwörung Rassismus und Antisemitismus Aufwind gibt, bestätigt auch Rudi Klemm von der Koordinierungsstelle des Weser-Aller-Bündnisses: Engagiert für Demokratie und Zivilcourage (Wabe) in Verden. Unter den Verschwörungsgläubigen habe es auch politisch rechts eingestellte Lehrkräfte im Landkreis Verden gegeben, berichtet er. Die Pandemie machte die Situation nicht einfacher. „Manche protestieren mit Davidssternen, auf denen ,Ungeimpft’ steht, und verharmlosen damit den Nationalsozialismus”, so Rudi Klemm.

Der Glaube selbst an widersprüchliche Aussagen

Wer an die eine Verschwörung glaubt, neige auch dazu, eine andere zu glauben. Selbst dann, wenn sie widersprüchlich sind. „Ein Beispiel ist der Glaube an einen ausgedachten und gleichzeitig menschengemachten Coronavirus.” Laut Robert Kusche haben Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungsnarrative im vergangenen Jahr „zu einer für viele Menschen extrem bedrohlichen Zunahme von politisch rechts motivierten Gewalttaten geführt”.

Dass es einfach ist, sich einen Sündenbock auszusuchen, findet auch Uschi von den Omas gegen Rechts. Aus Angst vor Anfeindungen möchte die 84-Jährige ihren vollen Namen nicht nennen. „Als ich ein Kind war, wurden Juden auf offener Straße, mit Beschimpfungen, abtransportiert”, berichtet sie. Ihren jüdischen Hausarzt hat die Familie danach nie wieder gesehen.

„Erinnerungskultur ist sehr wichtig im Kampf gegen Antisemitismus. Es kann immer wieder passieren und wir müssen wachsam sein”, so die 84-jährige Uschi. Aus diesem Grund müssen laut den Omas gegen Rechts auch junge Menschen für Antisemitismus- und Rassismusbekämpfung sensibilisiert werden. Birgit Behrmann befürwortet einen offenen Austausch zwischen Generationen. Beide Seiten sollten hierbei ihre Interessen vertreten und versuchen, einander zu verstehen.

„Unter den Verschwörungsgläubigen hat es auch politisch rechts eingestellte Lehrkräfte im Kreis Verden gegeben“, Rudi Klemm, Wabe.

Auch Wabe hat es sich zur Aufgabe gemacht, demokratische Werte an junge Menschen weiterzugeben, und organisiert Workshops an Schulen. Laut Rudi Klemm werden hierbei verschiedene Themen behandelt, darunter auch Rassismus und Antisemitismus. „Einmal wollten Schülerinnen aus dem Landkreis Verden das ,Schule ohne Rassismus – Schule ohne Courage’-Schild entfernt haben”, berichtet Klemm. Der Grund war, dass die Schule den Titel nicht verdiene, aufgrund rassistischer und sexistischer Beleidigungen auf dem Schulhof. Gemeinsam mit der Schulleitung und Sozialarbeitern versuchte Wabe, eine Lösung zu finden, denn: „Die Lehrkräfte haben weggeschaut. Damit unterstützen sie es passiv.”

Wertschätzung wichtig, um Demokratie zu lernen

Die Demokratie, so Klemm, müsse im Unterricht „gelehrt und gelebt werden”. Dafür brauche es weniger Frontalunterricht, damit Schüler besser teilnehmen und mitbestimmen können, sowie mehr Lehrkräfte pro Schüler und mehr Diversität im Kollegium. „Unsere Erfahrung zeigt: Wenn Schüler diese Wertschätzung bekommen, funktioniert es auch besser, Demokratie zu lehren”, erläutert Rudi Klemm.

Auch Kathrein Goldbach vom Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert (Doz 20) äußerte sich zum Thema Antisemitismus und Rassismus. Sie bemerkt eine „deutliche Zunahme rechter Gesinnung” in Verden.

„Ob Antisemitismus oder Rassismus – wir verzeichnen eine deutliche Zunahme rechter Gesinnung in Verden“, Kathrein Goldbach, Doz 20.

Das Doz 20 ist ein Verein mit dem Ziel, aus der Geschichte zu lernen. „Durch das Thematisieren historischer Vorgänge im 20. Jahrhundert, insbesondere der NS-Zeit, tragen wir zur Erinnerungskultur bei und verhindern das Vergessen.” Junge Menschen sollten „offen sein, einen wachen Blick für Entwicklungen auch im eigenen Umfeld haben und sich engagieren”. Positivbeispiele seien die Fridays-for-Future-Bewegung sowie Lerngruppen in Schulen.

Aufgabe: eine lebenswerte Welt hinterlassen

Das bestätigt auch Anja Thiele, Autorin der Schriftenreihe „Wissen schafft Demokratie”. Sie forscht unter anderem zu den Themen Erinnerungskultur, Geschichtspolitik und Antisemitismus und schreibt: „Aufklärung und Bildung sind ein Schlüssel zum Verständnis und zur Bekämpfung von Antisemitismus.”

Rassismus ist eine Herausforderung für eine demokratische Gesellschaft, findet Rudi Klemm. Auch Antisemitismus wird befeuert, durch Schuldzuweisungen von Verschwörungsgläubigen in der Pandemie. Wabe, das Doz 20 und die Omas gegen Rechts sind sich einig, dass auch junge Menschen vor Ort etwas bewegen können. Birgit Behrmann von den Omas gegen Rechts fasst es so zusammen: „Wir wollen aufrütteln. Unser Ziel ist es, unseren Nachkommen eine freie, demokratische und humane Gesellschaft in einer lebenswerten Welt zu hinterlassen.”

Von Friederike Müller

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Meistgelesene Artikel

Marco Behrmann hat eine Corona-Infektion überstanden – aber nur knapp

Marco Behrmann hat eine Corona-Infektion überstanden – aber nur knapp

Marco Behrmann hat eine Corona-Infektion überstanden – aber nur knapp
Gefahrgut-Unfall auf der A1 bei Oyten: Strecke wieder freigegeben

Gefahrgut-Unfall auf der A1 bei Oyten: Strecke wieder freigegeben

Gefahrgut-Unfall auf der A1 bei Oyten: Strecke wieder freigegeben
Schluss mit „durchknallenden Radfahrern“

Schluss mit „durchknallenden Radfahrern“

Schluss mit „durchknallenden Radfahrern“
Weinfest in Thedinghausen zwei Mal im September

Weinfest in Thedinghausen zwei Mal im September

Weinfest in Thedinghausen zwei Mal im September

Kommentare