Prozess um verhungerte Frau:

Zeugen beschreiben Familie als zerrüttet

Verden - Verwahrloste Wohnung, Gewalt und Alkoholsucht - dem qualvollen Tod einer 49-Jährigen gehen jahrelange Probleme in der Familie voraus. Dennoch meint die Verteidigung: Der Mann und die Tochter haben sich nicht des Mordes schuldig gemacht.

Im Prozess um den Hungertod einer 49-Jährigen in ihrem Wohnzimmer haben Zeugen die Verhältnisse in der Familie als zerrüttet beschrieben. Die Tochter habe Angst gehabt, nach Hause zu kommen, sagte eine Sozialpädagogin am Dienstag vor dem Landgericht Verden. Es habe Konflikte mit den Eltern gegeben, der Vater sei der Tochter zufolge auch handgreiflich geworden. Eine Polizistin bezeichnete die Wohnung als verwahrlost. „Jeder Raum war vermüllt und verdreckt.“ Der 50 Jahre alte Ehemann und seine 18-jährige Tochter müssen sich seit Mitte September wegen Mordes durch Unterlassen vor Gericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, sich nicht um die alkoholkranke Frau gekümmert zu haben, als diese nach einem Sturz mit gebrochener Hüfte hilflos auf dem Sofa lag. Sie soll vor den Augen der beiden langsam verhungert und verdurstet sein. Die Verteidigung wies die Vorwürfe am zweiten Prozesstag erneut zurück und beantragte, die Haftbefehle aufzuheben. Ein Tötungsvorsatz sei den Angeklagten nicht nachzuweisen, sagte Rechtsanwalt Michael Brennecke. Sein Mandant habe den Tod seiner Frau nicht gewollt. An einem der nächsten Verhandlungstage werde der 50-Jährige vor Gericht aussagen. Die Staatsanwaltschaft will sich am Donnerstag zu dem Antrag äußern.

Den Polizisten, die am 19. März nach dem Notruf in die Wohnung der Familie in Thedinghausen kamen, zeigte sich ein erschreckendes Bild: Die Tote auf dem Sofa sei völlig abgemagert gewesen, sagte eine Polizistin vor Gericht aus. „Es waren nur noch Haut und Knochen vorhanden. Sowas hatten wir alle noch nicht gesehen.“ Trotz geöffneter Fenster habe es in der Wohnung extrem gestunken. Der Zustand der Leiche sei schockierend gewesen. „Wir mussten das Wohnzimmer erstmal verlassen, weil uns übel wurde.“

Bei einer ersten Befragung habe der Mann geweint, sagte die Polizistin. Seiner Aussage nach soll seine Frau in den letzten Wochen stark abgebaut und teilweise nur noch auf dem Sofa gelegen haben. Als er ihr an dem Abend etwas zu trinken geben wollte, habe er ihren Tod bemerkt. Die Tochter sagte ebenfalls aus, dass die Mutter immer weniger getrunken und gegessen habe. Sie habe sie zum Arzt schicken wollen - das dann aber nicht getan, weil sie wusste, dass sich die Mutter geweigert hätte.

Seit etwa zehn Jahren war die Frau nach Aussage des Hausarztes der Familie alkoholkrank. „Körperlich hat sie mit der Zeit abgebaut“, sagte der 60-Jährige. „Sie war sehr dünn.“ Mehrmals war die Frau im Krankenhaus, unter anderem weil sie sich Brüche und Prellungen bei Stürzen zugezogen hatte. Ihre Sucht habe sie jedoch immer abgestritten, eine Therapie abgelehnt, sagte der Arzt.

Eine Zeit lang betreute eine Sozialpädagogin im Auftrag des Jugendamts die Tochter wegen der Konflikte in der Familie. Die Wohnung habe sie nicht betreten dürfen, sagte die 34-Jährige. Stattdessen habe sie sich mit der Tochter in der Wohnung der Großmutter getroffen, die in der Etage darunter wohnte. Die Tochter habe Angst vor dem dominanten Vater gehabt, die Mutter sei ihr peinlich gewesen. Die Sozialpädagogin beschrieb die Frau als sehr dünn und zerbrechlich. „Sie sah schon krank aus.“ Die Familie brach die Betreuung allerdings nach vier Monaten ab.

dpa

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