Plünderung und Tumulte am 8. April 1945 / 4. Teil der Serie zum Kriegsende vor 70 Jahren

Verdener stürmen das Proviantamt

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Der Aushang des Stadtkommandanten hatte einen ganz aktuellen Hintergrund.

Verden - „Die Täter bei der erfolgten Plünderung des Verpflegungsamtes usw. werden vom Standgericht abgeurteilt“Diese bedrohliche Bekanntmachung veröffentlichte Kampfkommandant Kapitän Neitzel am 9. April 1945 im Verdener Anzeigenblatt und auf Aushängen in der Stadt. Die Versorgung war schon seit langer Zeit auf Bezugsscheine umgestellt, und während die alliierten Truppen auf das Ende des Krieges zumarschierten bliebt nur noch der Mangel zu verwalten.

In dem immer weiter um sich greifenden Chaos ist es dann auch in Verden zu Plünderungen gekommen. Die Erwähnung in der Bekanntgabe des Stadtkommandanten Neitzel kommt nicht von ungefähr. Am Sonntag, 8. April, nehmen Soldaten und Bürger die Dinge unter tumultartigen Umständen in die Hand. Der von der nationalsozialistischen Führung eingesetzte Quasi-Bürgermeister, Landgerichtspräsident Hermann Lindemann, notiert das Ereignis anschaulich in seinem Tagebuch aus diesen letzten Tagen des zweiten Weltkriegs.

„Hoya ist genommen“, schreibt Jurist Lindemann. „Das Telefon bei mir läutet Tag und Nacht. Der Ernährungsstelle gelingt es, Sonderzuteilungen von Erbsen, Fett, Nährmitteln und Schnaps zu erreichen. Als Bitter und ich beim Gang durch die Stadt an die Nagelschmiedestraße kommen, setzt Artilleriebeschuss ein, eine Granate schlägt in Bitters Haus. Große Flucht und Enttäuschung der Kauflustigen.

Am Sonntag, 8. April, sind die Läden geöffnet: „Dank der Opferwilligkeit der Lebensmittelhändler kann die Bevölkerung mit der normalen Ration und besonderen Zuteilungen für einige Zeit einigermaßen gleichmäßig versorgt werden.

Ein Kapitel für sich ist das Verpflegungsmagazin. Der Intendant hatte dem Leiter der Wirtschaftsstelle ausdrücklich erklärt, er habe keine hochwertigen Lebens-mittel in den Speichern. Fünf Soldaten drohen ihm mit Handgranaten und ver-sorgen sich.

Auf dem Wege zur Stadt streuen sie das Gerücht aus, das Proviantamt gebe Lebensmittel aus. Die Bevölkerung zieht dahin. Soldaten verteilen dort Schokolade, Kaffeepresslinge, Hartspiritus, Butter, Nährmittel usw. Anfangs hatte man sich mit Haushaltsausweisen versorgt und blieb mäßig, dann kam der Appetit beim Essen, man brachte Handwagen mit (Dr. Heinrichs soll sogar im Auto gekommen sein).

Säcke wurden zerrissen, Kisten zerbrochen. Bald wurden die Kisten und Säcke von oben nach unten geworfen, man stahl sich gegenseitig das Erbeutete und die Fahrräder.

Der Plünderung machte endlich Polizei und VSt (Volkssturm) ein Ende. Der Kampfkommandant drohte schreckliche Strafen für die Plünderer an (siehe das Bild links). Ihm war aber nicht vorgetragen worden, dass in unruhigen Zeiten ein Intendant und fünf Mann nicht genügen, ein so wertvolles Objekt wie das Verpflegungsamt zu sichern. Einige Tage war es um das Amt ruhig, in der Bullenhalle wurden daher am 11. 4. Roggen sackweise auf Haushaltskarte ausgegeben.“

Am 9. April sei das Proviantamt dann endgültig freigegeben worden, meldet Lindemann. „Die Bevölkerung wird aber durch Flieger eingeschüchtert, ein Sturm auf die nur noch geringen Vorräte bleibt aus.“

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