"Es geht nicht auf Distanz" 

Pflege zu Corona-Zeiten: „Awo ambulant“ sucht händeringend nach Schutzmaterial

Häusliche Pflege ist mit engen Kontakten verbunden. Gesichtsmasken und Handschuhe sind Pflicht, aber schlecht zu bekommen. Foto: Christian Charisius / dpa
+
Häusliche Pflege ist mit engen Kontakten verbunden. Gesichtsmasken und Handschuhe sind Pflicht, aber schlecht zu bekommen. 

Vom Homeoffice aus ist Pflege nicht möglich, auch in Zeiten der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus. Ohne Kontakt zu den Klienten kommen die Mitarbeiter der Pflegedienste nicht aus. Deshalb müssen sie wie die Kollegen in den Krankenhäusern auch in den Haushalten der Pflegebedürftigen besondere Vorsicht walten lassen.

Verden – Desinfektionsmittel, Mundschutz und Einweghandschuhe, so sieht Pflege in der Covid-19-Krise aus. Dieses Bild aufrecht zu erhalten wird aber immer schwieriger. Auch die Pflegedienste suchen händeringend nach den Materialien, und Glücksritter bieten sie zu Wucherpreisen an.

„Wir müssen unsere Klienten und unsere Mitarbeiter schützen“, sagt Lars Kieseler. Der Pflegedienstleiter von „Awo ambulant“ in Verden ist froh, dass in seinem Haus noch genug Masken, Handschuhe und Desinfizierflüssigkeit zur Verfügung stehen. Acht Mitarbeiterinnen kommen ganz gut herum, wenn sie die 120 Patienten betreuen. Das seien die, die auf die Pflegeleistungen angewiesen sind. Auf andere Dienstleistungen werde da schon eher verzichtet. „Die hauswirtschaftlichen Hilfen“, nennt Kieseler ein Beispiel.

Unseriöse Quellen verlangen Wucherpreise für Gesichtsmasken

Das fehlende Schutzmaterial stellt den Pflegedienst von Dagmar, Michael und Hannah Jänisch schon vor ganz andere Herausforderungen. „Vormittage lang hänge ich am Telefon auf der Suche nach Masken“, berichtet Dagmar Jänisch. Ohnehin sei ihr Betrieb in ständigem Kontakt mit dem Gesundheitsamt, aber da könnte die Behörde des Landkreises auch nicht mehr helfen. Andere Quellen seien schwer zu finden und manche seien schlicht unseriös. Da werde versucht, die Notlage in der Pflege auszunutzen. Die Gesichtsmasken, die sie sonst für 19 Cent das Stück einkauft, würden schon mal für sechs Euro angeboten. Sie ist deshalb froh über eine unerwartete Hilfe von der Firma Focke. Ihre Firma und die anderen Pflegedienste würden sich über weitere Unterstützung dieser Art freuen, betont sie.

Mitarbeiter sollen bedacht handeln und wenn möglich Abstand halten

Ohne die Materialien gehe aber derzeit nichts, wenn die 20 Mitarbeiter des Pflegeteams die 160 Patienten betreuen. Darüber hinaus seien alle angewiesen, beim Besuch der Patienten bedacht zu handeln. Gespräche müssten, wo es geht, auf Abstand geführt oder auf das Nötigste beschränkt werden. „Und wenn mal ein Patient abgeduscht werden muss, sollen sie sich möglichst abwenden“, berichtet Jänisch.

Das produziert auch Ängste und wird als zusätzlicher Stress wahrgenommen. Mit den Tipps zum Verhalten, aber auch anderen Aspekten der Pandemie für die Pflege habe der Deutsche Berufsverband für Krankenpflege weitergeholfen. Dagmar Jänisch ist jetzt froh, dass sie sich im Bundesverband und ihre Tochter Hanna im Landverband so aktiv sind. Sie fühlt sich gut informiert, auch über den eigenen Betrieb hinaus. 74 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden demnach zu Hause gepflegt – das seien über 2,3 Millionen Menschen in der Republik.

„Awo ambulant“-Team kommt nicht mit bestätigten Corona-Patienten in Kontakt

Mit Covid-19-Patienten kommen Jänisch und ihr Team eigentlich nicht in Berührung, zumindest wenn die Erkrankung bestätigt ist. Aber gerade jetzt klingelt das Telefon des Pflegedienstes häufiger als sonst. „Viele Patienten benötigen weitere Pflege nach einem Krankenhausaufenthalt“, erklärt sie. Das seien nicht Corona-Patienten, die nicht ansteckend entlassen würden. Andere aber, die wegen anderer Leiden in Krankenhäusern auch außerhalb von Verden behandelt wurden, suchen jetzt vermehrt die Hilfe des Teams. Dabei ist ihr Unternehmen derzeit selbst nicht gut besetzt. „Es ist die übliche Zeit für Erkältungen“, erklärt sie. Da sei nicht mal die Pandemie nötig, dass sie auf sechs ihrer Kräfte verzichten muss.

Seit gestern dürfen die Kollegen in den stationären Pflegeheimen keine neuen Bewohner aufnehmen. Damit sollen die bereits dort untergebrachten Menschen und die Mitarbeiter geschützt werden. Umso häufiger wird das Telefon jetzt bei Dagmar Jänisch klingeln. Auch auch ihr Pflegedienst kann die Pflege neuer Patienten nicht so ohne Weiteres mehr übernehmen. „Wir wissen ja nicht, welche Kontakte die Leute vorher hatten“, erklärt sie. Deshalb arbeitet auch sie mit den Betroffenen erst einmal einen Fragebogen ab, in dem sich die Gefahr einer Ansteckung eingrenzen lässt. Umsicht sei jetzt eben wichtig: „Das hat nichts mit Panik zu tun.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bootsurlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte

Bootsurlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte

Fotostrecke: Werder gegen Gladbach ohne Tore, aber mit Leidenschaft

Fotostrecke: Werder gegen Gladbach ohne Tore, aber mit Leidenschaft

So fährt sich der echte VW Bulli als Stromer

So fährt sich der echte VW Bulli als Stromer

Österreichs ursprüngliche Alpentäler

Österreichs ursprüngliche Alpentäler

Meistgelesene Artikel

Abgespeckter Vatertag

Abgespeckter Vatertag

Drei Flussarme in Hiddestorf

Drei Flussarme in Hiddestorf

Fernab vom Trubel der Volksfeste

Fernab vom Trubel der Volksfeste

VW-Dieselgate: Verdener Anwalt führt Musterprozess mit 21.000 Klägern

VW-Dieselgate: Verdener Anwalt führt Musterprozess mit 21.000 Klägern

Kommentare