Zahl der Wohnungslosen steigt 

Pech im Glück: Anerkannte Flüchtlinge bald obdachlos? 

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Die Zahl der Obdachlosen in Verden steigt.

Verden - Von Lea Oetjen. Einige Flüchtlinge erwartet das Pech im großen Glück. Inzwischen haben diverse Asylbewerber ein dauerhaftes Bleiberecht zugestanden bekommen - eigentlich ein Grund zur Freude.

Das Problem ist jedoch, dass sich dadurch nicht nur der Status der Menschen, sondern auch die Zuständigkeit ändert. Lag die Unterbringungspflicht bislang beim Landkreis Verden, müssen sich anerkannte Flüchtlinge nun selbst um eine Bleibe kümmern. 

„Finden diese Menschen keinen Wohnraum, werden sie obdachlos“, mahnt der Verdener Ratsherr Jürgen Weidemann (FDP), der sich mit seiner Befürchtung nun auch an die Stadt gewandt, hat. Die Anzahl von obdachlosen Bürger steige, was die Kommunen vor immer größere Probleme stellen werde.

Mehr als 40 Menschen suchten eine Wohnung

Und in der Tat: Die Zahl von Obdachlosen hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt. Waren es 2016 im Schnitt 24 Menschen, suchten 2018 mehr als 40 eine Wohnung. Thorsten Schiemann aus dem städtischen Fachbereich Sicherheit und Ordnung vermutet, dass die Ursache dafür fehlender bezahlbarer Wohnraum ist. 

Von den derzeit rund 40 Betroffenen seien fünf anerkannte Flüchtlinge. Zum Vergleich: 2016 war es kein Einziger. „Die Problemsituationen sind überall gleich. Die Kommunen sind nun dazu verpflichtet, Wohnungslose unterzubringen“, betont Schiemann, der im gleichen Atemzug darauf hinweist, dass die Ursachenbekämpfung nicht im Ordnungsamt angesiedelt ist. Es liege trotzdem auf der Hand, dass „kostengünstiger Wohnraum geschaffen werden muss“. 

Stadt Verden muss über Wohnungsnot nachdenken

Die Stadt arbeite eng mit dem Herbergsverein Lebensraum Diakonie zusammen. „Dafür stehen seit Jahren auch Mittel, rund 35.000 Euro, im Haushalt zur Verfügung.“ Über konkrete Vorhaben, die Wohnungsnot einzudämmen, konnte und wollte sich Schiemann nicht äußern. „Aber natürlich muss die Stadt weiterdenken.“

Derweil soll die städtische Obdachlosenunterkunft am Lerchenweg renoviert werden. „Sanitäre Anlagen, barrierefreier Zugang mit Fahrstuhl, neue Leitungen und Fenster“, zählte Kämmerer Andreas Schreiber einige der zu erledigenden Arbeiten auf. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 170.000 Euro. 

Ein dicker Batzen, doch die Stadt habe sich beim Land Niedersachsen erfolgreich um eine Förderung bemüht. Rund 70 Prozent der Summe werden vom Land finanziert. „Die Unterkunft soll für Frauen, Mütter und Menschen mit Einschränkung zugänglich gemacht werden“, so Schreiber.

FDP befürchtet Konkurrenz unter Wohnungslosen

Einen Master-Plan für die künftigen Monate scheint es noch nicht zugeben. Für Weidemann, der sich laut eigener Aussage seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, ein Grund zur Sorge. „Es kann nicht sein, dass die Zahl der Obdachlosen steigt, wenn gleichzeitig die Zahl der Unterkünfte sinkt“, bedauert der Liberale. Die Thematik stelle ihn und die FDP vor Fragen, die es zu klären gilt. 

„Was können wir als Kommune machen? Gibt es Überlegungen, billigeren Wohnraum zu schaffen? Was hat die Stadt bereits unternommen und was will die Stadt noch machen?“, zählt er Beispiele auf. Zudem befürchten die Freidemokraten, dass zwischen den langjährigen Obdachlosen und den neuen, den Flüchtlingen, eine gewisse Konkurrenz entstehen könne. „Obdachlosigkeit sollte nie mehr als ein temporärer Zustand sein. Alles andere ist nicht tolerierbar.“

900 Flüchtlinge leben in Wohnungen des Landkreises

Grund für seine Anfrage war die Berichterstattung dieser Zeitung über die drohende Obdachlosigkeit von Flüchtlingen in Achim. Einige Vermieter haben dort wegen Eigenbedarfs oder anderer Gründe die Verträge gekündigt oder eine Räumungsklage eingeleitet.

Karsten Bödeker, stellvertretender Leiter des Fachdienstes Soziales beim Landkreis, gibt jedoch Entwarnung: „Derzeit leben 900 Flüchtlinge in Wohnungen des Kreises. Etwa die Hälfte müsste sich eigentlich eine eigene Bleibe suchen. Es gibt die Absprache, dass die Leute erst einmal bleiben können, bis sie was anderes gefunden haben.“ Eine Statistik, die auflistet, wie viele Flüchtlinge schon eine neue Wohnung gefunden haben, gibt es nicht. „Es ist ungefähr eine dreistellige Zahl“, so Bödeker.

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