Professsorin Dr. Tomoko Ichida forscht über Nahversorgung und Bürgerengagement

Oterser Dorfladen wird Studienobjekt für Japan

Prof. Dr. Tomoko Ichida aus Japan hospitiert am Bundesforschungsinstitut für ländliche Räume und besuchte am Wochenende den Dorfladen Otersen, um sich um die Erfolge des Bürgerengagements für eine gute Dorfentwicklung zu informieren. - Foto: Lühning

Otersen - Professorin Dr. Tomoko Ichida, Professorin an der privaten Elite-Universität Meiji University, hospitiert am Bundesforschungsinstitut für ländliche Räume in Braunschweig. Sie bleibt noch bis Januar für ihren Forschungsaufenthalt. Am Wochenende informierte sich die japanische Wissenschaftlerin in einem fast dreistündigen Gespräch im Dorfladen Otersen mit dem Vorsitzenden der Dorfladen-Bundesvereinigung, Günter Lühning, über bürgerschaftlich organisierte Dorfläden, die Auswirkungen auf die Dorfentwicklung und die Herausforderungen für die Zukunft.

Die Uni-Dozentin aus Japan hatte vor dem Gespräch mit einem langen Fragen-Katalog nach Otersen deutlich gemacht, was sie wissen will. Die vielfältigen Detail-Fragen arbeitete sie dann mit Lühning im Gespräch im AllerCafé gleich neben dem Laden Punkt für Punkt ab. Lühning stellte die zurückliegenden 17 Jahre seit der Gründung der Dorfladen-Bürgergesellschaft mit anfänglich 63 Mitgliedern dar. Die ersten zehn Jahre in den gemieteten Räumen des früheren Lebensmittelgeschäftes der Familie Schlüter, die Umwandlung in einen wirtschaftlichen Verein mit heute 160 Mitgliedern und 100 000 Euro eingebrachtem Bürger-Kapital und dann 2011 der Umzug in die vereinseigene Immobilie mit AllerCafé ließ er Revue passieren.

Erstaunt war der Gast, dass der kleine Lebensmittel-Laden zum zweiten Mal eine junge Frau zur Verkäuferin ausbildet. Tomoko Ichida wollte auch wissen, wie sich frühere Dorfläden und große Supermärkte von den modernen Bürgerläden unterscheiden. Bei einem Rundgang durch das Geschäft mit 180 Quadratmetern Verkaufsfläche und im Gespräch arbeitete Lühning die wesentlichen Unterschiede heraus. Der Dorfladen biete mehr als 2 500 verschiedene Artikel und habe damit ein größeres Sortiment als herkömmliche Discounter, aber deutlich weniger als die Supermärkte.

„Wir haben alles, was man zum Leben braucht. Was wir nicht haben, besorgen wir – oder man braucht es nicht zum Leben“, fasste Lühning zusammen. „Wir setzen auf Marken-Artikel, gute Eigenmarken zu Discounter-Preisen, Bio-Lebensmittel, Fair-Trade-Produkte und ganz besonders auf Regionale Produkte aus einem Umkreis von 40 Kilometern, überwiegend aus dem Aller-Leine-Tal“, so Lühning.

Als Vorsitzender der neuen Dorfladen-Bundesvereinigung vertritt er Bürgerläden aus acht Bundesländern. „Bürgerschaftlich organisierte Dorfläden, kombiniert mit einem Café für alle Generationen erfüllen eine sozio-kulturelle Funktion. Sie werden zum Treffpunkt für die Dorf-Bevölkerung, sind Anlaufpunkte für auswärtige Gäste und fördern die Erholung in einer ländlichen Region, weil Fahrrad-Touristen hier einkehren“, erläuterte Lühning.

Abschließend ging es um das Bürgerengagement und die Bedeutung von Dorfläden für die Entwicklung ländlicher Räume. „Stirbt der letzte Laden im Dorf, wird es schnell zu einem sterbenden Dorf. Angemessene Bus-Verbindungen, insbesondere aber auch Kindertagesstätten, Grundschulen sowie Einkaufsmöglichkeiten im Dorf seien wichtige Infrastruktur-Einrichtungen, die über die Zukunft der Dörfer und die Lebensqualität der Einwohner entscheiden.

Ohne Bürgerengagement haben Dörfer im ländlichen Raum keine gute Zukunft vor sich“, stellte Günter Lühning seinem Gast aus Japan gegenüber fest. Das sei dem 500 Einwohner zählenden Dorf Otersen bereits vor zehn Jahren attestiert worden, als es den Bundessieg „Unser Dorf hat Zukunft“ davon trug. - tl

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Droht Venezuela eine Diktatur?

Droht Venezuela eine Diktatur?

Ursachenforschung nach tödlichem Hubschrauberabsturz in Mali

Ursachenforschung nach tödlichem Hubschrauberabsturz in Mali

Beängstigender Hagel-Sturm: In Istanbul ging fast nichts mehr 

Beängstigender Hagel-Sturm: In Istanbul ging fast nichts mehr 

Sommerreise: Auf hölzernen Pfaden durch die Moorwelten Ströhen

Sommerreise: Auf hölzernen Pfaden durch die Moorwelten Ströhen

Meistgelesene Artikel

Hochwasser-Helfer aus dem Kreis Verden bei Hildesheim im Einsatz

Hochwasser-Helfer aus dem Kreis Verden bei Hildesheim im Einsatz

180 Feuerwehrleute aus Verden in Hildesheim im Einsatz

180 Feuerwehrleute aus Verden in Hildesheim im Einsatz

Großeinsatz: Aber der Kanute übte nur

Großeinsatz: Aber der Kanute übte nur

Kanu kentert – zwei Teenager vermisst

Kanu kentert – zwei Teenager vermisst

Kommentare