Helmut Kruckenberg: „Ohne Eisbär geht es nicht“

Verdener Biologe begleitet Kino-Dokumentation „Russland von oben“

Bilder vom riesigen Land mit vielen Facetten: das Filmteam unterwegs. FotoS: privat
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Bilder vom riesigen Land mit vielen Facetten: das Filmteam unterwegs. 

Verden – Am 27. Februar läuft bundesweit und im Verdener Kino der Film „Russland von oben“ an. An der mehrjährigen Planung, Vorbereitung, einem Teil der Drehs und der Aufbereitung der 120-minütigen Dokumentation über das größte Land der Welt aus der Luft hat der Verdener Biologe Helmut Kruckenberg als wissenschaftlicher Berater mitgearbeitet. Er erzählt über die Hintergründe des ambitionierten Projekts. Die Fragen stellte Ulla Heyne.

„Russland von oben“ lief schon als fünfteilige Serie auf Arte – wie kam es zur Entscheidung, einen Film daraus zu machen? Wird damit eine andere Zielgruppe angesprochen?

Das sicher auch. Bei Terra X hatte die Serie die höchste Einschaltquote einer Doku überhaupt. Vor allem wirken die Bilder auf einer Großbildleinwand mit Ton aber noch einmal ganz anders als zuhause auf dem Fernseher. Den Vorgängerfilm der beiden Regisseure, den „Zugvogel“-Film, gab es ja auch zuerst als mehrteilige Reihe und dann als Kinofilm. Die anderen beiden Filme wurden zum Teil live mit Orchester aufgeführt auf großer Leinwand, das gibt dem Ganzen zusätzlich nochmal etwas Besonderes.

Ist das bei „Russland von oben“ denn auch geplant?

Er ist in Moskau schon aufgeführt worden. Am 4. April soll er dort erstmalig auch mit Live-Orchester vorgeführt werden. Für Deutschland ist dies auch geplant. Der aktuelle Start ist aber zunächst ein richtiger Kinofilm, der sowohl auf Deutsch als auch als Originalversion in Russisch mit deutschen Untertiteln zu sehen ist. Es gibt auch eine englische Fassung.

Setzt der Film noch einmal andere Schwerpunkte oder wird neues Material gezeigt?

Auf jeden Fall kondensiert er: Die Serie umfasste ja fünf Mal 45 Minuten, der Film ist auf 120 Minuten gestrafft. Ich habe ihn selbst noch nicht fertig gesehen. Er beschreibt die unglaublichen Landschaften Russlands, vom Kaukasus über den gesamten arktischen Bereich, aber auch die Barentssee. Er lebt stark von den Aufnahmen aus dem Hubschrauber mit leistungsfähigen Shotover-Zoomkameras, die aus einem Kilometer Entfernung die Vögel formatfüllend ranzoomen können. Es gibt nur ganz wenige „Operatoren“ weltweit, die das können. Das hat mit Kameramann nichts mehr zu tun, die sitzen hinten im Hubschrauber, einen Riesen-4K-Monitor auf dem Schoß und betätigen ihren Joystick. Es gibt viel Landschaft, viel Natur – die Saiga-Antilopen, die Pelikane im Wolga-Delta, die Moschusochsen auf Wrangel, aber auch Land und Leute. Es gibt tolle Aufnahmen vom Winterbaden in Sankt Petersburg.

In welcher Funktion waren Sie beteiligt?

Auf ganz verschiedenen Ebenen. In der Vorbereitung des Films ging es um die Beratung: Wo kann man was filmen, wen kann man ansprechen, wer sind mögliche Kontaktleute? Ein Netzwerk ist das A und O angesichts der immensen Kosten. Das muss innerhalb weniger Tage abgedreht sein. Es ging um Entscheidungen: Welche Gebiete sind wichtig, was muss unbedingt rein? Ohne Eisbär geht es nicht.

Als wissenschaftlicher Berater arbeitete der Verdener Helmut Kruckenberg für den Film „Russland von oben“.

Warum eigentlich – weil die Zuschauer das erwarten?

Ich kenne das von meinen eigenen Projekten. Wenn ich erzähle, dass wir in der Arktis forschen, dann heißt es: „Es ist ja ganz doll kalt im Schnee.“ Dabei ist da, wo wir forschen, ab Ende Juni kein Schnee mehr – da ist es so wie jetzt bei uns draußen. Die Erwartungshaltung ist in vielen Bereichen sehr vorgeprägt. Wir haben von Russland eine bestimmte Vorstellung, die dem Riesenland nicht wirklich gerecht wird. Es gibt eine schöne Szene aus Sotchi: Am Strand baden die Leute, und darüber sind die Bäume auf den Bergen verschneit – über die extremen Höhenunterschiede am Kaukasus macht man sich wenig Gedanken. Das macht den Reiz des Films aus: Man sieht so viel mehr von dem Land, mehr als Transsibirische Eisenbahn und Wodka – ich weiß gar nicht, ob der überhaupt vorkommt (lacht).

Mussten Sie auch bei den Filmemachern einige Bereiche ins Bewusstsein rücken?

Vielleicht in der Anfangsphase, aber eher in puncto Mentalitäten. Wir waren ja schon für den „Zugvogel“-Film in Russland, damals mit Petra Höfer, die auch diesen Film mitangefangen hatte, bevor sie im Juni vor drei Jahren ganz plötzlich verstarb. Damals waren wir schon zusammen in der Arktis. Daher wussten sie dieses Mal um die hohe Toleranz, die man angesichts der Bürokratie aufbringen muss. Am Ende dauert ein Film drei bis vier Jahre. Das sind schon Sachen mit unglaublich viel Vorlauf.

Wie oft waren Sie selbst mit vor Ort?

Ich war 2015 zweimal mit, einmal in Karelien, einmal in der Barentssee. Viele spannende Gegenden bei den Dreharbeiten habe ich leider verpasst, weil ich mit eigenen Projekten unterwegs war. Am Ende habe ich ihnen beim Sichten der Filmsequenzen geholfen, um zu bestimmen, was sie da genau vor der Linse gehabt hatten.

Lieferte das Material Perspektiven, die Sie selbst so noch nicht gesehen hatten?

Es sind unglaublich schöne Landschaftsaufnahmen dabei. Ich war mittlerweile 14, 15 Mal zu Forschungsexpeditionen in Russland, viel in der Barentssee und in Ostsibirien. Im Winter, noch dazu bei schlechtem Wetter, sieht man allerdings nicht besonders viel.

Sind Sie selbst schon mal mitgeflogen?

Ja, wobei in der Arktis viel mit Drohnen gefilmt wird, weil die technischen Herausforderungen wahnsinnig hoch sind. Man muss die Spezialkamera für den Hubschrauber mitschleppen, den passenden Hubschrauber finden und chartern, für den der passende Sprit schon im Winter vorher per Lastwagenübers Eis hin transportiert werden muss. Und die Russen lieben Technik und haben eine Reihe Top-Drohnenpiloten.

Geht es darum, möglichst viele Facetten der Natur zu zeigen oder setzt der Film sich auch mit den klimatischen Veränderungen auseinander?

Am Rande, es ist nicht das Kernthema. Aber man kommt natürlich auch dort um bestimmte Entwicklungen nicht herum. In unserer 15 Jahre dauernden Arbeit in Russland merken wir natürlich schon etwas vom Klimawandel. Zum Beispiel, als wir 2006 bis 2008 in der Barentssee die ersten Male an den Gänsen geforscht haben, kam man am 25. Mai mit den Gänsen dort an, die ersten Fleckchen wurden gerade schneefrei, und die Vögel suchten allmählich ihre Nistplätze auf. Wenn du heute um diese Zeit kommst, ist der Schnee schon weg, das Ganze hat sich um locker zehn Tage nach vorn verschoben. Das ist enorm in einem so kurzen Zeitraum. Wir hatten extrem warme Sommer, was bei den Gänsen zu Problemen mit Parasiten geführt hat. Die gibt es dort sonst kaum – einer der Gründe, warum die Gänse zum Brüten dorthin fliegen. Es ist schon dramatisch, was sich dort an Änderungen tut, vor allem wegen der warmen Winter und des geringen Niederschlages. Da verschwinden bestimmte Entenarten, einfach weil die Seen, in denen sie sonst ihre Nahrung finden, ausgetrocknet sind. Die Ausmaße der Erderwärmung haben wir noch gar nicht ganz erkannt.

Wenn Sie den Film jetzt im Kino sehen, wird dann eher der Stolz überwiegen, an einem so tollen Projekt teilgenommen zu haben, oder die Wehmut darüber, dass es einige der gefilmten Szenen wie zum Beispiel die mit den Eisbären so in einigen Jahren nicht mehr geben wird?

Ich denke schon, dass man sich in dem Augenblick zurücklehnt und die großen Bilder und die Musik auf sich wirken lässt wie jeder andere Kinogänger auch und sich in dem Augenblick nicht so einen Kopf drum macht – zumindest beim ersten Mal. Wenn man ihn öfter sieht, denkt man wahrscheinlich weiter. In Verden leben viele Deutschrussen, die werden es wahrscheinlich ähnlich erleben. Einen Teil werden sie kennen, bei anderen denken sie: Das war mir komplett neu. Es ist halt ein riesiges Land mit vielen unterschiedlichen Facetten.

Ist diese Art des In-Szene-Setzens mit schönen Bildern nicht auch eine Art der Verklärung?

Die selbstgestellte Aufgabe war, die Leute in 120 Minuten auf eine Luftreise zur großen Vielfalt Russlands mitzunehmen. Natürlich ist das auch eine persönliche Auswahl. Jeder betrachtet die Welt ja aus einem bestimmten Blickwinkel. Besonders eine Dokumentation mit künstlerischem Anspruch ist natürlich subjektiv.

Gab es auch Bereiche, in denen das Filmen nicht geklappt hat?

Es gab anfänglich viele Bereiche, wo es schwierig war, in Russland gibt es immer Dinge, die überraschenderweise nicht funktionieren, aber auch viele, die funktionieren, wo man es nie für möglich gehalten hätte. Dieses Land funktioniert eben ganz anders als Deutschland. Zum Teil wäre das Drehen manchmal fast gescheitert, obwohl Ministerien es schon genehmigt hatten.

War es hilfreich, dass Gasprom mit beteiligt war?

Hilfreich sicherlich, weil so ein Projekt wahnsinnig teuer ist und die Finanzierung zusammen mit Arte und ZDF nur so zu leisten war. Sicherlich hat es in Teilen Russlands auch Türen geöffnet. Es ist so, dass das russische Parlament, die Duma, den Film komplett angeguckt hat und man sehr begeistert war. Einerseits, weil diese Art Filme zu machen, bislang in Russland nicht so verbreitet ist. Und andererseits, weil sie das mit einem gewissen Nationalstolz sehen und so auch in anderen Ländern über Russlands Schönheit berichtet wird. Vielleicht will man auch ein bisschen ablenken. Aber das würde ich hier nicht primär im Vordergrund sehen.

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