Erinnerungen von Anneliese Warncke

Alt-Verden und das Café Engelhardt: „Nun brummt es wieder – Gott sei Dank“

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Aus alt mach neu: Jahrzehntelang war das Café Engelhardt an der Ostertorstraße/Ecke Obere Straße ein beliebter Treffpunkt nicht nur für die Verdener. Im vergangenen Jahr wurde es zusammen mit Nachbargebäuden abgerissen. An gleicher Stelle entsteht nun – nach einiger Verzögerung – ein modernes Wohn- und Geschäftshaus.

Verden - Es hat ein wenig gedauert, doch nun ist ordentlich was los auf der Baustelle an der Ostertorstraße. Dort, wo einst Generationen von Verdenern im Café Engelhardt ein und aus gingen, entsteht ein neues Wohn- und Geschäftshaus. Der Gang am Bauzaun entlang rief auch bei Anneliese Warncke viele Erinnerungen an frühere Zeiten war. Hier ihr Bericht.

„Als ich im Herbst 1958 meinen Ehemann Rolf Warncke kennenlernte, wohnte meine Familie in Hohenaverbergen. Zu einer weiterführenden Schule, in die Lehre oder auch zur Arbeit fuhr man in den Wintermonaten mit der Kleinbahn nach Verden. Auch an den Sonntagen verkehrte die Bahn dreimal täglich, zum Beispiel am Morgen für die Kirchgänger zu St. Andreas.

Zu Verabredungen am Sonntag nahm ich den Mittagszug. Rolf wartete meistens am Bahnhof auf mich und er zeigte mir dann gerne seine Geburts- und Heimatstadt. Obwohl ich hier konfirmiert worden war und auch eine dreijährige Lehrzeit in Verden durchlaufen und abgeschlossen hatte, entdeckte ich mit ihm zusammen viel Neues.

Hatte es beispielsweise geschneit, dann ging es hinaus in den Stadtwald. Es war herrlich, hier durch den tiefen Schnee zu stapfen, so nahe an der Stadt. Wenn wir dann durchgefroren waren und die Kälte uns trieb, ging es auf einen Kaffee oder, wenn es- schon später geworden war, auch auf eine Brühe in den Grünen Jäger zum Aufwärmen.

Ein anderes Mal war das Fischer-Viertel dran. Hier durch die Häuser-Reihen zu schlendern und zu schauen; am Bollwerk entlang und über die Tempelpforte bis hin zur Südbrücke zu gelangen, wo – direkt an der Aller gelegen – sich Foto-Staffa befand, das waren schon unvergessene Eindrücke. Natürlich wurden hier erst einmal die ausgestellten Fotos ausgiebig betrachtet, um danach durch die Brückstraße, an Bruers Odeon vorbei, in die Große Straße zu kommen.

Das „D-Zug“-Café in späteren Jahren. In den 50-ern seien die Trennwände noch gepolstert gewesen, erinnert sich Anneliese Warncke.

Es gab noch keine Fußgängerzone, das Pflaster war holperig und es fuhren kaum Autos. Oft genug war es nur der Pferdewagen von Herrn Schlön, der das Frachtgut auslieferte. Aber es gab dort viele kleine mit nur einem, aber auch größere mit mehreren Schaufenstern, meistens inhabergeführte Geschäfte, wo man fast alles kaufen konnte; was uns aber an einem solchen Sonntag nicht so sehr interessierte.

Wir hatten jetzt nur ein Ziel, nämlich das Café Engelhardt. Dort nahmen wir nicht irgendeinen Platz, nein, wir drängelten uns durch den schmalen Gang mit den Tisch- und Sofa-Reihen, fast wie in einem Zug, und deshalb in Verden auch als ,D-Zug-Café' bekannt, bis wir hinten angekommen waren an unserem Ziel, diesem wunderbar gemütlichen kleinen ,Reiterstübchen’, wie es damals alle nannten.

Rolf und Anneliese Warncke in jungen Jahren. 1958 lernten die beiden sich kennen und gingen gemeinsam auch gerne ins Café Engelhardt.

Hier war es heimelig, hübsch eingerichtet, mit nur vier oder fünf kleinen Tischen, Reiterbildern an den Wänden, dem warmen Licht und der geliebten heißen Schokolade, die wir hier immer genossen. Einfach schön!

An wie vielen Sonntag-Nachmittagen waren wir dort in jenem Winter, bevor meine Familie im Herbst 1959 nach Verden zog?

Nun gibt es dieses Café nicht mehr. Als vor ein paar Monaten der Abriss-Bagger brummte und unter Mitwirkung eines Wasserstrahls vorsichtig polterte, um die alten Mauern behutsam einzureißen und den Staub zu binden, standen täglich viele Menschen am Bauzaun und hingen, wie ich, ihren Gedanken nach.

Manche lächelten, andere schauten traurig. Ich auch. Denn Rolf hatte inzwischen „Ade“ gesagt und nun das Café unserer ersten gemeinsamen Wochen und Monate auch.

Rolf und Anneliese Warncke in jungen Jahren. 1958 lernten die beiden sich kennen und gingen gemeinsam auch gerne ins Café Engelhardt.

Doch so ist das Leben und die Welt lebt von Veränderungen, Erneuerungen, ja, aber auch von unseren Erinnerungen.

Geraume Zeit blieb alles still hinter dem Bauzaun.

Doch nun brummt es wieder – Gott sei Dank!

Und im Geiste sehe ich Rolf auch hier wieder am Bauzaun stehen, um das Geschehen zu verfolgen, wie er das an vielen Baustellen der letzten Jahre in seiner Heimatstadt getan hat.“

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