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Spritpreise und Neun-Euro: Das Vierfache des üblichen Aufkommens

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Von: Heinrich Kracke

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Voller Bahnsteig.
Volle Züge, und viele wollen noch rein: Die Masse Mensch gestern Morgen vor dem Regionalexpress in Verden. © Kracke

Plötzlich war alles anders: Als die Spritpreise gesunken waren und das Neun-Euro-Ticket genutzt werden konnte, setzte eine erstaunliche Reaktion im Raum Verden und Achim ein.

Verden/Achim – Als die Stunde Null der neuen Verkehrsherrlichkeit mit Neun-Euro-Ticket und gesunkenen Spritpreisen geschlagen hatte, da war es für viele schon zu spät. Gestern morgen gegen halb acht in Verden zum Beispiel. Am Bahnhof. Kein Parkplatz, der noch zu haben wäre. Volle Bahnsteige. Erfahrene Pendler schätzten das Aufkommen deutlich höher ein, manche als das Vierfache des üblichen. Und das war erst der Anfang. Auch an den Tankstellen läpperte es sich bereits in den frühen Morgenstunden. Wo am Vortag noch die Betonplatte die Chance auf Sonne hatte, wo also wenig bis gar nichts los war, da gaben sich jetzt die Menschen die Zapfpistole in die Hand. Der erste große Ansturm mit Schlangen vor den Diesel- und Benzin-Säulen wurde für den Abend erwartet.

Tankstelle gut besucht
Die Mineralölkonzerne senken allen Unkenrufen zum Trotz die Preise, Autofahrer verharren mit ihrem Blick erkennbar einen Moment länger auf den neuen Zahlen. © Kracke

Die Familie mit Großvater, Kind und Kegel hatte sich versammelt, die Eheleute mit dem kleinen Rucksack gesellten sich auf dem Bahnsteig 1 hinzu, hier und da Einzelreisende, ein ganzer Schwung kam aus dem Tunnel. Kam aus der Regionalbahn, die angekommen war. Es füllte sich. Und dann fuhr er ein. Der Intercity. Schöne neue Reisewelt, angenehm temperiert, kommod in den Sitzen. Er hielt. Nur 43 Minuten von Verden bis Hannover. Schneller geht kaum. Und entspannter auch nicht. Die Türen öffnen sich. Die Meute auf dem Bahnsteig reagiert wie im Märchen, wie in Dornröschen. Kaum jemand, der sich bewegt. Der Zug bleibt leer, also, quasi leer. Wer drinnen sitzt, nicht selten, dass er sich über einen ganzen Wagen hätte ausbreiten können. Kostet halt, bis nach Hannover mit 17,90 Euro fast das Doppelte.

Fahrräder eng abgestellt.
Radparkplätze sind schon früh vollgelaufen. © Kracke

Einige Minuten später rollt sie ein, die neue Bahnherrlichkeit. Nicht pünktlich, sieben, acht Minuten später als im Fahrplan aufgeführt, aber sie rollt ein. Doppelstockwagen im Regionalexpress nach Hannover, der Zug länger als üblich. Zwei Etagen voller Menschen, und dann kommt Verden. Die Eheleute Heike und Torsten Mütze gehören zu jenen, die den Kampf um Sitzplätze noch nicht verloren geben. „Wir hätten auch mit dem IC fahren können, aber das Neun-Euro-Ticket ist natürlich verlockend.“ Schloss Holte-Stukenbrock heißt ihr ehrgeiziges Ziel. „Dreimal umsteigen, wir werden etwas länger unterwegs sein. Das ist pure Entschleunigung“, meint Torsten Mütze. Dass die Züge schon am ersten Tag voll sein werden, hatte niemand erwartet. Und schon verschwinden sie im Pulk derer, die die automatischen Zugtüren passieren.

Nicole Müller, ebenfalls in der Neun-Euro-Klasse unterwegs, hat schon etwas Erfahrung im Umgang mit dem Aufkommen. Aus Rotenburg kommt sie, nach Hannover will sie. Also tourte sie schon mit der Regionalbahn von der Kreisstadt an der Wümme in die Kreisstadt an der Aller. „Sonst ist in dem übersichtlichen Zug wesentlich weniger los. Jetzt war er gut besetzt.“ Auch sie fix in den Regionalexpress. Als der Zug abfährt kaum noch freie Plätze. Eine Fahrt ins Ungewisse. Wie es in Dörverden, in Eystrup, in Neustadt werden soll, lässt sich nur erahnen. Es sieht nach Stehplätzen und Enge aus. Ein Vorgeschmack womöglich auf die kommenden Tage, auf Pfingsten, wenn die neun Euro ihre ganze Zugkraft entfalten.

Jetzt jedenfalls ist die Masse Mensch noch eher die Ausnahme. Am Vormittag beruhigt sich das Aufkommen schon wieder. Erst beim Schichtwechsel von Amazon am frühen Nachmittag die nächste Welle. „Es ist voller als sonst“, stellt eine 43-jährige Achimerin auf ihrem Heimatbahnhof fest. Zu den neuen Bahnkunden gehört Gesa Sogorski-Rippe aus Posthausen. Mit Kinderwagen und 4-jährigem Sohn ist sie in Richtung Nienburg unterwegs. „Das werden wir jetzt häufiger so machen. Für die Kinder ist die Bahnfahrt eine wichtige Erfahrung.“ Ähnlich die Erfahrungen auf der zweiten kreisweiten Hauptstrecke, auf der Linie Hamburg-Bremen. Mal beschrieben Fahrgastbetreuer im Metronom das Aufkommen als leicht erhöht, mal herrschte auch hier Enge. „Die Leute sitzen auf ihrem Gepäck.“

Anders als noch von ADAC und Kartellamt befürchtet, fiel gestern das Autofahrer-Weihnachten und das Autofahrer-Pfingsten tatsächlich auf einen Tag. Die Steuer-Geschenke der Bundesregierung und die Erleuchtung, vielleicht doch auf die klimaschonenden Öffis umzusteigen, setzen erkennbar neue Ströme in Gang. So viel steht fest. Nicht nur in Richtung Bahnhof, sondern auch in Richtung der Tankstellen. Die stark befahrene Lindhooper Straße in Verden zum Beispiel. Eine junge Frau im Stadtflitzer, ein Pärchen im Roadster, ein vollbesetzter Kombi, sie alle verbindet eines. Im Vorbeifahren diesmal nicht nur ein kurzer, eher angewiderte Blick auf die großen Zahlen am Straßenrand, in diesem Fall ein längerer, ein genauerer. Leuchteten diese Zahlen, die jetzt in Weiß erstrahlen, leuchteten sie nicht am Vortag noch in Rot? Zumindest sahen viele Autofahrer selbiges. Gestern hing ihr Blick erkennbar länger an den Ziffern. Wo vorher die Zahlen mit einer zwei begannen, da stand jetzt eine eins vorne, bei den gängigen Spritsorten immerhin. Die Mineralkonzerne hatten sich also nicht die Blöße gegeben, als Kriegs-Profiteure gebrandmarkt zu werden. In Verden zumindest ging es auch in Richtung der minus 14 Cent beim Diesel und minus 30 Cent beim Superbenzin. Ob die Preise an den vorangegangenen Tagen wegen der Berliner Zuschüsse angehoben wurden, oder tatsächlich den Weltmarktpreisen folgten, blieb das Geheimnis der Multis.

Eine, die den Bogen raus hatte und schon früh an die Zapfsäule kurvte, war die Verdenerin Kerstin Heck. „Normalerweise tanke ich abends, aber ich befürchte, da wird es voll. Außerdem steigen die Preise regelmäßig an den Tagen vor Pfingsten“, sagt sie. Ganz voll tankte sie allerdings nicht. Wer weiß, was sich noch entwickelt.

In den Tankstellen selbst alles andere denn Aufregung. „Noch spielt sich alles auf dem üblichen Niveau ab“, sagt am Morgen etwa Michael Missel, Pächter der Score-Tankstelle an der Lindhooper Straße. Erst für den Abend rechne er mit stärkerem Aufkommen. Ausschließen könne er nicht, sagt er, dass die Vorräte angesichts der großen Nachfrage leerlaufen, aber: „Wir haben die Tanks frisch aufgefüllt.“

Eines indes steht schon fest nach dem ersten Tag dieser dreimonatigen Volksbescherung: Wer mit dem Auto unterwegs ist, um das Bahnangebot zu nutzen, der befindet sich auf dem Holzweg. Die Parkplatzsuche dürfte zeitraubend und nervig ausfallen. Und in der kommenden Woche in Verden besonders: Dann beginnt der Domweihaufbau und legt die Innenstadt lahm.

Viele Leute vor Bus.
Schichtwechsel bei Amazon: Die nächste Welle in Bahn und Bus schwappt über Achim. © Duncan

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