Zeitzeugen für Interviews gesucht

Zwik plant Buch über Geflüchtete

Harm Schmidt zieht einen Handkarren aus Holz, drauf stehen ein Topf und eine Milchkanne.
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Erinnerung an längst vergangene Zeiten: Dieser original Handkarren, den Harm Schmidt zieht, wurde bei der Flucht in die Gemeinde Kirchlinteln genutzt.

Die Einwohnerzahlen in vielen niedersächsischen Gemeinden sind in den Jahren 1945 bis circa 1947 rasant in die Höhe geschnellt, in manchen Ortschaften haben sie sich verdoppelt. Die Neubürger waren die Evakuierten aus den Großstädten, die „Ausgebombten“ sowie die Geflüchteten beziehungsweise Vertriebenen aus Ostpreußen oder Schlesien. „Und genau diese Menschen interessieren uns“, sagt Harm Schmidt beim Pressegespräch der Zwik (Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus zu Wittlohe) über ein neues Buchprojekt, an dem neben ihm noch Wilhelm Timme, Hermann Meyer und Wilhelm Hogrefe arbeiten. Auch die aktuelle FSJ-lerin Judith Wieters unterstützt das Projekt.

Kirchlinteln – Das informative Werk soll als zweiter Teil des Buches zum Kriegsende in Kirchlinteln verstanden werden. Die Verantwortlichen haben bereits damit begonnen, Interviews mit Zeitzeugen zu führen. Nun hoffen sie, noch weitere Menschen zu erreichen, die damals in die Gemeinde gekommen sind und die bereit sind, von ihren Erfahrungen in ihrer neuen Heimat zu erzählen.

„Es geht uns weniger darum, die Fluchtwege nachzuerzählen“, erklärt Schmidt. „Sondern vielmehr um Fragen wie: Wie sind sie hier aufgenommen worden? Wie war ihre wirtschaftliche Situation, wie die Beziehung zu den Einheimischen?“ Es gehe, so Wilhelm Timme, um Integration. Für ihn sei das ein besonders spannendes und vor allem auch heute noch wichtiges Thema: „Als vor ein paar Jahren, 2015, der Flüchtlingsstrom nach Deutschland kam, ging ein Riss durch die Bevölkerung. Auf der einen Seite standen die Menschen, die eine Willkommenskultur schaffen wollten, auf der anderen diejenigen, die zur AfD übergelaufen sind und das alles ganz anders sahen. Da ist es doch interessant, einmal zu beleuchten: Wie war das eigentlich 1945/46?“

Mehrere Siedlungen ehemaliger Flüchtlingsfamilien in der Gemeinde wiesen noch heute darauf hin, dass die Aufnahme der Neubürger mit wenig Begeisterung verbunden war. „Ob Gottes Gnaden in Kirchlinteln oder Auf dem Glinn in Hohenaverbergen – die Flüchtlinge wurden oftmals weit außerhalb der Ortskerne untergebracht“, weiß Hermann Meyer. Weitere Beispiele gebe es in Bendingbostel oder Weitzmühlen. „Neben der Unterbringung interessiert uns zum Beispiel auch, wie sich die Flüchtlinge damals organisiert haben, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Ob man sich zusammengetan hat“, so Schmidt.

Dem Zwik-Team ist es wichtig, dass das Werk am Ende einen wissenschaftlichen Mehrwert hat. „Es soll schon ein Geschichtsbuch – und kein Geschichtenbuch werden“, so Schmidt. Deswegen haben die Interviewer einen Bogen mit Fragen ausgearbeitet, die allen Zeitzeugen gleichermaßen gestellt werden. „Nur so lassen sich auch Vergleiche ziehen“, sagt Timme, der berichtet, dass schon jetzt mehr als 20 Interviews geführt wurden.

Die bisher Befragten kämen vor allem aus dem Bereich Kirchlinteln, der Kirchengemeinde Wittlohe und anderen Orten aus dem Kleinbahnbezirk. „Aber wir haben leider nicht viele Kontakte in die Geest“, gibt Schmidt zu. „Dabei wollen wir natürlich auch wissen, wie es damals in Sehlingen oder Schafwinkel war.“ Auch könnten sich gerne Zeitzeugen melden, die zwar die betreffende Zeit als Geflüchtete in der Gemeinde Kirchlinteln erlebt haben, heute aber ganz woanders wohnen.

Die Forscher freuen sich, dass sie das Tagebuch eines Geflüchteten aus Schlesien zur Verfügung gestellt bekommen haben, der unter anderem seine Arbeit bei der Kirchlintler Zimmerei Zweibrück beschreibt. Solche Dokumente seien weiterhin sehr willkommen. Zumal bei Tagebüchern auch nicht der Schleier von 75 Jahren darüber liege, erklärt Timme. „Es geht nun einmal um Dinge, die eine sehr lange Zeit zurückliegen. An manches erinnert man sich da einfach nicht mehr, manches wurde über die Jahre vielleicht auch etwas schön gefärbt.“

Schon jetzt seien bei den Recherchen interessante Informationen und einige bisher unveröffentlichte Quellen zusammengekommen. Dennoch bitten die Forscher weitere Zeitzeugen, sich für ein Interview zu melden. Die Fragebögen können auch bei der Kirchengemeinde Kirchlinteln abgeholt werden.

Kontakt zu den Interviewern ist telefonisch möglich. Hermann Meyer ist zu erreichen unter 04236/1397, Harm Schmidt 04231/928180, Wilhelm Timme 04238/493 und Wilhelm Hogrefe 04236/724.

Die Interviewer Wilhelm Timme, Hermann Meyer und Harm Schmidt (v.l.) freuen sich auf viele Gespräche.

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