Neue Erfahrungen sammeln im „Café im Dunkeln“ bei „Anders sehen“

„Wenn der Hauptsinn fehlt, fühlt man sich schutzlos“

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Mit Spezialfolie beklebte Schweißerbrillen simulieren eine Sehschädigung. Vor oder nach dem Café im Dunkeln konnten die Schüler auch das ausprobieren.

Verden - Wenn man die Augen zumacht, ist alles dunkel. Wie es sich aber anfühlt, wirklich blind zu sein, kann man sich als Sehender kaum richtig vorstellen. Einen Eindruck davon konnte man am Donnerstag im „Café im Dunkeln“ in der Beratungsstelle „Anders sehen“ in Verden bekommen.

Im Rahmen der Woche des Sehens hatte Saskia Schirmacher, Leiterin der Beratungsstelle für Menschen mit Sehschädigung und geistiger Behinderung an der Unteren Straße, bereits zum dritten Mal zu der Aktion eingeladen, die auf die Themen Blindheit und Sehbehinderung aufmerksam macht. Auch die Schüler des Seminarfachs Kognitionswissenschaften am Domgymnasium wollten sich mit ihrer Lehrerin Regina Berndt dieser Herausforderung stellen.

Für eine knappe halbe Stunde galt es, in absoluter Dunkelheit Kaffee und Kuchen zu sich zu nehmen. Damit nicht der geringste Lichtschein ins Auge dringt, mussten die Teilnehmer zusätzlich Schlafbrillen tragen.

„Achtet darauf, wie ihr euch fühlt, achtet auf eure Haltung und überlegt, wie ihr euch fühlen würdet, wenn ihr in einem öffentlichen Café sitzen würdet“, gab Schirmacher dem Kurs mit auf dem Weg. Als alle im Dunkeln ihren Platz gefunden hatten, wurde Alltägliches plötzlich schwierig. Denn woran merkt man, dass die Tasse voll oder ob noch Kuchen auf dem Teller ist?

Als das Licht wieder anging, hatten alle die Herausforderung überraschend gut gemeistert, kein Kaffee-See auf der Tischdecke, kein Kuchen auf dem Fußboden. Vielen hatte das Essen im Dunkeln Spaß gemacht, lustig und mal was Neues sei es gewesen, hieß es.

Keiner hatte ein Probleme zu erkennen, neben wem er sitzt. Hier gab die Stimme den entsprechenden Hinweis. Bloß bei der Abschätzung der Raumgröße gab es verschiedene Wahrnehmungen. Einigen erschien er größer als in Wirklichkeit, anderen kleiner. „Wer sehen kann, scannt einen Raum beim Betreten sofort ab, im Dunkeln geht das nicht, da müsste man die Wände ablaufen, um die Größe abzuschätzen“, erklärte Saskia Schirmacher.

Für Achim war der Verzehr des Kuchens das größte Problem. „Vor allem die kleinen Stücke kriegte man nicht in den Mund“. Auch die richtige Menge Kaffee in die Tasse zu bekommen, sei schwierig gewesen. „Ich habe beim Einschenken den Finger in die Tasse gehalten, der Dampf war so heiß, dass ich mich verschätzt habe, einmal war nur der Boden bedeckt.“ Noch etwas fiel Achim auf: „Ich habe gebeugt gesessen, nicht so entspannt wie sonst. Wenn der Hauptsinn weg ist, fühlt man sich schutzlos.“

Saskia Schirmacher hat zudem beobachtet, dass im Dunkeln alle extrem laut miteinander gesprochen haben. „Ihr habt versucht, über die Sprache den fehlenden Sinn zu kompensieren“, sagte sie. Das konnte Regina Berndt nur bestätigen. „Ich habe versucht, meine Nachbarn zu warnen, wenn ich etwas nehme, habe aber auch laut gesprochen, um mich selbst zu beruhigen.“

ahk

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