Prozess gegen Thedinghäuser Familie

Vermüllt, verdreckt, verraucht

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Weil sie sich nicht um eine sterbende Frau gekümmert haben, stehen der Ehemann und die Tochter der 49-Jährigen wegen Mordes vor Gericht.

Verden/Thedinghausen - Von Felix Gutschmidt. Eine Frau wird tot auf dem Sofa aufgefunden. Verhungert, verdurstet. Ihr Ehemann und ihre Tochter leben in derselben Wohnung und haben die Frau einfach sterben lassen. Ist das Mord? Nein, sagen die Verteidiger.

Im Prozess am Landgericht Verden beantragen sie, die Haftbefehle gegen ihre Mandanten aufzuheben. Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages schildert eine Polizistin der Tatortgruppe ihre Erinnerungen an die Umstände, unter denen sie die Leiche in der Wohnung in Thedinghausen (Landkreis Verden) gefunden hat. Vermüllt, verdreckt, verraucht und verschimmelt seien die Räume gewesen. „Den Geruch kann man nicht beschreiben.“ Die Tote habe unter einer Decke in ihren eigenen Exkrementen gelegen. Überall Maden. Bei diesem Anblick sei ihr klar gewesen, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod handele, sagt die Polizistin.

So sieht es auch die Staatsanwaltschaft, die den Ehemann (50) und die Tochter (18) beschuldigt, die seit mindestens zehn Jahren alkoholabhängige Frau durch Unterlassen ermordet zu haben. Der Vorwurf: Die Angeklagten rächten sich an der Frau, weil sie in Folge ihrer Alkoholkrankheit die Familie und den Haushalt völlig vernachlässigt habe. Die Situation in der Wohnung war nach Angaben der Polizistin dramatisch. Kniehoch türmten sich Abfälle, Essensreste und leere Flaschen. Die ehemals weißen Wände waren vergilbt und fleckig. Von der Decke hingen Spinnweben.

Offenbar lebte die Familie viele Jahre unter diesen Bedingungen. Darauf deutet die Aussage einer Sozialpädagogin hin, die im Frühjahr 2013 vom Jugendamt damit beauftragt worden war, die Tochter zu unterstützen. Sie dürfe die Wohnung nicht betreten, weil dort renoviert werde, habe man ihr damals gesagt. Fünf Monate lang blieb die Pädagogin ausgesperrt. Wenn die Anklage zutrifft, wäre es eine grausame Umkehrung der Verhältnisse: Die Ehefrau und Mutter, die ihre Familie im Stich lässt, wird von ihren Angehörigen gerichtet, indem sie sich selbst überlassen wird. Dem widersprechen die Anwälte. Für niedrige Beweggründe – laut Anklage Hass und Rache –, die für den Tatvorwurf Mord zwingend erforderlich sind, gebe es keine Hinweise.

Der Mann habe den Tod seiner Frau nicht gewollt, erklärt Rechtsanwalt Joachim Stünker. Dennoch sei die Frage berechtigt, ob sein Mandant früher den Notarzt hätte rufen können. Dieser Verantwortung stelle sich der Beschuldigte. Er werde dazu an einem der nächsten Verhandlungstage persönlich etwas sagen.

„Erschütternde Familientragödie“

Auch bei der Tochter fehlt nach Überzeugung der Verteidigung das Motiv für einen Mord. Das belege ein Vermerk eines Polizisten nach der Vernehmung der 18-Jährigen. Sie habe „in Bezug auf ihre Mutter emotionslos und gleichgültig“ gewirkt, schreibt der Beamte. „Anzeichen von Hass, Verbitterung oder Rache gegenüber der Mutter waren für mich nicht erkennbar.“ Für die Verteidiger ist der vorliegende Fall kein Mord, sondern „eine erschütternde Familientragödie, bei deren Entwicklung alle Beteiligten in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich versagt haben“.

Als Beleg führen sie die Alkoholsucht des Opfers an und damit einhergehend eine zunehmende Verwahrlosung, psychische Störungen und körperlicher Verfall. Das Jugendamt sei mit dem Versuch gescheitert, die angeklagte Tochter und deren Schwester aus Sorge um das Kindeswohl aus der Familie zu holen. Auch der Ehemann verfiel dem Alkohol – angeblich trank er täglich eine Flasche Weinbrand und eine halbe Kiste Bier. Der Prozess wird morgen um 13 Uhr fortgesetzt.

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