Kandidat will zurückgeben

Mizgin Ciftci will für die Linken in den Bundestag: Jedes fünfte Kind unter Armutsgrenze – ein Skandal

„Hier fühle ich mich zu Hause“: Mizgin Ciftci auf dem Rasen, auf dem er das Fahrradfahren lernte, und vor dem Haus, in dem er aufwuchs.
+
„Hier fühle ich mich zu Hause“: Mizgin Ciftci auf dem Rasen, auf dem er das Fahrradfahren lernte, und vor dem Haus, in dem er aufwuchs.

Landkreis – Der Plastikstuhl ist kaputt. Die Armlehne, abgebrochen ist sie. Macht nix. „Das ist der schönste Platz weit und breit“, sagt Mizgin Ciftci. Und schon sitzt er, und genießt die Mittagssonne an einem der letzten Sommertage des Jahres und fühlt sich irgendwie zu Hause. „Auf diesem Rasen habe ich Radfahren gelernt“, sagt der Kandidat der Linken für die Bundestagswahl.

Auf diesem Rasen in Osterholz-Scharmbeck in einem der Problemviertel der Stadt, wie der 29-Jährige erläutert. Im Komponistenviertel, wie es im Volksmund heißt. Die Straßen sind nach Beethoven und Mozart benannt, die ganze Gegend hat ihren Ruf weg. „Es ist das kinderreichste und gleichzeitig das ärmste Quartier der Stadt.“ Hinter ihm das Haus aus den 70er-Jahren, Rotstein. Ciftci weist auf Fenster in der unteren Etage. „Dahinter bin ich groß geworden. Drei Zimmer für die ganze Familie, für meine vier Geschwister, mich und meine Eltern.“

Damit wäre schon einer der Anknüpfungspunkte zu Herbert Behrens gefunden, zum Bundestagsabgeordneten der Linken über zwei Legislaturperioden aus OHZ. Auch er hat vier Geschwister. Beide entstammen einer Arbeiterfamilie. Und gut möglich, dass Ciftci jetzt in Behrens‘ Fußstapfen tritt. Auf Platz vier der Landesliste steht er, bei der zurückliegenden Wahl waren fünf Linke aus Niedersachsens in Berliner Parlament eingezogen. Gerüstet wäre Ciftci. Der ausgebildete Lehrer und aktuelle Verdi-Gewerkschaftssekretär: „Ich werde gegen Kinderarmut kämpfen. Es ist ein Skandal, dass in einem der reichsten Länder der Welt jedes fünfte Kind unter der Armutsgrenze groß werden muss.“

Er wisse, wovon er spreche. In der achten Klasse war es. Er Klassensprecher. Und dann stand die Klassenfahrt an. In die Nähe von Schloss Dankern sollte es gehen, erinnert er sich. „Eltern mussten die Kosten tragen. Mein Vater ist als Ungelernter in der Gastronomie beschäftigt, meine Mutter ist Reinigungskraft. Sie konnten es nicht bezahlen.“ Und so musste er zu Hause bleiben, musste Unterricht schieben in einer Parallelklasse. „Dafür gibt es nur zwei Gründe. Entweder hast du dir was zuschulden kommen lassen, oder deine Eltern sind arm. Es war erniedrigend.“

Ciftci: „Ich will für die Kindergrundsicherung kämpfen“

Nein, so gehe es nicht weiter. Er werde, so er denn in den Bundestag einziehe, für die Kindergrundsicherung kämpfen. „Das machen wir sozial gestaffelt mit einem Betrag zwischen 328 und 630 Euro im Monat.“ Gleichzeitig liege ihm der Sozialwohnungsbau am Herzen. Neue Wohnungen müssten entstehen, eine Viertelmillion pro Jahr. Und der Mindestlohn müsse steigen, und zwar auf 13 Euro pro Stunde. „Nur so bleibt einem nach 40 Jahren Erwerbstätigkeit im Alter die Grundsicherung erspart.“

Inzwischen hat sich eine Menge verändert in dem Viertel, in dem er groß geworden ist, und wo er auf dem Rasen sitzt und das Gefühl von Nestwärme spürt. „Die Wohnblöcke sind mehrfach verkauft. Sie befinden sich in Privatbesitz. Manche wurden abgerissen zu Gunten eines Neubaugebiets mit mediterranen Villen. Die Mieter hier müssen um ihr Zuhause fürchten. Das ist schlechter geworden in den letzten Jahren“, sagt Ciftci. Gleichzeitig habe sich das Umfeld verbessert. In 20 Jahren Soziale Stadt sei viel erreicht worden. „Aber“, sagt der Linken-Kandidat, „das müssen wir erstmal halten.“ Und dafür werde er kämpfen, er könne auf diese Weise zurück geben, was ihm Gutes getan wurde. „Ich hatte das Glück, unterstützt zu werden. Nach dem Abi bin ich in den Genuss eines Stipendiums für Arbeiterkinder gekommen. Ich konnte studieren.“

Hörtipp: Mizgin Ciftci im Podcast „Kreis und Quer“

Die Podcast-Redaktion der Mediengruppe Kreiszeitung hat sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl auf den Weg durch das Verbreitungsgebiet gemacht, um den Direktkandidatinnen und -kandidaten der Parteien einen Besuch am Wahlkampfstand abzustatten. In der Achimer Innenstadt hat das Team von „Kreis und Quer“ auch Mizgin Ciftci von den Linken besucht. Wer einen Einblick in den Wahlkampf des Kandidaten bekommen möchte, findet die Folge „Wie schlagen sich die Parteien im Straßenwahlkampf?“ überall dort, wo es Podcasts gibt, oder direkt hier im Artikel.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Karpfen werden umgesiedelt

Karpfen werden umgesiedelt

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Dampftag im Kreismuseum

Dampftag im Kreismuseum

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Meistgelesene Artikel

Corona im Kreis Verden: Ab Donnerstag drohen Verschärfungen

Corona im Kreis Verden: Ab Donnerstag drohen Verschärfungen

Corona im Kreis Verden: Ab Donnerstag drohen Verschärfungen
Verdener Ingo Neumann: „Das Podest muss weg“

Verdener Ingo Neumann: „Das Podest muss weg“

Verdener Ingo Neumann: „Das Podest muss weg“
„Das gibt Rückstau ohne Ende“: Kreisel am Berliner Ring ein Puzzle

„Das gibt Rückstau ohne Ende“: Kreisel am Berliner Ring ein Puzzle

„Das gibt Rückstau ohne Ende“: Kreisel am Berliner Ring ein Puzzle
Achimer Amazon-Massen: Mehr Züge frühestens ab 2022

Achimer Amazon-Massen: Mehr Züge frühestens ab 2022

Achimer Amazon-Massen: Mehr Züge frühestens ab 2022

Kommentare