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Verdener auf dem Weg zum Führerschein: Gertrud Bieber hat viele Kilometer auf dem Tacho

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Von: Markus Wienken

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Eine Frau zeigt ihren alten Führerschein.
Gertrud Bieber mit dem Lappen. Nun wurde das Dokument gestohlen. © wienken

Gas geben sollte sie, so sagte der Prüfer auf dem Rücksitz des Fahrschulwagens. Was so viel bedeuten sollte: „Mehr Mut!“ Gesagt, getan, der Prüfer ist Chef im Auto, Gertrud Bieber, die damals mit Nachnamen noch Vetter hieß, drückte auf’s Pedal, Gott sei Dank aber nicht ganz durch und Vollgas – und das war auch besser so. Aber davon später mehr.

Verden – In Mainz, in den 1960er-Jahren, lernte Gertrud Vetter das Autofahren. In einem VW Käfer. „Da war ich schon 24 Jahre.“ Vergleichsweise alt, gab es dafür einen einfachen Grund: „Das Geld saß damals nicht so locker, die Ausbildung ging vor. Krankengymnastik im Anerkennungsjahr, da wurde von der Kinderklinik nicht besonders viel bezahlt.“ Aber der „Lappen“ musste auf jeden Fall her, schließlich wohnten Freunde außerhalb, studierten in Göttingen und sonst wo, und die wollten besucht werden.

Nur wenige Fahrstunden waren nötig

Talent fürs Autofahren, so rückblickend, war durchaus vorhanden, das allein belegt schon der Blick auf die Anzahl der Fahrstunden, die die angehende Krankengymnastin auf dem Zettel hatte. „Ich brauchte nur sechs Termine.“ Dass es so wenig wurden, mag auch an dem Wohlwollen ihres Fahrlehrers gelegen haben, der zwar durchaus das Talent der jungen Dame anerkannte, aber auch wusste, dass der Schein nicht so teuer werden durfte. Die theoretische Prüfung lief sauber ab, die Bögen mit null Fehlern abgehakt, und so durfte sich die junge Frau nach sechs Lehr-Fahrten ans Lenkrad setzen. Das Fahrzeug, der VW Käfer, war ihr wohlvertraut, doch kaum saß sie, hörte sie eben diese energische Stimme ihres Prüfers mit besagten Anweisung des Mannes auf dem Rücksitz. „Gas geben und los!“

Gesagt getan, setzte die Kandidatin das Gefährt forsch in Bewegung, guckte glücklicherweise aber noch einmal nach links und rechts, und verhinderte damit einen Start mit fast fatalen Folgen. „Eine junge Frau mit Kinderwagen kreuzte die Straße, ich hätte sie, wäre ich losgefahren, zweifelsohne erwischt“, so Gertrud Bieber. Hat sie dann aber doch nicht, weil der Fuß rechtzeitig auf der Bremse stand. Dennoch musste sich die 24-Jährige von dem Kommandeur auf dem Rücksitz, der die Szenerie wohl  wahrgenommen hatte, einen Spruch gefallen lassen. „Haben Sie etwas gegen Kinder?“ Ihr Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz nahm es locker und rettete damit wahrscheinlich die Situation: „Warum sollte sie? Sie arbeitet doch hier in der Kinderklinik!“

Mit der Familienkutsche bis nach Griechenland

Die Autofahrerin in spe ließ sich auf ihrer halbstündigen Prüfungsfahrt durch die Großstadt Mainz allerdings nicht aus dem Rhythmus bringen und brachte nachfolgend den VW Käfer sicher ins Ziel. „Es gab keine Beanstandungen“, lachte Gertrud Bieber rückblickend. Sicher? „Beim Rückwärtseinparken musste ich einmal korrigieren“, gibt sie zu. Weitere Sprüche von Prüfer und Fahrlehrer blieben aber aus.

Autofahren, daran hatte Gertrud Bieber stets viel Spaß. „Ob VW Käfer oder die berühmte hässliche Ente mit der Revolverschaltung, ich war und bin bis heute gerne unterwegs.“ Mit ihrem Mann und dann später auch mit den Kindern zuckelte sie im VW Käfer bis nach Griechenland. Auch an die erste Familienkutsche, natürlich ebenfalls ein VW Käfer, gibt es viele Erinnerungen: „Den zu fahren, war schon anspruchsvoll, weil der noch mit Zwischengas lief.“

Kein Problem mit Linksverkehr

Die Herausforderungen wurden nicht weniger. Das Ehepaar Bieber zog es beruflich nach England. Links fahren, wie lief das denn? „Kein Problem“, lacht Gertrud Bieber. Mutig setzte sie sich damals ans Steuer und irgendwann war es eine reine Frage der Gewohnheit. „Die Engländer sind irgendwie entspannt, haben das deutsche Kennzeichen stets toleriert und im Straßenverkehr Rücksicht genommen.“ Und doch drohte dann Ungemach. Fünf Jahre lang – Ende der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre – fuhr Familie Bieber auf der linken Spur durch das Königreich, hatte es aber versäumt, vorschriftsmäßig den Führerschein bei der britischen Zulassungsstelle umschreiben zu lassen. „Somit war der Schein ungültig“, wusste Gertrud Bieber.

Das sollte für reichlich Unruhe sorgen, als Gertrud Bieber das Fahrzeug im Parkverbot abstellte – und der Führerschein fällig war. Was tun? Pastor Bieber machte sich so seine Gedanken, ließ in der Gemeinde ein paar Kontakte spielen und so lief das gesamte Verfahren unfallfrei ab. „Ein Bekannter meines Mannes hat uns da freundlicherweise und sehr unbürokratisch aus der Patsche geholfen“, so Gertrud Bieber vielsagend. Der Führerschein blieb in ihrem Besitz.

Nun ist der „Lappen“ doch weg

Eigentlich ein Happy-End, wie das Foto mit Gertrud Bieber und ihrem alten „Lappen“ zeigt. Doch auch das ist schon wieder Geschichte. Das Foto im Kasten, die Zeilen des Gesprächs im Block, klingelte einige Zeit später das Telefon in der Redaktion, am anderen Ende der Leitung Gertrud Bieber: „Mir wurde die Tasche mit sämtlichen Papieren, darunter der Führerschein, gestohlen.“ Und nun? Der „Lappen“ ist weg, nach über 50 Jahren. Aber, kleines Glück im Unglück, es gibt eben doch noch ein letztes Foto mit dem vertrauten Dokument, verbunden mit einem herzlichen Gruß von dieser Stelle. Manchmal schreibt das Leben ganz eigene Geschichten.

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