In Walle steht das mit 400 Jahren wohl älteste Lokal im Kreis Verden

Mit der Lizenz zum Bierausschank

Helmut Schulz blättert in seinem Ordner.
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Helmut Schulz hat einiges an Waller Geschichte(n) zusammengetragen, auch über den Alten Krug.

Den Alten Krug in Walle, Dorfkneipe, Restaurant mit Saalbetrieb und Kegelbahn, schloss im März 2007. Doch bis heute wird am selben Standort Bier ausgeschenkt, heute in der Asien-Perle. Insgesamt kann die Gastronomie an dieser Stelle auf eine 400-jährige Geschichte zurückblicken.

Verden-Walle – Familie Chang Xu staunte nicht schlecht, als André Rüttgerodt und Uwe Dühr, erster und zweiter Vorsitzender der Kyffhäuser-Kameradschaft Walle, ihnen als Inhabern der Asien-Perle an der Waller Heerstraße Zinnteller und Blumenstrauß überreichten. Beim Blättern in der Chronik der Ortschaft, Anfang der 80er-Jahre erstellt von Otto Voigt, war Rüttgerodt eine besondere Jahreszahl ins Auge gefallen.

Demnach hat Bischof Philipp Sigismund 1621 Heinrich Nacke und dessen Erben eine sogenannte „Kruggerechtigkeit“ erteilt, die Konzession, in Walle Bier zapfen zu dürfen. Und zwar genau dort, wo sich heute die Asien-Perle befindet.

Die Kyffhäuser als Gratulanten: der zweite Vorsitzende Uwe Dühr (l.) und der erste Vorsitzende André Rüttgerodt (r.) mit Familie Chang Xu.

Das Lokal der Chang Xus ist so vermutlich „der älteste Gasthof im Verdener Raum“, wie Voigt es einst in der Chronik notierte. Und die kleine Abordnung der Waller Kyffhäuser gratulierte den beiden Gastronomen zu nichts Geringerem als zum 400-jährigen Bestehen der Lokalität.

Anlass für Heinrich Nacke, sich um eine Schankerlaubnis zu bemühen, war nach Otto Voigts Vermutung „eine Reitpostroute der Kaiserlichen Post Thurn und Taxis“. Die Strecke von Hamburg bis nach Köln berührte auch Walle.

Mit der „Kruggerechtigkeit“, schriftlich fixiert auf einer schweinsledernen Urkunde nebst Siegeln, bescherte der Bischof seinem „lieben getreuen Heinrich Nacke“ eine Art Monopol. Denn niemand außer ihm und seinen Erben sollte der Bierverkauf in Walle gestattet sein.

Lange Zeit ein Monopol

Allerdings wollte Chronist Voigt nicht ausschließen, dass zeitweise auch auf anderen Höfen „Bier und Branntwein gegen Bezahlung ausgeschenkt wurden“. Als Beleg nennt er einen Antrag des Halbmeiers Johann Hinrich Müller auf „Erteilung der Koncession zur Krugnahrung“ von 1814. Müller hatte während der Franzosenzeit offenbar die Erlaubnis für einen sogenannten Nebenkrug gehabt und berief sich nun in seinem Antrag darauf.

Einer der Nachfahren Heinrich Nackes, der Kröger Johann Hinrich Schloo, erhob allerdings Einspruch. Er bekam Recht. Ein zweiter Krug in Walle sei „unthunlich“, entschied die hannoversche Regierung am 2. April 1814.

Auch als Ausflugsziel beliebt: Motorradfahrer aus Ahausen machten um 1937 am Alten Krug in Walle Station.

Auch der zweite Versuch Müllers sieben Jahre später, die Erlaubnis für einen Nebenkrug zu bekommen, scheiterte. Dabei hatte der Antragsteller diesmal schwere Geschütze aufgefahren und sich Unterstützer unter den Wallern gesucht. Ihre Behauptungen, Kröger Schloo würde sein Lokal schlecht führen, erwiesen sich aber offenbar als haltlos. Mit der Begründung, dass ein zweiter Krug in Walle „für nicht statthaft zu halten ist“, wurde der Antrag Müllers abermals abgelehnt.

1872 erhielt der zweite Wirt eine Schankerlaubnis

Erst 1872 sollte das Dorf ein zweites Lokal erhalten. Am 11. April des Jahres erhielt Hermann Hinrich Rosebrock vom Kreisausschuss Verden die Konzession für einen Kleinhandel mit Branntwein. Das war die Geburtsstunde des Schützenhofes. Drei Jahre zuvor war Rosebrock mit seinem Ansinnen noch gescheitert. Trotz Unterstützung der Bevölkerung, die sich eine zweite, im Dorf gelegene Schankwirtschaft wünschte. Und trotz der Empfehlung des Amtsvogtes, der Rosebrock eine Eignung zum „Schenkwirt“ attestierte.

In der „Chronik des Dorfes Walle“ von Otto Voigt verliert sich nun die Spur des Alten Kruges. Helmut Schulz aber, Mitglied des Heimatvereins, hat in den zurückliegenden Jahres einiges über die Geschichte(n) der Ortschaft zusammengetragen. Sein Material und viele handschriftliche Notizen füllen mittlerweile ein Dutzend Ordner.

Heute Bundesstraße, früher Reitpostroute: Dieser Lage ist vermutlich die Schankerlaubnis zu verdanken.

Einer dieser Ordner beinhaltet auch die Historie der „Gaststätten und Bewirtungen“ nach 1945. Zu dem Alten Krug sind hier vor allem Dokumente aus jüngerer Vergangenheit zu finden. Zeitungsartikel, ein paar Schnappschüsse von Kindern vor dem Eingang des Lokals. Und auch Flyer, mit denen Helga und Ralf Förstmann für „Restaurant – Bundeskegelbahnen – gepflegte Küche“ werben. „Das Ehepaar Förstmann führte das Anwesen bis 10.03.2007“, hat Helmut Schulz daneben handschriftlich notiert und hinzugefügt: „Die letzten Gäste waren die Mitglieder des SoVD, die hier am Nachmittag zur Jahreshauptversammlung mit Kaffee und Kuchen eingeladen hatten.“

Das Dorf feierte im Saal seine Bälle

Dreieinhalb Jahre passierte nichts mehr an der Waller Heerstraße 58. Im September 2010 erwarb dann der Bassener Kfz-Meister Niels Duhn die Immobilie im Zuge einer Zwangsversteigerung. Noch im selben Jahr feierte der TSV Walle dort in Eigenregie einen Winterball. Ein kleines Plakat im Ordner von Helmut Schulz lädt außerdem für den 27. März 2011 zum „Waller Tanzday“ mit dem „Happy Solo Orchester“ ein.

Nicht aufgeschrieben hat er 87-jährige Schulz seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Alten Krug. „Die ganzen Feiern wurden dort abgehalten“, berichtet der Senior. „Maskenbälle, Feuerwehr- und Turnerbälle. Das war ‘ne schöne Zeit.“ Und auch wenn er über die jetzigen Besitzer des Lokals sagt: „Die sind sehr nett.“ Obwohl er das asiatische Essen mag – „Ich hol’ mir da auch manchmal was“ – , so muss Helmut Schulz doch seufzen bei dem Gedanken, dass 2007 mit dem Schließen des Kruges als Dorfkneipe und Restaurant mit Saalbetrieb eine Ära zuende ging. „Das fehlt uns schon“, sagt er.

Besonders präsent ist Schulz die Zeit, als Anfang der 50er-Jahre Lotti Israel das Lokal gepachtet hatte – und dort ein TV-Gerät aufstellte. „Die hatte den ersten Fernseher hier in Walle“, erinnert er sich. Diese Besonderheit zog. „Am Wochenende war das halbe Dorf in der Kneipe.“ Geguckt wurde alles. „Hauptsache fernsehen. Wir waren hungrig danach.“

Ob das der Wirtin hohe Umsätze brachte? Jedenfalls nicht durch Helmut Schulz und seine Altersgenossen. Die saßen zu Füßen der Erwachsenen, um wie gebannt Peter Frankfeld und Co. zu verfolgen, „den ganzen Abend bei einer Sinalco“.

Schulz, geboren in Westpreußen, kam als Zehnjähriger nach Walle. Der Lazarettzug, mit dem er und seine Familie geflüchtet waren, wurde in Dauelsen von Tieffliegern angegriffen. So landeten die Schulzes in Walle statt, wie geplant, in Bremen-Oberneuland.

Sein Vater sei der letzte Schuhmacher der Ortschaft gewesen, berichtet Helmut Schulz. Auch er selber habe dieses Handwerk noch erlernt, dann aber einer festen Anstellung bei der Firma Effem, heute Mars, den Vorzug gegeben. Als Rentner befasst sich der 87-Jährige nun intensiv mit der Vergangenheit seines Heimatortes. Zwei Plakate mit Fotos von Häusern, Gewerbe und öffentlichen Einrichtungen, eins angefertigt von Waller Grundschülern, veranlassten Helmut Schulz, das Thema zu vertiefen, „um der Nachwelt diese Erinnerung zu erhalten“.

Die Krug-Wirtinnen und -Wirte nach 1945:

• Ab 1945: Wirt Hans Lührs wird als Soldat im Zweiten Weltkrieg vermisst; seine Schwester Irma Lühring geb. Lührs und ihr Mann führen das Lokal bis 1950.

• 1950 bis 1952: Pächter Eduard Vollmecke.

• 1952 bs 1954: Pächterin Lotti Isreal.

• 1954 bis 1961: Wirt Hermann Thieme, danach Johann Lühring.

• 1974 bis 1987: Sohn Günter Lühring.

• 1988 bis 10. März 2007: Helga Förstmann (Tochter von Günters Frau Hannegret L.)

• 22. September 2010: Niels Duhn aus Bassen erwirbt das Lokal bei einer Zwangsversteigerung. Den Krug konnte man nun für Veranstaltungen mieten.

• 16. September 2011. Der chinesische Gastronom Xiao Wu erwirbt die Immobilie für 200 000 Euro. Nach Umbau öffnet das Lokal am 27. Januar 2021 als Asien-Perle.

• Jinying Xu übernimmt im Dezember 2017 das Lokal, das er ab Januar 2018 weiterführt.

Quelle: Helmut Schulz

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