Bei Minusgraden im Winter rücken die Menschen am Feuer eng zusammen

Gegen Kälte ein kräftiger Schluck „Hoppelpoppel“

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Dr. Björn Emigholz blätterte in uralten Rezeptbüchern.

Verden - Von Markus Wienken. Minustemperaturen, Schneeberge vor den Haustüren, eisiger Wind: Als der Winter seinem Namen noch alle Ehre machte, zog sich der Mensch an sein Feuer zurück und – trank. „Alkohol, und zwar hochprozentig, war ein beliebtes Rezept, um sich warm zu halten“, weiß Dr. Björn Emigholz, Leiter des Historischen Museums, Domherrenhaus. Wir haben zwar nicht getrunken, aber mal ein wenig in Büchern geblättert.

Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. „Das war aber nicht immer so einfach umsetzbar“, weiß Emigholz. Die Weihnachtszeit sei früher vielmehr eine Fastenzeit gewesen, schreiben die Chronisten. Nur wenn der Sommer gut, die Ernte reichhaltig und die Scheunen voll waren, konnte auf dem Lande geschlemmt werden. „Doch die Zeiten im 17. bis 19. Jahrhundert, insbesondere die Winter, waren nicht immer gut“, so Emigholz. „War die Ernte schlecht, dann war sie schlecht, das ließ sich, weil die Vegetation ruhte, im nachhinein nicht mehr ändern.“ Für die Menschen ging es darum, „irgendwie durch die kalte Jahreszeit zu kommen, wohlwissend, dass die Familie im Frühjahr nicht mehr vollzählig um den Küchentisch sitzen wird“.

Die Kälte und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit muss die Fantasie der Menschen beflügelt haben. „Draußen Minustemperaturen im zweistelligen Bereich, drinnen waren es am Feuer vielleicht nur vier, fünf Grad wärmer, da rückte man enger zusammen, erzählte sich Geschichten und trank.“

Vor allem Rum in allen Variationen stand auf dem Tisch. „Meist griffen die Menschen auf Arrak zurück“, so Emigholz. Arrak ist eine aus reinem Palmsaft oder Zuckerrohr und Reismaische destillierte Spirituose mit 35 bis 70 Volumenprozent Alkohol. Die Arrak-Produktion beschränkt sich heute hauptsächlich auf Sri Lanka, Indonesien und einige südostasiatische Länder, wobei Herstellungsweise und Zutaten von Land zu Land variieren. Arrak wird aromatisch und geschmacklich oft zwischen Whiskey und Rum eingeordnet und ist Hauptbestandteil von traditionellem Punsch.

Hauptsächlich per Schiff wurde es damals in die europäische Region geliefert – und fand dort dankbare Abnehmer. Mary Hahn hat in einer Ausgabe von 1922 festgehalten, wie das hochprozentige Getränk zu verarbeiten ist. Der „Warme Hoppelpoppel“ macht seinem Namen alle Ehre. Ein Liter süße Sahne, dazu ein Stück Vanille und Zitronenschale, langsam zum Kochen bringen, dazu 200 Gramm Zucker, sechs bis acht Eigelb mit etwas Milch und dazu einen halben Liter Arrak geben, wenn zur Hand, dann auch Cognac.

Aber es geht noch härter: Sechs ungeschälte, gereinigte Zitronen in dünne Scheiben schneiden, die Kerne entfernen, dazu ein Liter Arrak geben und sechs Stunden ziehen lassen. Danach werden die Zitronen, ohne sie zu pressen, aus dem Rum gefischt, 500 Gramm Zucker, aufgelöst in kochendem Wasser, dazu geben – fertig ist der Arrakpunsch. Davon sollte einem richtig warm werden.

Ob es auch gesund ist? „Der Mensch in damaliger Zeit, im 18. oder 19. Jahrhundert, hatte ein ganz anderes Bewusstsein. Wo wir heute auf unsere Fitness, auf unseren Körper achten, war das zu damaliger Zeit völlig belanglos. Man musste nicht 80 Jahre alt werden“, so Emigholz.

Aber es geht auch ohne Alkohol. Beim weiteren Stöbern in der Bücherei stieß Emigholz auf ein Kochbuch, das der Verdener Kaufmann Julius Wiebols als Werbegeschenk an seine treue Kundschaft Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts verteilt haben muss. Wiebols handelte im Haus in der Großen Straße/Ecke Herrlichkeit mit Stoffen und Tüchern, hatte also beruflich mit Kochen eher wenig zu tun. Vielleicht lag ihm aber an der Gesundheit seiner Kundschaft, denn im Vorwort des Buches heißt es: „Alle kochen mit Wein, während doch sonst in der ganzen Welt mit Wasser gekocht wird. Deshalb habe ich mir die Aufgabe gestellt, es ebenfalls einmal mit dem Wasser zu versuchen, das heißt, an die Stelle der kostspieligen, umständlichen und theilweise sogar unmöglichen Recepte Vorschriften zu geben, welche selbst der scharf rechnen müssenden Hausfrau die Möglichkeit bieten, ihren Hausstand mit guten und schmackhafter Kost zu erfreuen.“ Dem Wohlbefinden der Kundschaft wird es nicht geschadet haben.

Und was trinkt der Museumsleiter zu besonderen Anlässen? „Naja, eine schöne Feuerzangenbowle im Freundeskreis, die schmeckt auch bei milden Temperaturen“, lacht Emigholz. Die klassische Variante, mit Zuckerhut, Rum drauf und ein bisschen Feuer. Zur Nachahmung durchaus empfohlen.

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