Corona-Folgen im Landkreis

Gastronomie und Co.: Minijobber verschwinden in neuen Nischen

Zwei Arme füllen am Zapfhahn ein Bierglas.
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Im Lockdown fiel häufig das Einkommen aus dem Minijob ganz plötzlich aus.

Landkreis – „Das ist existenzbedrohend.“ Wie der Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Landkreis, Gördt Glander, stöhnt die komplette Gastronomie-Branche unter dem Mangel an Personal. Vom Zimmermädchen über Kräfte in der Bedienung bis hin zu ausgebildeten Hotelfachleuten, eigentlich fehlt alles. Vor allem aber macht Wirten und Hoteliers der Mangel an Aushilfen und Minijobbern, die unteren Besoldungsgruppen große Sorgen. „Das hat es noch nie gegeben“, klagt der Dehoga-Vorsitzende.

Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen offengelegt, wo es hakt in der Gesellschaft. In der Pflege etwa, bei der Digitalisierung oder bei den Lieferketten in der globalen Wirtschaft und so einiges mehr. Nach eineinhalb Jahren Pandemie treten jetzt aber auch Folge-Probleme zutage. Während die Wirtschaft nach den Lockdowns wieder versucht, Fuß zu fassen, wird deutlich, dass die Mitarbeiter, vor allem die in Minijobs, nicht mehr in dem Maße zu finden sind, wie Arbeitgeber sie mittlerweile wieder benötigen.

Das gilt offenbar besonders in der Gastronomie. Dankbar blickt Gördt Glander auf das zurückliegende Jahr zurück, in dem die Bundesregierung mit Sonderregelungen zu Kurzarbeit und Verdienstausfällen den Betrieben geholfen habe, die Krise zu überstehen.

Minijobber und Kurzarbeiter suchen Alternativen

Die Mitarbeiter allerdings mussten auch mit der Krise zurechtkommen. In den geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen waren sie die ersten, denen das Einkommen wegbrach, als am Zapfhahn niemand mehr gebraucht wurde und keine Speisen an Tische zu bringen waren. Auch in der Kurzarbeit reichte einigen das Geld nicht, um im Lockdown durchhalten zu können. Kein Wunder also, dass sie sich anderweitig umsahen und fündig wurden. Jetzt sind viele versorgt und fehlen da, wo sie früher gebraucht wurden.

Die aktuelle Krise ist ein Alarmsignal. Minijobberinnen und Minijobber wurden in der Pandemie als erste vor die Tür gesetzt, als viele Betriebe Kurzarbeit angemeldet haben“, bewertet Boris Krahn, Vorsitzender im DGB-Kreisverband Verden, die Lage. Ende 2020 habe es im Landkreis Verden 11 339 Minijobberinnen und Minijobber gegeben, hat die DGB Region Bremen-Elbe-Weser aus Statistiken im Regionalreport der Agentur für Arbeit herausgelesen, wie Ines Gallein aus dem Bremer Gewerkschaftsbüro bestätigte. Die Zahl der Minijobber habe ein Jahr zuvor noch um 814 geringfügig Beschäftigte höher gelegen.

Vor allem im verarbeitenden Gewerbe und der Metall- und Elektroindustrie sei ein hoher Rückgang der Minijobs zu verzeichnen gewesen. „Das bedeutet: Hunderte Verdener und vor allem Verdenerinnen haben in der Corona-Pandemie ihre Jobs verloren und landeten zum Teil in Hartz IV“, kommentiert der Gewerkschaftsbund.

Reform des „Systems Minijob“

Dass er daraufhin fordert, „das System Minijob“ zu reformieren verwundert indes nicht. Schon lange stehen prekäre Beschäftigungen wie diese in der Kritik, weil sie einen willkommenen Zuverddienst schaffen, aber einen minimalen oder gar keinen Beitrag zur sozialen Absicherung der so Beschäftigten leisten. „Dem vermeintlichen Vorteil eines Brutto-für-Netto-Verdienstes stehen Niedriglöhne und Altersarmut gegenüber. Vor allem Frauen wird durch diese Fehlanreize die Möglichkeit einer eigenständigen Existenzsicherung verwehrt. Minijobs sind ein Relikt anderer Zeiten und müssen dringend reformiert werden“, äußert sich Krahn in der Pressenotiz des DGB.

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Dass viele Minijobber im Lockdown als erste ihre Jobs und damit auch Einkünfte verloren haben, kann auch Petra Schütte bestätigen. Die Fachdienstleiterin im Kreishaus ist als Vorständin der ALV Mitverantwortliche für das kommunale Jobcenter im Landkreis und weiß von den Freisetzungen. Vor allem in den betroffenen Branchen, dem Gastgewerbe etwa.

Und wie der Gewerkschaftler Krahn es andeutet, ist die Steigerung der Arbeitslosigkeit bei den auf Grundsicherung angewiesenen Klienten in der Statistik der ALV durchaus wiederzufinden. Mit Ausbruch der Pandemie im März schießt die Zahl der Arbeitslosen innerhalb von drei Monaten in die Höhe. Parallel verlief auch die Kurve für die Kundschaft von Petra Schüttes Fachbereich Arbeit, die Sozialleistungen bezieht, Arbeitslosengeld 2 beziehungsweise Grundsicherung. Das aber seien nicht nur Ergebnisse der Freisetzung im Lockdown. „Viele Kräfte, unter anderem auch Geflüchtete, kehrten als arbeitslos in die Statistik zurück, weil ihre Qualifizierungen oder Sprachkurse nicht mehr stattfinden konnten“, erklärt die Vorständin.

Ende des Jahres auf Tiefststand

Die Zahlen allerdings normalisieren sich im Laufe des Jahres. Bis Juni verzeichnete die ALV einen Anstieg auf 7416 Personen im Leistungsbezug, immerhin fast 440 Betroffene mehr. Von da an sanken die Zahl stetig, sodass Ende des Jahres nur noch 6 609 Klienten des Jobcenters Grundsicherung erhielten. „Ein Tiefststand“ in der ALV-Statistik, stellt der Eingliederungsbericht für das vergangene Jahr zufrieden fest.

In dem Zusammmenhang wies Petra Schütte auf Nachfrage auf einen weiteren Effekt in der Rechnung hin. Es werde jedem einleuchten, dass man von den meist 450 Euro im Minijob nicht leben leben kann. Oft haben Arbeitnehmer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, das Einkommen sei aber zu gering, sodass sie trotz Arbeit noch Anspruch auf Sozialleistungen haben. können.

Rund ein Viertel der Berechtigten verfügt über ein Erwerbseinkommen und stockt dieses auf“, vermittelt der Eingliederungsbericht einen Eindruck von der Zahl der Betroffenen. Im Juli, so die aktuelle Statistik der ALV, erhielten 973 „Aufstocker“ diesen Zuschuss aus der öffentlichen Kasse. „Manche schaffen es aber auch, mit einem zusätzlichen Minijob aus dem Leistungsbezug zu kommen“, erklärte Schütte. Und die seien dann sofort wieder auf die Unterstützung angewiesen gewesen, als der Minijob wegfiel.

„Wenn es ging, haben sich die Leute neu orientiert und eine andere Nische gefunden“, erklärt Schütte die weitere Entwicklung. Manche hätten sogar, durch die Not zum Umdenken veranlasst, Gelegenheiten gefunden, in sozialversicherungspflichtige Jobs zu wechseln, die ihnen nun ein höheres Einkommen sicherten. All diese Kräfte stünden jetzt nicht mehr für die Thekenjobs oder andere geringfügige Beschäftigungen zur Verfügung.

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