1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden
  4. Verden

Million für Verdener Schwurgerichtssaal

Erstellt:

Von: Heinrich Kracke

Kommentare

Mann in historischem Gerichtssaal
Am Ort der kommenden Arbeiten: Der neue Landgerichtspräsident Thomas Glahn im historischen Schwurgerichtssaal. © Kracke

Der Schwurgerichtssaal ein Sanierungsfall, die Justizgebäude in erbärmlichem energetischen Zustand. Der neue Landgerichts-Präsident Thomas Glahn sieht sich auch als Bauherr.

Verden – Manchmal führt er Besucher durch die Häuser und öffnet Türen. Thomas Glahn (53) pflegt dann etwa den Mittelbau zwischen Amts- und Landgericht anzusteuern. Schon öffnet sich ein Stück Nachkriegshistorie. Ein Raum, der mal Toilette war, und aus der Zeit gefallen ist. Ein Sanierungsfall. Und das Fenster dahinter auch. Risse im Glas, noch hält es irgendwie. Und alles kein Einzelfall. „Akten auf die Fensterbretter abzulegen, das geht nicht. Sie würden nass werden.“

Lange brauchte der neue Präsident am Landgericht Verden nicht für diese Erkenntnisse. Genaugenommen einen Tag. Vor vier Wochen war er als Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Dr. Gerhard Otto in dessen Büro eingezogen, sagt er, und hatte sich gleich auf Tour durch die Abteilungen mit ihren insgesamt rund 400 Beschäftigten am Justizstandort Verden begeben. Eine Tour auf vielen Treppen, langen Fluren, zuweilen verwinkelten Gängen. Konditionell für ihn kein Problem. Als Fußballer spielte er für die Amateure von Hannover 96 in der vierten Liga. Diese Fitness ist geblieben. Andere mögen für einen solchen Marathon mehrere Etappen an mehreren Tagen brauchen, Glahn gehört nicht dazu. „Am ersten Tag bin ich in allen Büros gewesen und habe mit allen gesprochen.“

Ein wenig bestätigte sich bereits, was ihm vor dem Antritt an der Aller zugetragen wurde, und was er auch selbst erlebt hatte. Als Leiter des Zentralen IT-Betriebs Niedersachsen besuchte er zuweilen Verden. „Mir ist die offene Art in Erinnerung, die hier gepflegt wird.“ Assessoren, oftmals auf Zwischenstation in der Domstadt, und dann ausgeschwärmt in alle Landesteile, bestätigten ihn. „Verden ist als Justizstandort in aller Munde. Ein schönes Arbeiten, das sagen die meisten.“ Er habe, sagt Glahn, eine gute Mischung aus Personalführung und Basis gesucht, das liege ihm, das bereite ihm Spaß. „Ich hab‘ mich deshalb gern auf Verden beworben.“ Die Vorschusslorbeeren für den Sitz an der Allermündung trogen nicht. „Es gibt keine räumliche Trennung der Justizstandorte, das trägt zu der angenehmen Atmosphäre bei.“

Eine besondere Herausforderung ist Verden dennoch. Vor 23 Jahren wurde Glahn zum Richter ernannt, wenige Jahre später wechselte er nach Hannover, zunächst ins Landgericht, dann zum Justizminister, vor sieben Jahren die Ernennung zum Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht Oldenburg, nebenbei die Zeit als IT-Leiter, jetzt kommt eine nächste Sparte hinzu. Auf seinem Rundgang durch die Häuser ist Glahn an einem der Schmuckstücke angekommen, am historischen Schwurgerichtssaal, einem der vermeintlichen Schmuckstücke. Aber wo die lange Verdener Justizgeschichte aus jedem Stück Stuck strotzt, aus jedem Ornament, da ist längst Ernüchterung eingekehrt. Kabel ohne Ende auf dem Boden verteilt und mühsam überdeckt, Teppichböden, die bessere Zeiten erlebt haben, Anklagebänke, die aus allen Nähten platzen, notdürftige Trennung der Besuchersitze. Auf eine Tätigkeit als Bauherr stellt er sich ein. Vier Wochen nach seinem Amtsantritt kennt er auch schon die Dimension. „Drei Jahre werden wir mindestens benötigen, um den Standort Verden zu sanieren.“ Und mittendrin der Schwurgerichtssaal, zum Teil denkmalgeschützt. „Das ist nicht mit zwei Eimern Farbe getan.“ Allein dafür kalkuliere man inzwischen einen Millionenbetrag. „Das wird kein Renovieren, es wird ein Restaurieren.“

Den Schlachtplan hat er im Groben schon im Kopf. Zunächst beziehe die Staatsanwaltschaft ihr neues Domizil am Allerufer im alten Gaswerk, bis zum Frühjahr soll das der Fall sein, anschließend werde der Mitteltrakt zwischen Amts- und Landgericht freigeräumt und saniert, in etwa gleichzeitig sei der Schwurgerichtssaal an der Reihe, ehe es schließlich an die Fassade des Amtsgerichts gehe. Alles kein einfaches Terrain. Die Vorgaben des Oberlandesgerichtes, des Justizministeriums, des staatlichen Baumanagements, sie alle müssen unter einen Hut gebracht werden, die Mitarbeiter seien ebenfalls mitzunehmen. „Keiner sieht es gern, wenn er sein Bürozimmer aufgeben muss, gleichzeitig drohen während der Bauphase Dreck und Lärm. Aber immerhin, es gibt wenig Leute hier in den Häusern, die den Umbau sehr kritisch sehen“, sagt Glahn.

Er ist wieder in seinem Büro eingetroffen. An den Wänden noch Bohrlöcher, die notdürftig geschlossen wurden. „Ich muss es noch einrichten.“ Und schon ist sie da, die offenbar einzige Frage, die vier Wochen nach seinem Dienstantritt noch auf eine Antwort wartet. „In Hannover, da haben wir im Gericht einen Blickfang mit dem Signet von Hannover 96 geschaffen. Es ist aufwändig auf Glas gearbeitet.“ Auch vergangenen Sonnabend habe er mit seinem Sohn in der Arena gesessen, habe gegen Braunschweig mitgefiebert, in der Nordkurve natürlich, Dauerkarte. „Ich überlege jetzt“, sagt Thomas Glahn, „ob an die Wand nicht ein Statement für die Roten muss.“ Sicher sei er sich nicht. „Ich habe gehört, in Verden überwiegt grünweiß.“

Auch interessant

Kommentare