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Serie Hinterm Tresen: Metal-Fan mit Maler-Vergangenheit

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Von: Katrin Preuß

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Seit mehr als 30 Jahren ist Heike Bockelmann hinterm Tresen der Classic Tankstelle am Berliner Ring anzutreffen. Als die Verdenerin dort anfing, firmierte diese noch unter dem BP-Zeiohen.
Seit mehr als 30 Jahren ist Heike Bockelmann hinterm Tresen der Classic Tankstelle am Berliner Ring anzutreffen. Als die Verdenerin dort anfing, firmierte diese noch unter dem BP-Zeiohen. © Preuß

Sie servieren uns unser Essen; sie nehmen uns beim Arzt im Empfang, sie wiegen für uns die Wurst ab, tüten Brötchen ein, empfehlen uns spannende Bücher, beraten und informieren uns. Ihre Gesichter sind uns oft seit vielen Jahren vertraut, und doch wissen wir nur wenig über die Menschen hinterm Tresen. Das möchten wir ändern und in dieser Serie einige von ihnen vorstellen.

Verden - Der Bulli auf dem Garderobenhaken, als Fotocollage, als Eierbecher inklusive Salzstreuer in Form eines Surfbretts, der Bulli auf dem Kuschelkissen, als Legobausatz und sogar als Tattoo auf dem linken Oberarm. Ganz klar, Heike Bockelmann hat ein Herz für VW Busse, fuhr selber jahrelang welche und war sogar mal die zweite Vorsitzende eines Bulli-Vereins. Freundinnen und Freunde griffen daher bei Geburtstagen gerne auf Bus-Geschenke zurück. Bis die Verdenerin ihnen irgendwann signalisierte, dass es nun doch genug damit sei.

An ihren letzten Bulli erinnert noch der Teil einer Stoßstange, den Heike Bockelmann an die Wohnzimmerwand gehängt hat. Ein T4 California, „rot mit weißen Streifen, der einzige hier“, betont sie. „Damit sind wie ganz viel weggefahren“, berichtet sie mit Wehmut in der Stimme. Vor vier Jahren musste sie sich schweren Herzens von dem Bus trennen. Die Reparaturkosten überstiegen irgendwann einfach das Budget der alleinerziehenden Mutter.

Geblieben ist das Faible für das Kult-Fahrzeug. Es passt zu ihrem Beruf. Die 56-Jährige arbeitet bei einer Tankstelle. Seit rund 30 Jahren steht sie hinterm Tresen der Classic am Berliner Ring.

Gelernt hat die gebürtige Armserin allerdings den Beruf einer Malerin und Lackiererin. Nur noch ein weiteres Mädchen habe seinerzeit mit ihr gemeinsam die Berufsschulklasse besucht, erinnert sich die Verdenerin lächelnd daran, dass das weibliche Geschlecht deutlich unterrepräsentiert war.

Das und der oftmals doch raue Ton im Handwerk veranlassten sie als 18-Jährige, nach Abschluss der Lehre den Beruf zu wechseln. Denn „ganz so selbstbewusst wie heute war ich damals noch nicht“. Mittlerweile, auch mit Blick auf die Trennung von ihrem Mann vor elf Jahren, sagt sie: „Wenn man viel alleine schaffen muss, für vieles verantwortlich ist, dann wächst man.“

Nach der Malerlehre ging es für die junge Frau in den Einzelhandel, in den heute noch Aller-Markt genannten Rewe, damals Extra, in Verden-Borstel. 19 Jahre lang war sie dort tätig, einige Zeit davon auch in der zum Markt gehörigen Cafeteria. Nebenbei fing Heike Bockelmann da schon an, bei der Tankstelle zu arbeiten.

Gutes Betriebsklima und viele nette Stammkunden

Hinterm Tresen zu stehen, das scheint einfach „ihr Ding“ zu sein. „Ich arbeite gerne mit Menschen“, bestätigt sie. „Im Büro zu sein, das wäre nicht meins.“ Das gute Betriebsklima und die vielen netten Stammkunden tragen ihr Übriges dazu bei, dass Heike Bockelmann ausgesprochen gerne zur Arbeit geht.

Die fröhliche Blondine steht mit beiden Beinen fest im Leben, eine freundliche Frau, die gerne lacht, die es liebt zu feiern, die aber auch ihren Standpunkt zu verteidigen weiß. Beispielsweise dann, wenn ein Kunde meint, seinen Frust über die Corona-Verordnungen an ihr auslassen zu müssen.

In der Pandemie zeigte mancher sich von einer anderen Seite

In den zurückliegenden zwei Jahren, so sagt sie ein wenig traurig, habe sie die Menschen von einer anderen Seite kennengelernt, aggressiv, schimpfend. „Ich würde mir wünschen, dass die Kunden respektvoller uns gegenüber sind.“

Klar, auch die enorm gestiegenen Sprit-Preise sind bei Gesprächen übern Tresen immer wieder Thema. Vor allem Unverständnis über die Energiesteuer werde geäußert, berichtet Heike Bockelmann. Sie kann das verstehen, zumal ja viele auf das Auto angewiesen seien. Sie sagt aber auch: „Wir sind im Klimawandel. Wenn das Geld da ankommt, wo’s hin soll, dann ist es gut.“

Wenn sie von ihrer Arbeit berichtet, wird die enge Verbundenheit mit der Tankstelle deutlich. In drei Jahrzehnten ist an dem Standort am Berliner Ring viel passiert. Er wurde um- und ausgebaut, wechselte von BP zu Classic – und ist seit 13 Jahren auch Poststelle. „Wir sind vollumfänglich“, sagt Heike Bockelmann stolz. Soll heißen: Alles außer Postbank-Geschäften kann man an der Tankstelle erledigen.

Der Post und dem damit verbundenen Arbeitsanfall verdankt Heike Bockelmann auch ihre Vollzeitstelle. An einer Tankstelle ja nicht unbedingt der Regelfall.

Festival in Wacken ist natürlich Pflicht

Wenn Wacken ruft, lässt sie allerdings Arbeit Arbeit sein. „Ich bin Metal-Fan“, verrät sie und verweist auf ihr CD-Regal. Die Toten Hosen sind dort genauso zu finden wie Metallica, Motörhead oder AC/DC.

Ihre Liebe zur Musik möchte sie irgendwann auch auf der Haut tragen. VW-Bus und Orchideen, die Lieblingsblumen der Mutter, zieren bereits den Oberarm der 56-Jährigen. Als nächstes plant sie, sich eine E-Gitarre tätowieren zu lassen.

Vorher aber ist das größte Metal-Festival der Welt Pflichtprogramm. „Dieses Jahr ist es wahrscheinlich wieder soweit“, klatscht sie voller Vorfreude auf Wacken in die Hände.

Ein Kumpel leiht ihr sein Wohnmobil, und gemeinsam mit Freundin Iris fährt sie dann Richtung Schleswig-Holstein. Das Festival geht über drei Tage, von Donnerstag bis Samstag. „Man kann aber schon ab Montag anreisen. Und dann groovt man sich so langsam ein.“ Klingt sehr genussvoll, ist aber auch anstrengend. Also nimmt Heike Bockelmann sich noch eine Woche Nach-Wacken-Urlaub, um das Schlafdefizit wieder auszugleichen.

Konzerttickets warten darauf, eingelöst zu werden

Neben der Eintrittskarte für Wacken warten noch sechs weitere Tickets darauf, in diesem Jahr eingelöst zu werden: Im September treffen sich Freunde von Rock und Metal in Eystrup zum „Just for Fun“-Festival. Mittendrin – so Corona will – Heike Bockelmann. Und wenn Iron Maiden im Juli hoffentlich endlich auf der Bürgerweide in Bremen auftreten, will sich die Verdenerin auch das nicht entgehen lassen.

„Zum Glück habe ich einen tollen Freundeskreis“, freut sie sich. Allein unterwegs sein muss sie also nicht, ob nun beim Konzert oder nur beim Kneipenbesuch. Ein neuer Partner wäre trotzdem schön. Aber verbiegen lassen wird sie sich nicht, das wird klar, als sie sagt: „Ich hätte schon gerne jemanden an meiner Seite. Aber nicht auf Teufel komm raus.“

Kontakt

Kennen auch Sie – als Kunde oder Arbeitgeber – eine Verdener „Tresenkraft“, die wir Ihrer Ansicht nach einmal vorstellen sollten? Dann nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf: Telefonnummer 04231/801142 oder per E-Mail an die Adresse redaktion.verden@kreiszeitung.de. Bitte dabei als Stichwort „Hinterm Tresen“ angeben.

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