Marlene Jaschke holt Zuschauer in Verden auch buchstäblich von den Sitzen

Oft kopiert – und unerreicht

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Gar nicht schüchtern: Marlene Jaschke auf der Suche nach dem richtigen Mann. „Herr Manfred“ wurde schließlich zu gemeinsamen Atemübungen verdonnert.

Verden - Mit einem gelungenen Mix aus Comedy, hintergründigen Frotzeleien, Gesang und Musik gastierte Jutta Wülbers, besser bekannt als Marlene Jaschke, am Donnerstagabend bereits zum vierten Mal in der Verdener Stadthalle. Diesmal hatte sie ihr Programm zum 30-jährigen Bühnenjubiläum mitgebracht, mit dem sie die eingefleischten Fans im wahrsten Sinne der Worte von den Sitzen holte.

Ausgestattet mit Kompotthut, eierschalenfarbenem Kostüm, Handtasche und den unsäglichen Gesundheitsschuhen, wurde das Publikum mit einem Marsch durch die verschrobene Alt-Jungfernwelt der Marlene Jaschke unterhalten.

„Ich bin verkauft worden“, erklärte sie dem Publikum, nachdem sie den Piaf-Chanson „Non, je ne regrette rien“ gesungen hatte. Aber was sollte sie auch bedauern? Seit 41 Jahren arbeitet sie schon als Chefsekretärin im Schraubengroßhandel Rieger, Ritter, Berger & Sohn, der jetzt an einen ägyptischen Investor verkauft worden ist. Nun treibt sie die Frage um: Werden die neuen Chefs mich übernehmen?

Begleitet von ihrem Pianisten „Herrn Griebenstroh von der Trinitatis-Gemeinde“, zog die Hanseatin musikalisch wie sprachlich alle Register. Sie plauderte drauf los, stakste linkisch auf weiß bestrumpften Storchenbeinen über die Bühne, sang, was das Publikum aushalten konnte, schmetterte schnutenlippig ein Couplet nach dem anderen, durchwühlte nach Herzenslust die Operettenkiste, stöberte im Volkslied- und Schlager-Fundus und vergriff sich gar an Opern, dass die Funken nur so sprühten.

Herrlich plump waren ihre Tanzbewegungen zur Musik und köstlich ihre unglaublich komische Mimik. „Die hat es wirklich drauf; herrlich“, raunte jemand, just als sich die Jaschke auf „Männersuche“ ins Publikum begab, wo sie ebenso hinreißend wie gekonnt den Balanceakt zwischen Poesie und Comedy wagte. Mit schmachtendem Blick taxierte sie die Herren im Publikum. Kaum hatte sie den richtigen entdeckt, forderte sie Saalbeleuchtung, quetschte sich durch die Reihen und pickte unter dem schadenfrohen Gelächter der „Verschonten“ zielsicher „den oder keinen“ heraus. „Herr Manfred“ nahm‘s mit Humor und wurde schließlich dank gemeinsamer „Atemübungen“ so richtig schön locker.

Die Kunstfigur Jaschke ist seit 30 Jahren unterwegs auf deutschen Bühnen. Ihre Anekdoten aus dem kleinbürgerlichen Leben ziehen sich als roter Faden durch sämtliche Programme und sind für ihre Fans von hohem Wiedererkennungswert. Ebenso wie besagter „Herr Griebenstroh“ als kongenialen Begleiter am Flügel. Ihn hatte die Gute auch in Verden fortwährend im Blick. Doch rückte sie ihm zu arg auf die Pelle, zog der sich stets ungerührt zurück, was wiederum für viele Lacher sorgte.

Für Fans war auch das aktuelle Programm ein großer Spaß, voller Situationskomik, nie unter der Gürtellinie, liebevoll und schlagfertig. Die Komödiantin vom Kiez karikiert mit Marlene Jaschke einen Typ, der bei aller Verklemmtheit nie resigniert, der sich nie selbst hinterfragt und dabei fast hemmungslos offen ist.

Wenn sie mit dem Publikum über sich plauderte, tat sie dies ebenso scheu wie keck. Eine ganz Schlimme, die fortwährend über ihre vermeintliche Schamlosigkeit erschreckte.

Denn was sie teils verschämt erzählte, war so alltäglich und banal, dass man sich darüber kaputt lachen konnte. Vom Ärger im Büro, von der nicht erhörten Liebe zum Kollegen Tamstedt, vom luschigen Ehemann ihrer Schwester („Menschen, die viel Fleisch essen, verwildern“) und immer wieder von ihren verborgenen erotischen Träumen.

Daran ist eigentlich nichts lustig; das ist eher traurig. Aber wie die Jaschke das erzählte, war alles zum Schreien komisch. Ja, die hanseatische Ulknudel gehört eindeutig zum Besten, was dieses Genre zu bieten hat: oft kopiert und doch nicht erreicht.

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