Mahnmal für ermordete jüdische Mitbürger

Die Namen der 56 ermordeten ehemaligen jüdischen Mitbürger sind in die Stele eingraviert.
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Die Namen der 56 ermordeten ehemaligen jüdischen Mitbürger sind in die Stele eingraviert.

Ein paar Wochen ist es her, dass Verdens ehemaliger Bürgermeister Wolfgang Krippendorff seinen 90. Geburtstag feierte. Jetzt meldet er sich von seinem Ruhesitz in Hannover, um an ein Kapitel der Stadtgeschichte zu erinnern, das in seine Amtszeit fällt. Er hat die jüdische Woche des Doz 20 im November im Sinn, zugleich will er ein Missverständnis geraderücken, das sich in die Berichterstattung über sein Jubiläum eingeschlichen hatte.

Verden – „In meiner Zeit als ehrenamtlicher Bürgermeister wurde der Künstlerwettbewerb für das Mahnmal zur Ermordung der Verdener Juden durchgeführt und das Mahnmal dann zügig geschaffen“, erinnert Krippendorff. Die Idee, das Mahnmal zu errichten, stamme jedoch nicht von ihm. Sie sei viel älter und stamme von Carl-Christian Hesse. Der Hönischer habe von der Forschungstätigkeit des heutigen Borsteler Ortsbürgermeisters Jürgen Weidemann erfahren, die die Errichtung des Mahnmals überhaupt möglich gemacht habe: „Jürgen Weidemann, damals Geschichtslehrer an den Berufsbildenden Schulen, hatte der Forschungsdrang erfasst: Wer waren die jüdischen Bürger und wo haben sie gewohnt? Nach dem Fund der ersten Spuren reiste er auf eigene Initiative nach Israel und in die USA. Er fand fast alle noch Lebenden in Israel, Argentinien, Kanada, den USA, den Niederlanden und in Deutschland. Nur so war es später möglich, dass die Stadt ihre früheren Bürger erstmals 1989 zu einem Besuch in ihrer Geburtsstadt einladen konnte, wie das andere Städte schon getan hatten.

Hesse stellte 1986 den Antrag zur Erstellung eines Mahnmals zur Erinnerung an Verdens jüdische Bürger, der aber vom Stadtrat „auf Eis gelegt“ wurde. Die Bereitschaft, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, war in der Mehrheit der Bevölkerung noch nicht vorhanden.

Eine Minderheit aber wurde aktiv und rang dem Stadtrat die erste Einladung der ehemaligen jüdischen Bürger ab. Der Druck kam aus fünf Gruppen: den evangelischen Kirchengemeinden mit Sprecher Pastor Ludolf Ulrich, der Schalomgruppe Verden, dem Verdener Kulturverein, der Geschichtswerkstatt Verden und dem Schulverein des Gymnasiums am Wall.

Nachdem die erste Einladung für 6. bis 13. September 1989 verschickt war, organisierten diese Gruppen, unterstützt vom Kulturamt das erste Treffen. Zum zweiten Besuch kam das katholische Propsteipfarramt St. Josef hinzu und zum dritten Besuch die Friedensinitiative.

Zum ersten Besuch kamen 21 frühere Verdener Bürger, von denen vier Kinder und zum Teil Enkel mitbrachten, insgesamt 47 Personen. Fünf aus Israel und den USA konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen und vier Gesuchte waren noch nicht gefunden worden. Mit Ausstellungen und einem umfangreichen Programm wurde den Gästen das Verden von „heute“ (1989) gezeigt. Hatten die Besucher nur mit Bedenken und Vorbehalten zugesagt, so hat das intensive Miteinander viel zum Abbau beigetragen.

Der zweiten Einladung in die Geburtsstadt Verden vom 1. bis 8. September 1993 folgten 21 ehemalige Verdener und brachten eine große Anzahl Kinder und Enkel mit, zusammen kamen über 60 Gäste. Auf Verdener Seite war die Wahrnehmung des Massenmordes an den Juden größer geworden. Das Mahnmal wurde beschlossen, An einem Wettbewerb beteiligten sich acht Künstler aus Norddeutschland mit 15 Vorschlägen. Der von Hans-Jürgen Etzold aus Lilienthal wurde ausgewählt.

Noch einmal war es Weidemann, der forderte, dass die Namen der Ermordeten auf dem Mahnmal erscheinen. Vielen Ratsmitgliedern wurde erst bei Gesprächen mit unseren jüdischen Gästen bewusst, wie wichtig es für jeden Menschen jüdischen Glaubens ist, dass sein Name nach seinem Tod für immer sichtbar ist. Das wurde für 56 ehemalige Verdener mit dem Denkmal nachgeholt.

Als besonderes Zeichen der Versöhnung fand vor der Enthüllung des Mahnmals am 25. September 1993 eine christlich-jüdische Morgenfeier im Stadtkirchenzentrum mit Landesrabbiner Brandt, Hannover, und Superintendent Tidow statt.

Das zweite Treffen mit dem wiedervereinigten Deutschland im Hintergrund vertiefte das Verhältnis zwischen den ehemaligen und den heutigen Menschen in Verden. Das setzte sich im dritten Treffen vom 3. bis 10 September 1997 fort.

Durch viele Gespräche und Reden zog sich die Sorge um den Bestand der Demokratie in Deutschland und den Frieden in der Welt. Die Demokratie hat trotz des Wachsens extremer Strömungen gehalten. Aber viele Länder in der Welt sind oder werden erneut Opfer von Diktatoren. Wem das Schicksal der Juden unter dem Nationalsozialismus bewusst ist, der teilt die in den drei Treffen geäußerten Sorgen.“

Von Wolfgang Krippendorff

Die Gestaltung des Mahnmals stammt vom Lilienthaler Künstler Hans-Jürgen Etzold.

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