Bedrückende und erschreckende Erlebnisse

Europawahl und Brexit-Stimmung: Ehemaliger VAZ-Redakteur berichtet aus England 

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„Leave means Leave“ ist auf einem Plakat im Hintergrund zu lesen. Der ehemalige VAZ-Redakteur Arndt Striegler, der seit Jahren in England lebt, erzählt von seinen Erlebnissen und der Stimmungslage zu Zeiten der Europawahl und des Brexit-Chaos. 

Verden/London - Stellen Sie sich bitte vor, die Domweih steht kurz bevor, und Sie freuen sich seit Wochen auf die fünfte Jahreszeit in Verden. Vielleicht haben Sie sogar noch extra Besuch zum jährlichen Jahrmarktvergnügen eingeladen. Oder die Enkel kommen. Dann steht eines morgens in der VAZ: „Domweih abgesagt!“ – Was für eine Enttäuschung. Und schlagartig ist die Stimmung daheim auf dem Tiefpunkt, statt unbeschwerter Stunden zwischen Auto-Scooter und Riesenrad Trübsal. So in etwa würde ich die aktuelle Stimmungslage kurz vor der Europawahl in meiner „neuen“ Heimat Großbritannien beschreiben.

Wobei ich das Wort „neuen“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt habe. Streng genommen ist Großbritannien oder genauer gesagt London für mich Alt-Verdener nämlich seit nunmehr 32 Jahren meine Heimat. Und was ich hier auf der Insel tagtäglich erlebe, ist so bedrückend und, ehrlich gesagt, erschreckend, dass die Europawahl ein willkommener Anlass ist, darüber zu berichten.

Ausländerfeindlichkeit

Die nimmt hier gerade drastisch zu, wie jüngste Zahlen von Scotland Yard zeigen. Genauer gesagt, steigt sie um jährlich satte 28 Prozent seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016. Inzwischen habe ich sogar den britischen Pass, weil ich den Briten nicht traue, dass alle mir gegenüber gemachten Versprechungen, was Gesundheitsversorgung, Rente und Co. angeht, nach dem EU-Austritt auch eingehalten werden. Doch ich bin nun einmal geborener Deutscher und durch meinen nach wie vor deutlichen Akzent auch leicht als solcher zu erkennen.

Meinungsumfragen zeigen, dass die Parteien vorne liegen, die klar europa- und ausländerfeindlich sind – allen voran die UK Independence Party (UKIP) und die erst kürzlich gegründete Brexit Party, die übrigens von einem Mann angeführt wird, der mit einer deutschen Frau verheiratet ist. Wenn die jüngsten Umfragen hier stimmen, dann werden diese beiden Parteien zwischen 35 und 45 Prozent der Stimmen bekommen. Das macht mir Angst. Und drückt eindeutig auf die eingangs erwähnte Stimmung.

Brexit

Eigentlich hätte Großbritannien bereits Ende März die EU verlassen sollen. Doch daraus wurde nichts, weil sich das britische Parlament auch im dritten Versuch nicht darauf einlassen wollte, dem zuvor in mehr als zwei Jahren mühsam zwischen London und Brüssel ausgehandelten Austrittsabkommen zuzustimmen.

Deshalb werden die Briten in wenigen Tagen auch an der Europawahl teilnehmen. Neuer Austrittstermin ist nun Ende Oktober. Doch auch das ist fraglich, denn die Damen und Herren im Londoner Unterhaus (Parlament) sind zwar stets schnell dabei zu sagen, was sie nicht wollen. Wenn es allerdings darum geht, zu sagen, was man sich wünscht und wie man sich die zukünftigen Beziehungen zur restlichen EU vorstellt, dann fehlen ihnen die Antworten.

Stimmungslage

Was mich zu meinem nächsten Punkt, der allgemeinen Stimmungslage in Großbritannien so kurz vor diesen wichtigen Wahlen bringt. Meine Nachbarn hier in London verdrehen nur noch die Augen oder zucken resigniert mit den Schultern, wenn mal vom Brexit die Rede ist.

Der britische Volksmund vergleicht den Brexit inzwischen mit einer unendlichen Geschichte. Die Leute haben die Nase voll von immer neuen Abstimmungen, Wirrungen und politischen Winkelzügen einer inkompetenten Regierung. Und sie haben auch die Nase gestrichen voll von dieser großen Ungewissheit, die Land und Leute seit Monaten lähmt. Denn solange nicht feststeht, wie der Brexit letztlich aussehen wird oder ob er vielleicht gar nicht stattfindet, solange können die Menschen nicht ihre Zukunft planen.

Yvette

Bestes Beispiel dafür ist meine Nachbarin Yvette. Als Vierjährige kam sie als Flüchtlingskind aus Somalia nach Stuttgart. Dort wuchs sie in einer deutschen Familie auf, genoss eine gute Schulbildung und lernte die deutsche Sprache. Als 20-jährige verliebt sich Yvette bei einem Kurzurlaub in London in einen Engländer, die beiden heiraten und leben seit mehr als 20 Jahren mit ihren vier Kids in der britischen Hauptstadt.

„Ich weiß nicht, ob ich nach dem Brexit weiterhin so problemlos von London nach Stuttgart und umgekehrt reisen kann, um meine deutsche Familie zu besuchen“, sagt Yvette. „Das ist sehr belastend.“ Inzwischen überlegt die 49-Jährige, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. „Sicherheitshalber.“ Dass Yvette kein Einzelfall ist, zeigen die jüngsten Zahlen des Londoner Innenministeriums. Zwischen 2016 und 2017 allein ist der Prozentsatz jener im Königreich lebender EU-Bürger, die die britische Staatsbürgerschaft beantragten, von zwölf auf 26 Prozent gestiegen. Umgekehrt entschließen sich derzeit unzählige in Deutschland lebende Briten, den deutschen Pass zu beantragen. Gleichzeitig verlassen monatlich Tausende EU-Bürger Großbritannien, meist wegen des Brexits.

Lange Rede, kurzer Sinn

Als Alt-Verdener und Neu-Brite denke ich: Europa ist ein Geschenk für uns alle. Ob Reisefreizügigkeit, Wohlstand, Kultur oder Frieden. Wir alle, egal ob wir in Verden, London oder anderswo leben, sollten uns dessen bewusst sein und am Sonntag, 26. Mai, zur Wahl gehen. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Die Fernsehberichte von den Royals sind geradezu legendär 

Arndt Striegler (58) war von 1980 bis 1986 Redakteur bei der Verdener Aller-Zeitung, hatte als Kind und Jugendlicher viele unbeschwerte Tage in Eitze verbracht. Dort hatte seine Familie Verwandte. Auf den Allerwiesen lernte er in den 1970er-Jahren auch das Reiten (was er bis heute pflegt). Nach der Zeit in Verden siedelte er nach London über und berichtete von den Royals und vielem mehr. Seine Reportagen waren in unzähligen Blättern der Regenbogenpresse wie zum Beispiel der Gala zu finden. Auch die Deutsche Ärzte-Zeitung gehört zu seinen Kunden. Immer dann, wenn in der königlichen Familie Nachwuchs angesagt ist, steht Striegler ferner für den Fernseh-Sender N-TV vor dem Buckingham-Palast und berichtet live über die Dinge, die ganz England bewegen.

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