Rohstoffpreise drücken

Arbeitsmarkt: Erste Wolken über dem Jobwunder

US-Logistiker Panattoni stellte den gigantischen Standort Verden fertig. Auch hier wird Personal gesucht.
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US-Logistiker Panattoni stellte den gigantischen Standort Verden fertig. Auch hier wird Personal gesucht.

Verden/Achim – Über einem der am stärksten wachsenden Arbeitsmärkte des Landes ziehen dunkle Wolken heran, über dem Landkreis Verden. Einerseits klettern die Beschäftigtenzahlen quer durch alle Branchen mit atemberaubenden Tempo, zuletzt laut Landesamt für Statistik innerhalb eines Jahres um knapp 800, die Vollbeschäftigung ist nicht mehr fern, andererseits beginnen erste Firmen über dramatisch steigende Rohstoffpreise zu klagen, über Grenzen des Wachstums, über unklare politische Verlässlichkeiten.

Unternehmensverband Verden-Rotenburg: „Mit den Unsicherheiten kämpfen nahezu alle Firmen“

Die Stimmung beginnt sich einzutrüben. „Mit den Unsicherheiten kämpfen nahezu alle Firmen“, sagt Jürgen Esselmann vom Unternehmensverband Verden-Rotenburg. „Die Risiken sind nicht zu unterschätzen“, glaubt auch Siegfried Deutsch von der IHK-Geschäftsstelle Verden.

IHK-Geschäftsstelle Verden: „Die Risiken sind nicht zu unterschätzen“

Unklar noch, wie weit die Säulen des kreisweiten Jobwunders künftig den Marktkräften, die immer weltweiter werden, standzuhalten in der Lage sind. Das Pfund an Allermündung und Weserstrand immerhin: Bisher haben es die großen Arbeitgeber geschafft. „Es sind überwiegend mittelständische Unternehmen vor Ort erfolgreich aktiv, und diese auch noch in den unterschiedlichsten Branchen“, führt Esselmann an. Deutsch pflichtet ihm bei: „Im Kreis Verden sind eine ganze Reihe starker Player vertreten, ein sehr guter Industriebesatz, alle mit guten Zahlen im vergangenen Corona-Jahr. Umfragen ergaben, dieser Branchenmix hat nicht ganz so viele Schrammen hinnehmen müssen.“

Landkreis Verden: Es sind überwiegend mittelständische Unternehmen vor Ort erfolgreich aktiv

Tatsächlich steht der Achim-Verdener Arbeitsmarkt auf breiten Säulen. Allen voran die Nahrungsmittel, über den ganzen Kreis verteilt, unter ihnen auch die Tiernahrung, dann die Baufirmen, die Maschinenbauer, die Anlagenbauer, die Dienstleister, alle den Einschätzungen zufolge mit Zuwächsen oder zumindest einer schwarzen Null. Das belegen die Beschäftigungszahlen. Während die Arbeitsverhältnisse zum Stichtag 30. September 2020, also schon im Corona-Jahr, niedersachsenweit zurück gegangen sind, um 0,3 Prozentpunkte rückläufig waren, gehört der Kreis Verden zu den großen Wachstumsregionen. Ein Plus von 1,6 Prozent schlägt hier zu Buche, unter den mehr als 40 Landkreisen und kreisfreien Städten kann lediglich Wolfenbüttel (+2,6 Prozent) einen besseren Wert vorweisen. Exakt 49851 sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen sind zwischen Ottersberg und Dörverden besetzt.

Achim-Verdener Arbeitsmarkt auf breiten Säulen

Allerdings haben die möglichen Eintrübungen schon ganz konkrete Konturen angenommen. Erste Einschläge mussten Baufirmen hinnehmen. Die Rohstoffpreise für Holz und Stahl sind so weit gestiegen, heißt es in internen Unternehmensbriefen, man könne die angebotenen Leistungen nicht mehr halten, leider, man müsse ganze Gewerke zurückgeben. Maschinenbauer aus dem Segment hochpreisiger Anlagen drücken ganz andere Sorgen. Wegen der Reisebeschränkungen in Corona-Zeiten habe er seit mehr als einem Jahr nahezu komplett darauf verzichten müssen, sein Verkaufsteam zu Verhandlungen in alle Welt versenden zu können, berichtet dem Vernehmen nach ein Geschäftsführer. Und auch Monteure zu Aufbau und Anfangsbetrieb der Aggregate könnten nur noch selten flexibel auf den Kontinenten dieser Erde zum Einsatz kommen, insbesondere nicht auf den Boommärkten Asiens. Man habe Umsatzeinbrüche zu verzeichnen. Nächstes Ungemach, und das betrifft nicht nur einige wenige Firmen des Landkreises, es betrifft alle, das nächste Ungemacht droht aus der Transportbranche. Der Versand habe sich deutlich verteuert, die Preise für Container-Lieferungen seien explodiert, der Raum auf den großen Ozeanriesen sei knapp und immer knapper geworden. „Das mindert unsere Wettbewerbsfähigkeit.“

Die Rohstoffpreise für Holz und Stahl sind so weit gestiegen, heißt es in internen Unternehmensbriefen, man könne die angebotenen Leistungen nicht mehr halten

Noch allerdings überwiegt die Zuversicht in den Unternehmen, eine flächendeckende Zuversicht. „Momentan sind gefühlt alle Branchen damit beschäftigt, Mitarbeiter zu rekrutieren“, sagt etwa Esselmann. Hervorzuheben seien besonders die Handwerksberufe, aber auch Unternehmen aus der Industrie. „Zudem sind gerade jetzt alle Branchen auf der Suche nach Arbeitskräften, die unter den neuen Corona-Bedingungen zurück ins Wirtschaftsleben kommen.“ Sehr aktiv sind auf dem allmählich trockengelaufenen Arbeitsmarkt auch die Zeitarbeitsfirmen.

Unternehmensverband Verden-Rotenburg: „Momentan sind gefühlt alle Branchen damit beschäftigt, Mitarbeiter zu rekrutieren“

Gleichzeitig beginnt sich die Arbeitswelt zu verändern. Menschen, die vor der Pandemie in der Gastronomie oder im Handel tätig waren, und sich anschließend über Monate in Kurzarbeit wiederfanden, sie konnten zuweilen den Verlockungen anderer Branchen nicht widerstehen. Online-Lebensmittelversorger Hello Fresh in Verden stellte ein, Amazon in Achim kam jetzt hinzu. Zumindest das Achimer Unternehmen kündigte weiteren Personalbedarf in nicht unerheblichem Maß an: 1 300 Einstellungen sollen in den nächsten Monaten vorgenommen werden. Bisher kam jeder dritte Neu-Amazoner aus dem Kreis Verden. Und schon meldet ein nächster Logistiker Ansprüche an. US-Unternehmen Panattoni stellte im Frühjahr im Verdener Gewerbegebiet Finkenberg ein Zentrum fertig mit 60 000 Quadratmetern Hallenfläche auf knapp doppelt so viel Grundstücksareal. Auch hier werden Mitarbeiter gesucht. „Für den Gastro-Bereich zeichnet sich nach Ende der Pandemie ein Drama ab“, mutmaßt Deutsch, „da ist vielfach völlig unklar, woher das Personal kommen soll.“ Oder anders: Als Koch könne man wahrscheinlich sofort bei Amazon einsteigen, aber könne auch jeder ehemalige Amazon-Mitarbeiter als Koch arbeiten?

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