Letzte Kriegstage und Neubeginn in Verden

Dieses Bild aus dem besetzten Verden erhielt Andrea Lutter vom Imperial War Museum. Die Historikerin würde gerne wissen, wo in Verden das Bild aufgenommen wurde und ob sich jemand an die fleißigen Frauen und Kinder erinnern kann. Doz 20 würde sich über eine Rückmeldung freuen. Erreichbar ist es per E-Mail doz20-verden@ewe.net oder Telefon 04231/9281553. Foto: IWM

Ausgangsbeschränkungen, keine Schule, keine Veranstaltungen, keine Vereinsaktivitäten, die Geschäfte geschlossen, manche Lebensmittel nicht erhältlich: Der April 2020 hat manches, an das sich die, die es vor 75 Jahren erlebt haben, erinnern werden. Am 17. April 1945 war mit dem Einmarsch der britischen Soldaten der Krieg in Verden zu ende.

Verden – Damals fielen Bomben, die Bevölkerung verbrachte die Nächte im (Luftschutz-)Keller oder war aufs Land geflohen. Lebensmittel wurden gegen Marken ausgegeben, die Wasser-, Strom- und Gasversorgung war oftmals unterbrochen und nach dem 16. April 1945 gab es für Monate keine Zeitung. Auf die Unterschiede macht Andrea Lutter vom Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert (Doz 20) aufmerksam. Sie hat sich mit den dramatischen Ereignissen damals intensiv befasst, das Kriegsende und den Neubeginn unter britischer Militärregierung für den Jahrestag in einem Text zusammengefasst:

„Heute vor 75 Jahren endete für Verden der 2. Weltkrieg mit dem Einmarsch von Einheiten der 53. Welsh Infantry Division, sie konnten die Stadt kampflos einnehmen. Zugleich war das die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Großteil der Bevölkerung war erleichtert, den Krieg überlebt zu haben und, dass Fliegeralarm und die Nächte im Keller nun ein Ende gefunden hatten. Doch es gab auch andere, die sich mit der „neuen Zeit“ nicht anfreunden konnten und mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht zurechtkamen. Hätten der NSDAP-Kreisleiter Ernst Brändel und die militärische Führung ihre Befehle vom 8. April 1945 durchgesetzt, wäre die „Festung Verden“ bis zum letzten Mann verteidigt worden, eine Katastrophe für die Stadt und die Bevölkerung. Zwei Tage später erklärte der Stadtkommandant, Rittmeister Lindhorst, aber, Verden zur „offenen Stadt“.

Festung Verden wird offene Stadt

Am 13. April erfolgte die Sprengung eines Teilstücks der Eisenbahnbrücke, viel zu große Sprengladungen zerstörten die Nord- und die Südbrücke. Die Folgen waren verheerend, fast alle Häuser in der Altstadt hatten massive Schäden. An diesem Tage wurde an jeden Haushalt ein Zentner Roggen in der „Bullenhalle“ am Lönsweg ausgegeben. Wenige Tage zuvor hatte ein Bockschiff am Bollwerk festgemacht. Die Ladung, 635 Tonnen Braunzucker, eigentlich bestimmt für die Munitionsfabrik Eibia in Barme, konnte dort nicht mehr gelöscht werden und wurde an die Verdener verteilt, durchschnittlich 32,5 Kilogramm je Haushalt.

Als etwa gleichzeitig Plünderungen im Heeresverpflegungsamt am Clüversweg vorkamen, entging das den Alliierten offenbar nicht: Am 14. April traf heftiges Artilleriefeuer das südliche Stadtgebiet; der Einsatz von Spreng- und Brandbomben führte zu Zerstörungen an der St. Josefkirche, der Pestalozzischule und am Domgymnasium. Tiefflieger beschossen einen Löschzug der Feuerwehr, die einen Schuppenbrand am Heeresverpflegungsamt bekämpfte. Elf Feuerwehrleute starben. Insgesamt kamen 40 Menschen ums Leben, viele von ihnen unter den Trümmern eingestürzter Häuser.

„Es ist aus mit Deutschland und mit mir“, erkannte Landrat Dr. Karl Weber am 15. April gegenüber einem Vertrauten, wenig später erschoss er seine Frau und sich im Keller des Kreishauses mit einem Jagdgewehr. Am darauffolgenden Tag wurde Verden als Stützpunkt aufgegeben, die letzten deutschen Truppen verließen die Stadt. Der Kreisleiter hatte sich bereits abgesetzt. In der Nacht vom 16. auf den 17. April zog schweres Artilleriefeuer über Verden hinweg in Richtung Weitzmühlen, Eitze, Luttum. Die Einschläge in der Stadt führten zu Häuserbränden in den Straßen Mühlenberg, Am Alten Pulverschuppen und Borsteler Weg. Die Bevölkerung verbrachte diese Nacht wieder im Keller. Unter ihnen eine hochschwangere Frau aus der Ritterstraße, die noch den Keller des Syndikatshofes erreichen konnte und wenig später ihre Tochter zur Welt brachte.

Dienstag, 17. April 1945: Der Einmarsch

Die 71th Infantry-Brigade (Kommandeur: Brigadier Elrington) der 53. (Welsh) Division erreichte Verden vom Osterkrug kommend. Gegen 5 Uhr stand das 5th Royal Tank Regiment am Waldfriedhof. Als einzige leisteten hier drei 17-jährige deutsche Pionier-Schüler Widerstand. Sie hatten sich nicht davon abbringen lassen und bezahlten das mit dem Leben.

Der stellvertretende Bürgermeister, Landgerichtspräsident Hermann Lindemann, notierte damals: „Um 12.30 Uhr beobachten wir vom Rathaus aus, wie ein englischer Infanterie-Spähtrupp von Vollstedts Grundstück (Anm.: Pollitzgang) her die Große Straße betritt. Die Volksmenge steht neugierig in achtungsvoller Entfernung. Sie wird in die Häuser gescheucht. 12.40 Uhr folgt eine Kompanie schwerer englischer Panzer von Kirchlinteln in Richtung Bremen.“

Gegen Mittag war Verden besetzt. Am folgenden Tag verkündete der Wehrmachtsbericht: „Verden (Aller) fiel nach stundenlangen schweren Straßen- und Häuserkämpfen in Feindeshand.“

Befreit, besetzt und beschlagnahmt

Angesichts von unzureichender Versorgung und dem Mangel an Wohnraum galten die Sorgen der Verdener jetzt vorrangig dem Überlebenskampf und der Frage nach dem Verbleib der Familienangehörigen, zu denen die Verbindung abgebrochen war. Manch einer hatte durch die Flucht alles verloren.

Viele Verdener fühlten sich durch die britische Militärregierung bevormundet und somit „besetzt“. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sie noch lange nicht ihr Leben nach eigenem Ermessen gestalten konnten. Doch nicht nur Enttäuschung, Ängste, Ratlosigkeit und Resignation herrschte, bei vielen zeigte sich auch Optimismus und die Hoffnung auf eine bessere Zeit.

Am 18. April wurde die Stadt im Verdener Rathaus offiziell an den britischen Kommandanten übergeben. In den folgenden Tagen durften die Verdener ihre Häuser nicht verlassen, dann regelte eine Bannmeile von anfangs fünf Kilometern, später 30, den Bewegungsradius. Die Landbevölkerung benötigte Passierscheine, um in die Stadt zu gelangen. Mit Ausnahme der Lebensmittelgeschäfte waren alle Verkaufsstellen geschlossen. In erster Linie galt es aus Sicht der Besatzungsmacht, Ruhe und Ordnung zu bewahren und die Ernährung zu sichern – eine schwierige Aufgabe in Anbetracht des Zustromes von Evakuierten aus zerbombten Großstädten, Flüchtlingen und Vertriebenen.

Die Militärregierung regelte den Alltag mit einer Vielzahl von Verordnungen, Verboten und Einschränkungen. Hierzu zählte die Ausgangssperre von 21.30 Uhr bis 6.45 Uhr morgens. Die Bekanntgabe erfolgte durch tägliche Lautsprecherdurchsagen auf dem Rathausplatz oder durch Plakataushang. Bei Nichtbeachtung drohten Geld- und Gefängnisstrafen, die das Militärgericht verhängte. Zur Abschreckung wurden die Urteile unter Nennung von Namen und Anschrift der Verurteilten publiziert.

Um ihre Verwaltungen und Militärangehörigen unterzubringen, beschlagnahmte das Quartieramt der Militärregierung Wohnungen, Häuser und Hotels. Das sorgte für große Unruhe, zumal die Wohnraumsituation bereits äußerst angespannt war. Es wurde sehr darauf geachtet, dass die britischen Soldaten möglichst wenig oder keinen sozialen Kontakt mit Deutschen hatten.

Dem bisherigen Leiter des Wirtschafts- und Ernährungsamtes, Johann Thies, wurde am 30. April 1945 das Amt des Bürgermeisters übertragen. Im Zuge der bald einsetzenden Entnazifizierungsmaßnahmen hatten die Briten seinen Vorgänger Lindemann interniert.

Überwiegend bescheinigten die Verdener den britischen Soldaten ein militärisch korrektes Verhalten, sofern man sich an die Vorgaben hielt: Bei Hausdurchsuchungen durfte nichts verschlossen sein. Türen und Schränke wurden aufgebrochen, denn hier hätten noch Waffen versteckt sein können. Es kam durchaus vor, dass manche Soldaten diverse Dinge wie Uhren, Ferngläser oder Nazi-Symbole mitgehen ließen. Doch für große Unruhe sorgten vor allem die nun befreiten Zwangsarbeiter: Die Militärregierung verzeichnete Felddiebstähle, Plünderungen, Schwarzschlachtungen gestohlenen Viehs bis hin zu Tötungsdelikten, sodass die deutsche Bevölkerung sich um ihre eigene Sicherheit und ihr Eigentum sorgte.

Es sollte noch viele Monate dauern, bis sich das Leben in Verden wieder „normalisierte“, der Schulunterricht begann nach halbjähriger Unterbrechung erst wieder am 1. Oktober 1945.“

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