Mehr Schutz für Verletzliche

Lena Gumnior ist Direktkandidatin für den Bundestag: Die Allerkleinsten kommen zu kurz

Arbeiten, wo andere die Mittagspause genießen: Lena Gumnior will die Rechte der verletzlichsten Bevölkerungsgruppen stärken.
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Arbeiten, wo andere die Mittagspause genießen: Lena Gumnior (Grüne) will die Rechte der verletzlichsten Bevölkerungsgruppen stärken.

Verden – Einen der letzten schönen Sommertage nimmt sie mit. Unter dem weiten Laubdach vor dem Liekedeeler in Verden hat sie einen lauschigen Platz ergattert. Bei Limo und Mittagssonne den Dingen hinterhersinnen. Klingt praktisch einfach, wandert aber schnell ins Theoretische ab. In ihrem Fall zumindest. Lena Gumnior schlägt einen weiten Bogen zum Jurastudium, das sie längst mit dem 1. Staatsexamen abgeschlossen hat.

Als Studentin verfolgte sie seinerzeit eine Jugendgerichtsverhandlung. In Hannover damals noch. Ein 18-Jähriger, der ohne Ticket im Bus erwischt wurde, er musste sich jetzt strafrechtlich verantworten. „In der Ausbildung befand er sich, eine Ausbildung, die auch noch Geld gekostet hat“, fasst Lena Gumnior den Fall zusammen, „und da war dann eben nichts Bares mehr für das Ticket vorhanden.“

In einem Strafverfahren musste er sich verantworten, vor Gericht. Das sei biografieprägend. Nein, sagt die Bundestags-Kandidatin der Grünen, „über diesem ganzen Verfahren liegt die Frage, lässt sich das Problem, das die Ursache für den Fall ist, lässt es sich auf dem Gerichtswege lösen?“ Lässt es sich natürlich nicht. Und dann wären da auch noch die Kosten, die unverhältnismäßig hohen Kosten. Einerseits das Geld fürs Ticket, das dem Busunternehmer in der Kasse fehlte, andererseits der Aufwand, der für das Ertappen des Schwarzfahrers einschließlich dessen Weiterbehandlung bis zur Anklagebank betrieben wurde.

Lena Gumnior landet dann schnell bei der progressiven Rechtspolitik, der sie sich nicht nur verschrieben hat, an der sie mitfeilen will, zöge sie ins Berliner Parlament ein. „Wie stellen wir gleichwertige Lebensverhältnisse her, wie schützen wir verletzliche Gruppen? Kinder, Frauen, Menschen mit internationaler Geschichte?“, sagt die 28-Jährige.

Gewaltschutz von Frauen: Den Täter zu bestrafen, löst nicht das Problem

Gewaltschutz von Frauen, das sei beispielsweise einer der Denkansätze, das Recht sehe eine Strafe für den Täter vor, okay, aber das helfe nicht, die zu Grunde liegende Problematik zu lösen. Wie und wann werde in der Schule über Gewalt gesprochen, in der Uni? Mit welchen Ergebnissen? Offenbar keine vollumfassenden. „Die Frauenhäuser zum Beispiel und deren dauerhafte Finanzierung“, sagt Gumnior, „in Deutschland erfüllen nur Bremen und Berlin die internationalen Vorgaben“. Da warte noch viel Arbeit.

Oder die Kinderrechte. Wieder eine komplizierte Materie, die eigentlich nicht zur Leichtigkeit des Gastronomie-Gartens an der Verdener Artillerie-Straße passt. Die Grünen-Kandidatin kramt ihren Laptop hervor und hat ihn zur Hand, den Artikel 6 des Grundgesetzes. Ehe und Familie stehen unter besonderem Schutz, heißt es darin. Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz der Gemeinschaft, ist ebenfalls vermerkt. „Da fehlt was“, findet Gumnior, „da fehlen die Jüngsten“. Sie jedenfalls wolle sich nicht nur für deren Stärkung einsetzen, ihr liege auch schon eine Formulierung vor: „Jedes Kind hat das Recht auf Förderung seiner Entwicklung.“

Grundgesetz nimmt Kinder nicht als eigenständige Gruppe wahr

„Bei allen Angelegenheiten, die das Kind betreffen, ist es entsprechend Alter und Reife zu beteiligen. Wille und Wohl des Kindes sind maßgeblich zu berücksichtigen.“ Alles eine Selbstverständlichkeit? Muss nicht eigens erwähnt werden? „Muss es sehr wohl“, so die 28-Jährige, „bisher wurden Kinder im Grundgesetz nicht als eigenständige Gruppe wahrgenommen“. Alle anderen ja, aber eben die jüngsten nicht, und das habe gravierende Folgen. „Wenn ihnen ein eigenes Grundrecht verbrieft ist, dann hat das Gewicht vor Gericht; weil es gegen mögliche andere Interessen abgewogen werden kann.“

Alles Ein- und Absichten, die jetzt aber mal sehr ins Theoretische abdriften? Sollen sich doch die Rechtsverdreher einen Kopf darum machen? Gern auch die gewählten? Gumnior würde wahrscheinlich schmunzeln, wäre die ganze Angelegenheit zum Lachen. Ist sie aber leider nicht. „Zuletzt wieder bei Corona“, sagt sie, „was ist da alles diskutiert und geregelt worden. Zig Details. Nur die Kinder, die sind hinten herunter gefallen. Immer neue Auslegungen von Schutz und Freiheit hatten sie zu erdulden.“ Nein, Kinder haben keine Lobby. Das habe man deutlich gespürt. „Und das will ich ändern.“

Bundestagswahl: Eine Flut von Wahlprogrammen schwappt über die Region. Unendlich viele Informationen. Grund genug, den sieben Direktkandidaten des Wahlkreises Osterholz-Verden vor der Bundestagswahl am 26. September genauer auf den Zahn zu fühlen. Was ist ihnen wirklich wichtig, und warum? Diese Frage klärten wir bei einem Besuch bei den Bewerbern. 

Hörtipp: Lena Gumnior im Podcast „Kreis und Quer“

Die Podcast-Redaktion der Mediengruppe Kreiszeitung hat sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl auf den Weg durch das Verbreitungsgebiet gemacht, um den Direktkandidatinnen und -kandidaten der Parteien einen Besuch am Wahlkampfstand abzustatten. In der Verdener Innenstadt hat das Team von „Kreis und Quer“ auch Lena Gumnior von Bündnis 90/Die Grünen besucht. Wer einen Einblick in den Wahlkampf der Kandidatin bekommen möchte, findet die Folge „Wie schlagen sich die Parteien im Straßenwahlkampf?“ überall dort, wo es Podcasts gibt, oder direkt hier im Artikel.

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