KLEINE GESCHICHTEN ZUR GESCHICHTE (3): Steckt in uns Menschen ein bisschen Neandertaler?

Lehringer Lanze: Eine weltweite Sensation

Dr. Björn Emigholz.
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Dr. Björn Emigholz.

Verden – Im März 1948 entdeckte ein aufmerksamer Baggerführer in einer Mergelgrube bei Lehringen, Landkreis Verden, seltsame Knochen und alarmierte den Rektor der Verdener Realschule und damaligen ehrenamtlichen Museumsleiter in Verden, Alexander Rosebrock. Nachdem genügend Benzin zusammengebettelt war – man bedenke: 1948! – nahmen Rosebrock und einige Helfer als erste die Fundstelle in Augenschein und sollten im Folgenden auch die gesamte Grabung durchführen.

Waldelefant: Hobby-Archäologen glaubten, es mit einem Mammut zu tun zu haben

Als einer der ersten an der Fundstelle: Alexander Rosebrock mit einem Knochen des Waldelefanten.

Glaubten die Hobby-Archäologen zunächst, es mit einem Mammut zu tun zu haben, stellte sich bald heraus, dass es sich um einen Waldelefanten der Eem-Warmzeit (Warmzeit vor der letzten Kälte-Periode) handelte, dessen Skelett noch komplett war und sogar noch eine Lanze im Brustbereich des Tieres steckte. Die Forscher standen vor einer konservierten Szene eines vorzeitlichen und dramatischen Jagdgeschehens! Eine Neandertaler-Jägergruppe – wir können anhand der im Kopfbereich des Elefanten gefundenen Flintstein-Abschläge mindestens sechs Individuen annehmen – brachte damals den Elefanten in einem später verlandeten See zur Strecke. Ein Ereignis, das auf circa 120 000 Jahre vor unserer Zeit datiert wird! Neandertaler eroberten sich Europa, aus Afrika kommend, etliche Jahrtausende bevor der moderne Mensch, also unsere Vorfahren, vor circa 40  000 Jahren ebenfalls aus Afrika aufbrechend, Europa besiedelten.

Neandertaler eroberten Europa

Den Zeitumständen geschuldet, konnte die Grabung nicht mit der Akribie geschehen, die heute den wissenschaftlichen Standard darstellt. So ist das damals tatsächlich geschehene Ereignis in seinem Ablauf nicht rekonstruierbar und andere Versionen als die oben erzählte sind denkbar.

Und dennoch stellt der Fundkomplex mit den Knochen des Waldelefanten an sich, der Eibenholz-Lanze und der Feuersteinabschläge, die man im Kopfbereich des Elefanten barg, noch immer eine weltweite Sensation dar:

Bis heute wurde kein weiteres Skelett eines – längst ausgestorbenen – Waldelefanten geborgen. Bekannt sind nur zwei Köpfe aus Skandinavien.

Die Lanze ist eines von weltweit drei (!) Holzartefakten, die aus der Altsteinzeit überliefert sind (Stand 2011).

Halfen im Jahre 1948 bei der Bergung des Waldelefanten: Rudolf Biere und Waltraud Deibel-Rosebrock in der Grube in Lehringen.

Diese Lanze revolutionierte das Wissen von der Evolution des Menschen. Man war bis dahin von der Annahme ausgegangen, dass alle Vorformen des modernen Menschen, des Homo sapiens, eher entwickelten Affen ähnelten und ausgestorben seien. Nun trat ein einziges Werkzeug, nämlich diese Lanze den Beweis an, dass der damalige Neandertaler, schon vor circa 120  000 Jahren in der Lage war, das Feuer als Werkzeug zur Bearbeitung seiner Geräte gezielt einzusetzen; dass er über ein koordiniertes Gruppenverhalten und damit über eine soziale Rangordnung und gar eine Sprache verfügt haben muss.

Moderne Forschungsmethoden, darunter die DNA-/DNS-Analyse, lassen mittlerweile einen intelligenten Menschen aus dem Neandertaler werden, der sich kaum, in moderne Kleidung gesteckt, auf der Straße von unsereinem unterschiede. Auch wird zurzeit der Theorie nachgegangen, der Neandertaler sei nicht ausgestorben, sondern habe sich mit dem später nachfolgenden Homo sapiens („wissender Mensch“) vermischt; dann wäre noch in uns allen ein wenig „Neandertaler“ konserviert!

Moderne Forschung lässt Neandertaler in neuem Licht erscheinen

Die Lanze im Original sowie die Knochen des Elefanten nebst Feuersteinabschlägen können im „Domherrenhaus-Historisches Museum Verden“ innerhalb einer Erlebnisinstallation besichtigt werden.

Wer mehr wissen möchte:

Thieme, Hartmut / Veil, Stephan et al: Neue Untersuchungen zu eem-zeitlichen Elefanten-Jagdplatz Lehringen, LdkreisVerden. In: Die Kunde N.F. 26, 1985, S. 11-58- Deibel-Rosebrock, Waltraut: Die Funde von Lehringen. In: Stader Jahrbuch 1960, S. 3-35. Sickenberg, O.: Die Säugetierfauna der Kalkmergel von Lehringen (Kreis Verden/Aller) im Rahmen der eemzeitlichen Faunen Nordwestdeutschlands. In: Geologisches Jahrbuch 87, 1969, S. 551-564.

Der Fund ist eine Sensation: Die Lehringer Lanze.

In der Serie

„Kleine Geschichten zur Geschichte“ schreibt Dr. Björn Emigholz für unsere Zeitung. Er verknüpft Fantasie mit Wirklichkeit, schildert Ereignisse, wie sie sich im Laufe der Jahrtausende abgespielt haben könnten. So wurden Dokumente aus dem Stadtarchiv, Exponate aus dem Domherrenhaus oder einfach uns heute befremdlich scheinende Umstände zur Inspiration kleiner Geschichten.

Von Dr. Björn Emigholz

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