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Verden: Die neue Corona-Verunsicherung

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Von: Heinrich Kracke

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Maskenhinweis vor einem Supermarkt.
Die Corona-Regeln wurden großflächig zurückgenommen, die Verunsicherung hält an. Wie hier der Betreiber eines Supermarktes in Verden werben viele für einen freiwilligen Fortbestand der Vorsichtsmaßnahmen. © Kracke

Der Wegfall fast aller Corona-Beschränkungen führt im Raum Verden/Achim zu ungläubigem Staunen. Eine hohe Belastung der Landkreis-Hotline ist die Folge.

Verden/Achim – Stell dir vor, es ist Corona, und keiner nimmt‘s mehr Ernst. „Die Menschen reiben sich tatsächlich die Augen“, heißt es etwa aus der Verwaltung des Gesundheitsamtes in Verden. Dürfen wir wirklich ohne Maske sozusagen überall hin? Was seit Tagen irgendwo durch die Medien geistert, und jetzt für ganz Niedersachsen gilt, die Corona-Regeln nämlich, die nahezu komplett aufgehoben sind, das alles klingt zu einfach und zu weltfremd angesichts der weiterhin hohen Inzidenzen, als dass man einfach zur Tagesordnung übergehen könnte. Viele reagieren jedenfalls irritiert. „Wir erhalten immer wieder Anfragen“, sagt Henric Hollatz vom Bürgertelefon des Landkreises, „die Menschen wollen sich von offizieller Seite bestätigen lassen, dass sie wirklich auf der sicheren Seite sind.“ Wenn sie also all das sein lassen, was ihnen zwei Jahre lang eingetrichtert wurde, und mit dem sie zu leben gelernt haben.

Und dabei geht es nicht nur um Einzelpersonen. Im Mail-Ordner des Gesundheitsamtes ploppen den Angaben zufolge auch die Fragen von Veranstaltern auf, die nicht glauben können, dass Begriffe wie Abstandhalten oder Hygieneregeln, deren ganzes Ausmaß sie mühsam erlernen mussten, nun nicht mehr gelten. Mal sei es die Gastronomie, die sich vergewissern wolle, mal die Hundeschule, das Sportstudio oder der Osterfeuer-Veranstalter. Sie alle konnten beruhigt werden. Keine Vorsichtsmaßnahmen mehr erforderlich.

Das Gesundheitsamt geht sogar noch einen Schritt weiter. Infizierte werden jetzt selbst in die Pflicht genommen. Wer als Positiv-Fall im Gesundheitsamt aktenkundig wird, erhält einen standardisierten Brief. Darin sind die Verhaltensmaßnahmen detailliert aufgeführt. Auch das sogenannte Freitesten bleibt weitgehend der Initiative des Einzelnen überlassen. Näheres steht auf der Homepage des Landkreises Verden unter der Rubrik „Quarantäne“. Alles nicht eine Verdener Erfindung, sondern ein Prozess in vielen Verwaltungen.

Weite Bevölkerungsschichten gehen die Kehrwende um 180 Grad bei den Corona-Maßnahmen nicht mit. „Wir haben immer noch sehr, sehr viele Infektionen“, sagt ein etwas älterer Besucher des Verdener Wochenmarktes. Er trage deshalb weiterhin eine Maske. Stippvisite auch in einem Verdener Einkaufsmarkt. Kaum ein Kunde, der ohne Mund- und Nasenschutz unterwegs ist, und einen Einkaufswagen schieben ebenfalls die meisten vor sich her, was für genügend Abstand sorgt. Auch die Marktleitung macht sich mit entsprechenden Aufrufen auf Plakaten für das Einhalten eigentlich nicht mehr notwendiger Vorschriften stark. Firmen halten zudem an der Testpflicht, die über Monate beim Betreten des Unternehmenssitzes gelten, daran halten sie fest. „Es ist sicherer“, sagt ein Geschäftsführer.

Das ganze Ausmaß der Verunsicherung spüren die Berater der Landkreis-Hotline. Auf 600 bis 700 Anrufe beziffert Hollatz das durch durchschnittliche wöchentliche Aufkommen. Nicht ganz Rekordwerte, aber Zahlen, die schon in Höhen größerer Corona-Wellen schnellen, dem Auftreten der Omikron-Variante etwa, die im Februar zu Anstiegen bei den Infektionen geführt hat. Der feine Unterschied jetzt: Trotz Rekordwerten bei den Covid-19-Bestätigungen geht es jetzt nicht um gesundheitliche Themen, es geht um bürokratische Maßnahmen. „Was ist bei der Länge der Quarantäne zu beachten, wann gibt es den Quarantäne-Bescheide, wie verhalte ich mich bei einem Verkürzen der Quarantäne, beim sogenannten Freitesten nach sieben Tagen? Das sind zu 80 bis 85 Prozent der Anrufe die Fragen, die gestellt werden“, so Hollatz. Und daraus spreche eine tiefe Verunsicherung.

Amtsärztin Jutta Dreyer schwante schon vor vier Wochen nichts Gutes. „Angesichts der Lockerungs-Maßnahmen kann ich aus Warte des Gesundheitsamtes nur appellieren, die vulnerablen Bevölkerungsgruppen weiterhin zu schützen und die Neuinfektionen bis zum Spätsommer so niedrig wie möglich zu halten“, sagte sie. Im Herbst, davon müsse man jetzt ausgehen, beginne die Infektionswelle von Neuem. Unter anderen Vorzeichen jedoch. Dreyer: „Sollte es dabei bleiben, dass alle Maßnahmen zurückgenommen werden, dann macht künftig die Nachverfolgung keinen Sinn mehr.“

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