Selbsthilfegruppe für den Kreis

Messie-Syndrom: Wenn Sammeln ein Zwang ist

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Beim Selbsthilfetag am 4. März in der Stadthalle ist auch Gelegenheit, etwas über Landesverband der Messies im norddeutschen Raum (Melano) zu erfahren.

Verden - „Die meisten denken: Ich muss ja nur aufräumen“, sagt Janice Pinnow und räumt ihrerseits damit auf, dass man dem Messie-Syndrom auf diese Weise begegnen könne. Die 53-Jährige aus Adendorf im Kreis Lüneburg kennt sich aus. Sie ist selber betroffen und gründete bereits vor 20 Jahren die ersten Selbsthilfegruppen und dann auch den Landesverband der Messies im norddeutschen Raum (Melano).

Seitdem ist Janice Pinnow viel in Deutschland herumgekommen, hat Vorträge gehalten, medizinisches Personal fortgebildet, Selbsthilfegruppen bei der Gründung unterstützt. Auch im Kreis Verden würde sie gerne eine solche Gruppe installieren, denn Betroffene gibt es auch hier.

Darum kennt die ausgebildete Genesungsbegleiterin die vielen Vorurteile über Messies. „Wir brauchen mehr Aufklärung“, sagt sie. Das öffentliche Bild von den Betroffenen ist geprägt von Berichterstattungen über verdreckte Wohnungen, in denen sich der stinkende Müll stapelt, in dem sich das Ungeziefer breitgemacht hat. Das ist das Messie-Syndrom in seiner stärksten Ausprägung.

Bei einigen spiegelt sich das Syndrom aber möglicherweise in einem besonders desorganisierten Leben wider. Die Betroffenen schmieden große Pläne, verzetteln sich jedoch, führen nichts zuende. Sie verweigern sich unbewusst, wenn eine Aufgabe zum Muss wird. Gleichzeitig haben sie an sich den Anspruch, perfekt zu sein. Das setzt sie unter Druck. Und daraus resultiert eine Handlungsunfähigkeit.

Manche haben nur einen unordentlichen Schreibtisch. Oder sie horten, von Freunden und Angehörigen unbemerkt, auf dem Dachboden, im Keller, sogar in angemieteten Räumen alles, was ihnen in die Finger kommt.

Betroffenen aus allen Schichten

Die Betroffenen kommen aus allen Schichten, sind in allen Berufsgruppen zu finden und in ihrem Job auch durchaus sehr erfolgreich. Dabei sind Messies laut Pinnow „emotional im Kleinkindalter stehen geblieben“.

Und es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten. „Das Messie-Syndrom besteht aus Ängsten, Süchten, Depressionen, Zwängen, einer wahnsinnig großen Scham und einem unbewussten Zuwiderhandeln“, fasst Janice Pinnow zusammen. Und: „Es ist ein sehr anstrengendes Leben.“ Getrieben davon, ihr Leiden zu verbergen, stehen die Betroffenen ständig unter Druck.

Die Ursache für das Syndrom liegt nach aktuellem Wissensstand in der frühesten Kindheit der Betroffenen. Fehlende Bindungen zu den Eltern, einhergehend mit Überforderung, Vernachlässigung, übermäßiger Strenge, dem Gefühl, ungeliebt zu sein, oder sogar Missbrauch, können zu tiefen Traumata führen, die im Erwachsenenalter über das zwanghafte Horten kompensiert werden. „Die Bindung an Gegenstände ist der Ersatz für Bindungen an Menschen, die schiefgelaufen sind“, erklärt Janice Pinnow. „Denn die Gegenstände tun nichts Böses, die bleiben bei einem.“

Aufräumen kontraproduktiv

So wird auch deutlich, warum hartes Durchgreifen durch Aufräumen kontraproduktiv ist. Der Messie personifiziert die Dinge, die er angehäuft hat. Gegenstände erhalten eine Seele. Sie wegzuschmeißen, führe zu einer Retraumatisierung. Pinnow: „Die packen die Wohnung dann noch voller.“

Dieses dicke, verworrene Knäuel auch nur ansatzweise aufzulösen, braucht Geduld und Zeit. Zeit, die gerade die Kostenträger den Betroffenen oft nicht lassen. Das Ziel sei aber nun einmal nicht die aufgeräumte Wohnung, sondern „die selbstbestimmte Persönlichkeit“. 

Infos:

Am Sonntag, 4. März, 11 bis 16.30 Uhr, veranstaltet der Kirchenkreis in der Verdener Stadthalle den 5. Selbsthilfetag. Dann ist auch Gelegenheit, etwas über den Landesverband der Messies im norddeutschen Raum (Melano) zu erfahren. Darüber hinaus vermittelt die Kontaktstelle für Selbsthilfe Interessierte gerne weiter: Telefon 04231/937974, Fax 04231/935629 und E-Mail selbsthilfe.verden@ evlka.de. Weitere Informationen gibt es bei Janice Pinnow, Telefon 04131/720 73 65, oder unter www.messie-syndrom.de.

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