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Erst shoppen, dann Eis essen - wie die U20-Generation Verdens Innenstadt sieht

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Von: Heinrich Kracke

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Straße führt vorbei an Marktplatz und alten Hausfassaden.
Schöne Fassaden sind wichtig, sagen die jüngsten Stadtbesucher, aber es dürfe auch nicht an Grün fehlen. Da bestehe Nachholbedarf. © Wienken

Wie kann Verdens Innenstadt krisenfest gestaltet werden? Rathaus-Mitarbeiter befragten die U20-Generation und förderten Überraschungen zu Tage.

Verden – Sicherheit sei ihnen wichtig, ja, und Sauberkeit. Und die schönen Fassaden der Geschäftshäuser, ja, auch darauf legen sie wert. Klingt nach Senioren. Umso mehr staunten die städtischen Mitarbeiter, wer ihnen diese Dinge tatsächlich in den Notizblock diktierte. Die Allerjüngsten nämlich, die Altersgruppe der unter Zwölfjährigen. Auch sie wurden befragt für eines der aktuell aufwändigsten Projekte der Stadt, für die Teilnahme am EU-Wettbewerb „Resiliente Innenstädte“, krisenfeste Innenstädte also, der mit rund vier Millionen Euro für den Zeitraum von 2022 bis 2027 winkt.

Die Gewinner selbst müssen rund 2,6 Millionen Euro aufbringen. Die beste Strategie landet auf Platz eins. „Nach ersten Erkenntnissen des federführenden Amts für regionale Landesentwicklung in Lüneburg befinden wir uns auf einem guten Weg“, fasste Bürgermeister Lutz Brockmann gestern die Lage zusammen.

Um diesen Weg erfolgreich weiterzugehen, bedarf es erstmal einer fundierten Datensammlung. Neben den Allerjüngsten kamen in einem Workshop zum Wochenende auch die etwas Älteren zu Wort. Knapp 480 junge Leute aus den Gymnasien der Stadt, aus dem Campus, alle im Alter von 12 bis 20 Jahren, sie füllten den digitalen Fragebogen aus, der ihnen zugesandt war. Dreiviertel davon sind mindestens einmal die Woche in der Innenstadt, sie gaben an, sich in der City auszukennen. Der Großteil suchte eigenem Bekunden zufolge die Fußgängerzone auf (86 Prozent), viele seien in Sachen Shopping unterwegs (74 Prozent), Eisessen sei ein wichtiger Anlass (56 Prozent), Freunde treffen ein nächster (55 Prozent), der Allerpark interessiere ebenfalls (38 Prozent).

Gleichzeitig waren die Schüler aufgefordert, erklärte Wirtschaftsförderer Fabian Fortmann, Zensuren zu vergeben. Am besten Schnitt die Erreichbarkeit der Innenstadt per Fahrrad ab, dies erhielt die Note 1,9. Die Anbindung der City zur Aller kam auf eine 2,2, die Möglichkeit, Freunde zu treffen, auf eine 3,1 und unter anderem die Einkaufsmöglichkeit auf eine 3,2. Alles wichtige Hinweise, wie Fortmann formulierte, vieles sei also schon erreicht, an einigem müsse man in der Zukunft arbeiten.

Höchst unterschiedlich fiel die Bewertung für einzelne Bereiche der Kernstadt aus. Der Rathausplatz, zum Beispiel. Einerseits schätzten die unter 20-Jährigen die Fassaden der Häuser, die Sitzmöglichkeiten, das ganze innenstädtische Interieur. Andererseits bemängelten die Schüler die hohe Versiegelung in Verdens Stadtmitte, sie stellten fest, es gebe ja überhaupt kein Grün. „Daraus sind weitere Handlungsstränge zu folgern, die wir angehen sollten.“ Insgesamt belege die Umfrage, so Fortmann, die Attraktivität des öffentlichen Raumes sei verbessert, jetzt gehe es darum, die Innenstadt als Treffpunkt zu stärken, und dies nicht unbedingt nur konsumorientiert, sondern auch generell ihre Aufenthaltsqualität betreffend.

Münden sollen diese Unmengen an Informationen, befragt wurden nicht nur die jüngsten Verdener, nicht nur die kommenden Generationen, befragt wurden sämtliche Altersschichten, münden sollen sie in einer Strategie, die auf lediglich drei Standbeine reduziert ist. Erstens eine „lebendige Innenstadt“, zweitens eine „nachhaltige Zukunftsstadt“, drittens ein „hybrides Mittelzentrum“ mit einem ausgewogenen digitalen und analogen Angebot.

Viel Zeit bleibt den Konstrukteuren des millionenschweren Konzeptes für Brüssel nicht, das unter dem etwas sperrigen Titel „resiliente Innenstädte“ läuft. Schon Mitte April muss die Verdener Strategie nicht nur in Telefonbuchstärke ausgearbeitet und eingereicht sein, sie hat bis dahin auch noch einiges an politischen Gremien zu durchlaufen. Schon im Sommer will dann eine Jury des niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung die Gewinner küren.

Erstmals in voller Breite in die Öffentlichkeit kommt das Verdener Konzept Mitte März in einer Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung im Rathaus. Ein Selbstgänger wird dieser aktuell für Innenstädte lukrativste europäische Wettbewerb nicht. Allein aus dem Großraum Lüneburg/Stade befinden sich 20 Kommunen im Lostopf, sechs von ihnen werden ausgewählt.

Wohin die Reise gehen wird, jedenfalls sofern die Brüsseler Millionen an die Allermündung fließen, kristallisiert sich indes schon jetzt heraus. „Die Innenstadt bleibt ein Treffpunkt, sie bleibt ein Platz des Einkaufens“, fasste der Bürgermeister die Lage zusammen, „aber sie muss auch durch Veranstaltungen, durch Aktionen attraktiv bleiben. Und sie muss ein breiteres Spektrum abdecken. Die Probierstadt mit der Möglichkeit, ein Ladenkonzept zu testen, war und ist ein erster Schritt. Wie die Umfragen und Reaktionen belegen, muss jetzt ein Schwenk auch zur Kreativstadt folgen. Der Kunstszene ist in ihrer ganzen Vielfalt ein Platz einzuräumen.“

Darauf deuteten auch die Ergebnisse der Workshops hin, die seit Mitte Januar online stattfinden, wie der Wirtschaftsförderer ausführte. Neben dem Einzelhandel und der Gastronomie gebühre auch den sozialen Kräften ein Platz, der Kultur, dem Freizeitangebot. „Nur mit all diesen Komponenten bleibt die Innenstadt lebendig, nur so kann sie sich von den Wohnquartieren absetzen.“

Wieder die Allerkleinsten. Mit einer Grundschulklasse habe er sich auf den Weg gemacht vom Rathausplatz zum Allerpark, dann zum Lugenstein und durch die Fußgängerzone zurück in die Herrlichkeit. „Erstaunlich war, worauf die Jungen und Mädchen am stärksten reagieren. Sie blieben nicht nur an den Spielgeräten stehen, sie steuerten auch auf die Kunstwerke zu, jedenfalls dann, wenn sie ihnen geläufig vorkamen.“ Auf die Bronzefohlen zum Beispiel. „Dort verbrachten sie eine ganze Zeit.“ Und das belege: Die Stadt müsse zusätzlich möbliert werden. Es seien weitere Anziehungspunkte notwendig. Die Überlegung Fortmanns: „Die Kinder sind ja nicht allein unterwegs, sie sind in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern, die vielleicht den Einkaufsbummel nicht ganz aus den Augen verloren haben. Beides passt gut zusammen, wenn die Allerjüngsten nicht quengelt mitgezogen werden, sondern gern in die Stadt kommen.“

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