In Verden

Psychologin Bettina Alberti hält Vortrag über „Seelische Trümmer“

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Friederike Geißler von der Frauenberatung Verden mit Referentin Bettina Alberti (r.).

Verden - Auch sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs leiden noch viele Menschen unter vielfältigen Traumata. Selbst Kinder der Nachkriegskinder empfinden Gefühle von Einsamkeit, Unsicherheit, Angst und Entwurzelung. Grund sei die besondere Bindungs- und Erziehungserfahrung der Nachkriegszeit, erklärte Diplom-Psychologin Bettina Alberti.

Zu ihrem Vortrag „Seelische Trümmer“ hatten die KVHS Verden und die Stiftung Leben & Umwelt der Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen gemeinsam mit der Frauenberatung eingeladen. Das Interesse war so groß, dass die Veranstaltung in den Domgemeindesaal verlegt werden musste. Bettina Alberti ließ die Generation der in den 50er- und 60er-Jahren Geborenen zu Wort kommen. An ihrem Beispiel zeigte sie, welche Folgen das kollektive Kriegstrauma hat und mit welchen besonderen Aufgaben sie betraut ist. „Können die folgenden Generationen Erfahrungen der vorherigen, positive wie auch belastende, erben?“, fragte Alberti zu Beginn und bejahte das ausdrücklich. „Wir alle erfahren Werte und Normen, lernen, was gut oder schlecht ist. Nur wenn dieser Prozess von emotionaler Sicherheit getragen wird, sind wir emotional stabil“, erläuterte die Referentin.

15 Millionen Menschen flohen

Die Nachkriegsgeneration kenne weder Flucht noch Vertreibung, dennoch würden die Schatten bis heute nachwirken. Gerade traumatische Erfahrungen hätten einen besonderen Stellenwert, vor allem, wenn andere Menschen Gefühle der Angst und Ohnmacht zufügen. „Dieses erschütterte Vertrauen verändert das Lebensgefühl und kann an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden“, so Alberti.

15 Millionen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, flohen Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Ostgebieten. „Sie mussten soziale und kulturelle Spannungen aushalten, erfuhren, was Fremdsein bedeutet und waren abhängig vom Wohlwollen anderer Menschen“, machte die Referentin deutlich. Kehrten die Männer dann aus dem Krieg zurück, gab es erneut Spannungen, da die Frauen ihre neu gewonnene Selbstständigkeit nicht aufgeben wollten. „Die Emanzipation der 60er-Jahre hat dort ihre Wurzeln“, meint Alberti.

Sie schilderte einige Fälle aus ihrer Praxis. So sagt die 1958 geborene Erzieherin Miriam, deren Mutter 1945 überstürzt aus Ostpreußen fliehen musste: „Ich trage einen Schmerz, der meiner ist und doch nicht meiner.“ Sie ist überzeugt, dass diese Vergangenheit sehr auf ihre Beziehung zur Mutter gewirkt hat. „Ich war der Sonnenschein meiner Mutter. Das war auch eine Last. Sie war auf ihre Art sehr depressiv, obwohl sie immer kämpfte und weiterarbeitete. Aber sie trug eben sehr viel Traurigkeit in sich. Ich war wichtig für sie und ich fühlte mich gefangen.“

Anerkennung der Auswirkungen

Die 1964 geborene Lehrerin Franka berichtet: „Meine Eltern erzählten immer viel von der Kriegszeit, aber es gibt Tabus, da frage ich besser nicht nach.“ Weiter erzählt sie, dass ihre Mutter ihr ein bis heute wirkendes Angstbild vor den Russen, eine diffuse Lebensbedrohung verbunden mit der Furcht vor Soldaten und vor Männern überhaupt vermittelt habe. „So schwang bei uns früh ein negatives Männerbild mit, von Männern drohte Vergewaltigung.“ Auch die Erzählungen der Familie über den erlittenen Hunger im Krieg, verstörten Franka. „Oft hatte ich Schuldgefühle, und ich konnte doch nichts dafür“, berichtet sie.

Eine Aufgabe der 50er- und 60er-Jahre-Geborenen liege in der bewussten Anerkennung der Auswirkungen von über Generationen weitergegebenen Kriegserfahrungen, forderte die Referentin. Diese Generation sei häufig geprägt vom Verlust des emotionalen Zugangs zu den familiären Wurzeln, kollektiven Schuldgefühlen, Deutscher/Deutsche zu sein, dem Gefühl seelische Verletzungen der Elterngeneration heilen zu müssen oder einem unsicherem Selbstwertgefühl mit innerer Einsamkeit.

Als Ausweg empfahl Alberti, sich für die Familiengeschichte zu interessieren und sie insbesondere in ihrer seelischen Dimension zu erfassen und anzunehmen, ohne den Anspruch, sie heilen zu müssen. ahk

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