Unser Gesundheitswesen

Medizinisch ein Casino Royale

Ein Kommentar von Volkmar Koy. Im Casino Royale heißt es simpel „rien ne va plus“. Im Gesundheitswesen eher „blanker Wahnsinn“. Nichts geht mehr.

In dieser Zeitung hat ein Leser jetzt eine Chiffre-Anzeige mit dem Titel „Hausarzt gesucht“ aufgegeben. Erstaunlicherweise hat sich kein Mediziner gemeldet. Wie denn auch? Wer denn auch? Angeblich nimmt kein Hausarzt mehr neue Patienten an. System Deutschland, System Minister Spahn. Dabei haben die Patienten selbst schuld. Jeder Deutsche geht im Schnitt 17-mal im Jahr zum Arzt, in England nicht einmal die Hälfte davon, in Schweden nur dreimal. Folglich muss auch unser Anspruchsdenken neu justiert werden. Doch helfen die Kassenärztlichen Vereinigungen mit ihren leicht angestaubten Zulassenverordnungen für Vertragsärzte und Bedarfplanungen da wirklich? Eher nicht. 

Die Krankenkassen trauen sich aufgrund der allgemeinen Hechelei hinter neuen Mitgliedern sowieso nicht, über mögliche Wahl-Pflichttarife nachzudenken, die natürlich die Patienten teuer zu stehen kommen, die Woche für Woche auf der Suche nach neuen Haus- und Fachärzten die Wartezimmer weiter verstopfen. Das sind naturgemäß sehr viele Kontakte – und längst nicht alle sind notwendig. Überdies sei auch die Frage erlaubt, ob die freie Arztwahl noch die richtige Strategie ist, um Kosten und Ressourcen zu sparen. Spätestens jetzt dürfte beim Lesen dieser Zeilen ein Aufschrei des Entsetzens losgehen. Ach ja, demografisch kommt die nächste Hürde. 

Volkmar Koy

Wir werden alle älter, manche sogar gesünder, aber die meisten haben eben ab 60plus mit allerlei Macken zu kämpfen. Folglich lechzt die Kernspin-Röhre nach Nachschub. Und allen muss und soll dank höchster technischer Standards wieder auf die Beine geholfen werden. Geld scheint in dieser Umgebung sowieso keine Rolle zu spielen. Die Krankenkassen freuen sich sogar darüber, haben sie doch tagtäglich die Frage zu beantworten: Liegt die Behandlung in unserem Behandlungskatalog oder nicht? Wenn nicht, gibt es ja noch die Privaten, die sowieso alles zahlen. Was manchen Arzt dann wieder schwach macht. Und dann gibt es Bevölkerungsgruppen, manche mit Migrationshintergrund, die sagen einfach: „Du Doktor, du helfen.“ Und wehe nicht, dann gehe ich zum nächsten Arzt. 

Die Erfindung der elektronischen Gesundheitskarte war ein Segen, wenn ihre Möglichkeiten denn ausgeschöpft würden. Werden sie aber nicht. Auf dem Chip darf nicht alles, was für eine breite Informationsbasis im medizischen Sinne notwendig wäre, gespeichert werden. Da kommt der Datenschutz-Irrsinn ins Spiel. Und wer die Schnauze gänzlich voll hat von langen Wartezeiten beim Hausarzt, der geht ins Krankenhaus. 

Die defizitären Abteilungen auch in der hiesigen Aller-Weser-Klinik freuen sich über neue Kundschaft, als dass sie sich ernsthaft über die Behandlungen von Mückenstichen beschweren. Die Krankenhäuser versuchen mit allen Mitteln, stationäre Behandlungsfälle abzurechnen. Ansonsten wäre der Kreiszuschuss an die AWK wohl noch höher. 

Apropos Krankenhaus. Das scheint für junge Ärzte nach dem Studium offenbar attraktiver zu sein, als eine aufgegebene Praxis zu übernehmen (gar nicht auszudenken, wie viele Mediziner im Landkreis Verden in den nächsten Jahren in Rente gehen). 

Da kommt ein gesellschaftliches Problem ins Spiel: Geld spielt bei Ärzten und Ärztinnen in spe nicht mehr die entscheidende Rolle. Und wenn wir schon bei der Kohle sind, kommt der Minister ins Spiel: Jens Spahn will den Hausärzten mehr Sprechstunden aufs Auge drücken. Friss oder stirb. Der Politiker der Union vergisst nur eines. Damit wird der Mangel an Ärzten auf dem flachen Lande auch nicht beseitigt. Es gibt nur eine einzige Lösung. Jeder Bürger, wirklich jeder, bezahlt zehn Euro pro Arztbesuch. Mit einem Schlag wären dann der Ärztemangel und die Wartezeiten erledigt. Nur das traut sich der Minister nicht. Er will ja wiedergewählt werden.

Rubriklistenbild: © dpa

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